verkrampfte Hand Foto: Marcus Krauss, Alamy
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Nervenkrankheit Huntington Wie die Medizin gegen das langsame Absterben des Gehirns kämpft

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Wegen einer defekten Erbanlage vergiftet der Körper das Gehirn. Nun scheint die erste Therapie gegen die bislang unheilbare Huntington-Krankheit erfolgreich zu sein.

Dreißig, vierzig Jahre lang läuft alles normal. Dann zuckt ein Armmuskel, ein Bein macht unwillkürlich einen Schritt, das Gesicht zieht plötzlich eine Grimasse. Langsam entgleitet die Kontrolle über den eigenen Körper, die Gefühle verselbständigen sich, das Gedächtnis schwindet und macht Wahnvorstellungen Platz. Die Persönlichkeit verliert sich. Geistesabwesend, jeder Kontrolle von Sprache, Gestik und Mimik beraubt, von mitunter stundenlangen Krampfanfällen geschwächt und kaum noch zu so essentiellen Bewegungen wie dem Schlucken fähig, sterben die Patienten nach etwa fünfzehn bis zwanzig Jahren Martyriums. Die Angehörigen sehen es und wissen: Das könnte bald ich sein.

Chorea Huntington (Veitstanz) ist ein seltenes Nervenleiden. Für die betroffenen Familien dagegen ist es allgegenwärtig. Der Großvater verstirbt, drei seiner Söhne erkranken. Dann wird seine Tochter von einem Polizisten auf der Straße angeblafft. Sie solle sich schämen, so früh am Morgen betrunken zu sein! Für die Frau bricht in diesem Moment eine Welt zusammen. Sie ist über die Kreuzung gewankt und hat nicht bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Ein erstes Anzeichen der Krankheit.

Das war in den 1960er Jahren. Die Frau war die Mutter von Nancy Wexler. Die Wissenschaftlerin von der Columbia-Universität in New York trieb seitdem nur ein Ziel an: Sie wollte Gewissheit, einen Test. Jahrzehnte fahndete sie nach der genetischen Ursache, scharte 58 internationale Forscher um sich. 1993 konnte das Team das Ergebnis verkünden: Es ist eine Mutation im Huntington-Gen auf dem Chromosom 4.

Bei etwa zehn Prozent der rund 30.000 Patienten in Europa entsteht diese Veränderung spontan neu. Bei den meisten jedoch wird sie von einem Elternteil vererbt, was unweigerlich zur Erkrankung führt. Denn den Defekt kann nicht einmal eine gesunde Version des Gens vom anderen Elternteil ausgleichen. Zwar können Ärzte ihn dank Wexler per Gentest schon vor dem Ausbruch der Krankheit feststellen. Heilen oder aufhalten lässt sich der Zerfall des Gehirns bis heute nicht.

Die Schwestern wählten die Ungewissheit

Viele Nachkommen von Huntington- Opfern verzichten daher auf den Test. Sie wollen das Leben lieber leben, als am Unaufhaltsamen zu verzweifeln. Auch Nancy Wexler und ihre Schwester entschieden sich dagegen. „Unser Vater sagte zu uns: Ich weiß nicht, was ich von dem Test halten soll. Es wäre tragisch, euch so zu verlieren“, erzählte sie dem amerikanischen Radiosender NPR. „Das traf uns wie ein Donnerschlag. Wir wollten unbedingt wissen, dass wir die Krankheit nicht haben. Aber was, wenn doch?“ Es sei ein Unterschied, ständig über Huntington nachzudenken oder sein unvermeidliches Schicksal zu kennen. Eine der großen Erfolgsgeschichten der Genforschung war für ihr eigenes Leben nicht mehr viel wert. Die Schwestern wählten die Ungewissheit. Sie blieben vorsichtshalber kinderlos.

Diese Abwägung könnte sich nun ändern. Erstmals haben Huntington-Betroffene Anlass zur Hoffnung. Seit 2015 wurden insgesamt 46 Patienten mit einem experimentellen Medikament (Ionis-HTTRx) behandelt. Jetzt, im Dezember 2017, hat die Leiterin der Studie, Sarah Tabrizi vom University College in London, gegenüber der britischen Presse erklärt, dass die Resultate der neuartigen Therapie besser als alles seien, was sie sich erhofft habe. Trotzdem es sich nur um eine Phase-I-Studie handelt, die nur die Sicherheit der Therapie abklären sollte, und obwohl eine begutachtete Veröffentlichung erst noch für das kommende Jahr ansteht, sagt Tabrizi: "Zum ersten Mal besteht die Möglichkeit, dass wir eine Therapie haben, die die Huntington-Krankheit verzögert oder sogar verhindert."

Neben Briten und Kanadiern nahmen vor allem deutsche Patienten an der Studie der kalifornischen Biotechfirma „Ionis Pharmaceuticals“ (früher Isis) und der Schweizer Pharmafirma Roche teil. „Ulm ist die Zentrale des Europäischen Huntington-Netzwerks“, sagt Bernhard Landwehrmeyer von der Poliklinik für Neurologie der Universität Ulm. Rund ein Drittel aller Patienten in Europa würden dort betreut. Zusammen mit der Bochumer Universitätsklinik, der ältesten Huntington-Spezialklinik in Deutschland, seien hier die nötigen Strukturen für Studien geschaffen worden.

Huntington sei die heilbarste der unheilbaren neurodegenerativen Erkrankungen, sagt der Neurologe, der seit 15 Jahren nach einer Huntington-Therapie sucht. Man kenne die genetische Grundlage sehr gut. Die Krankheit entsteht, weil die Zelle beim Kopieren des Erbguts beim Huntington-Gen ins Stottern gerät. Dort gibt es eine Abfolge von drei DNS-Bausteinen, die bei den meisten Menschen bis zu 20 Mal wiederholt wird: CAG, also Cytosin, Adenin, Guanin. Durch das Stottern des Kopiermechanismus’ können es mehr werden. Ab 36 Wiederholungen bricht die Krankheit aus. Je mehr CAGs, umso früher im Leben.

Die giftige Variante des Eiweißes stoppen

Denn das Huntington-Gen wird in ein für Nervenzellen wichtiges Eiweiß übersetzt, das Huntingtin. Die vielen CAG-Wiederholungen verändern es jedoch so stark, dass das nützliche Protein plötzlich giftig wird. Es ist zu groß, verklumpt. Mit verheerenden Folgen im Gehirn, vor allem in einer Region namens Striatum (Streifenkörper). Das Striatum befähigt zu koordinierten Bewegungen, indem er Impulse anderer Hirnregionen auf die Bewegungszentren dämpft. Bei Huntington-Patienten fällt die Dämpfung weg, wenn diese Nervenzellen absterben. Die Muskeln zucken unwillkürlich.

Wer Huntington heilen will, muss daher verhindern, dass immer mehr giftige Varianten des Eiweißes gebildet werden. Kaum war die genetische Ursache der Chorea Huntington bekannt, schlugen Forscher daher vor, die Übersetzung des defekten Huntington-Gens zu stoppen. Mit „Antisense“-Molekülen wollten sie die Abschriften des Gens, die Huntington-RNS, abfangen. Die Antisense-Moleküle sind so gebaut, dass sie eine spiegelbildliche Abfolge von Erbgutbausteinen zur Huntington-RNS haben. Sie kleben sich daran fest. Und ohne RNS kein Bauplan für das Eiweiß Huntingtin.

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