Bewundert. Der David von Michelangelo in Florenz.  Foto: picture alliance / dpap

Nacktdarstellungen in der RenaissanceDie Wiedergeburt des Aktes

von Bernhard Schulz1 Kommentare

Vorbild Antike: In der Renaissance wurden legendäre Nacktdarstellungen geschaffen - wie der David von Michelangelo. Doch die Kirche lehnte die Figuren alsbald ab.

Die Renaissance, das weiß man, hat die Antike wieder zum Leben erweckt, daher der Name Renaissance, Wiedergeburt. Doch stimmt, was man zu wissen glaubt? War es allein diese Epoche, die die Antike in den Blick nahm, oder war die Antike womöglich nie wirklich verschwunden? Wie fließend die Übergänge von Antike über Mittelalter zur Renaissance sind, lässt sich exemplarisch an Akten studieren. Legendäre Nacktdarstellungen wurden in der Renaissance geschaffen, man denke an den David von Michelangelo. Werke, die die Kunstgeschichte auf Jahrhunderte hinaus geprägt haben.

Die „Hauptstadt der Nacktheit“ war in der Renaissance zweifelsohne Florenz –  so jedenfalls nennt Christina Acidini, Präsidentin der Accademia delle arti del disegno, ihre Heimatstadt. Nacktheit ließe sich aber nicht, wie die Herkunft aus der Antike nahelegen müsste, auf den profanen Bereich beschränken, sagte Acidini auf einer großen Tagung an der Humboldt-Universität, die sich unlängst der Wiederkehr des antiken Aktes in der Renaissanceplastik widmete.

Florenz sei dafür das beste Beispiel. So zeige die Porta della Mandorla am Florentiner Dom, geschaffen von verschiedenen Bildhauern zwischen 1391 und 1423, zahlreiche nackte Personen, darunter einen Herkules – den mythischen Gründer der Stadt Florenz. Sakrale und profane öffentliche Räume könnten also ihre Rolle im Laufe der Zeit durchaus wechseln.

Darstellungen des David gab es schon vor Michelangelo

Den Herkules gibt es in Florenz auch als Riesenskulptur, rechts neben dem Eingang zum Palazzo Vecchio, dem Regierungssitz der Stadtrepublik und später des Herzogs. Links davon aber steht der berühmte David von Michelangelo, 1504 aufgestellt (und seit 1873 durch eine Kopie ersetzt) und die erste Monumentalskulptur der Nachantike. Darstellungen des David gab es schon zuvor. Florenz erwarb über das 15. Jahrhundert hinweg Skulpturen von Donatello und Verrocchio, sodass der siegreiche David zur Symbolfigur der Stadt wurde.

Wie stehen die Davids im Vergleich da? Für Luca Giuliani, Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin, ist es die Neuerung Michelangelos, den David vor dem Kampf zu zeigen – und nicht, wie die Vorgänger, nach dessen siegreichem Ausgang mit dem abgeschlagenen Haupt des Goliath. Donatellos bronzener David von 1446 frappiert durch seine Erscheinung als „begehrenswerter Jüngling“. Seine Nacktheit wird durch die spärlichen Accessoires wie Helm und Stiefelsandalen nur noch stärker betont. Michelangelo zeigt demgegenüber einen athletischen, noch nicht ganz erwachsenen Mann. Dem „Minimalismus der kriegerischen Ausrüstung“ entspricht der „Maximalismus an körperlicher Erscheinung“, erklärte Giuliani – wobei er die „starke erotische Konnotation“ des David seit der Bronze von Donatello unterstrich.

Winckelmann nahm an, dass Nacktheit in der Antike selbstverständlich war

Über die Renaissanceskulptur kann nicht gesprochen werden, ohne die Auffindungen antiker Skulpturen in Rom zu erwähnen. Dass es sich um römische Kopien griechischer Originale handelt, hat erst Winckelmann ikonografisch herausgearbeitet. Doch „sklavisches Kopistentum der Antike hat es in der Renaissance kaum gegeben“, sagt die Kunsthistorikerin Nicole Hegener von der HU: „Das ist die Transformation der Antike – kopieren, variieren, verfeinern.“ Hegener forscht am Sonderforschungsbereich „Transformationen der Antike“, der die Tagung in Berlin veranstaltete; Hegener konzipierte mit Giuliani das Programm.

Winckelmann, der Begründer der wissenschaftlichen Kunstgeschichte und der Archäologie, nahm noch an, dass die Darstellung von Nacktheit in der Antike selbstverständlich war. Dem war aber keineswegs so, sagt Nikolaus Dietrich von der Uni Heidelberg. Man nehme die Aphrodite von Knidos, ein griechisches Werk des Praxiteles aus der Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. Sie ist die Urform der Venus pudica, der schamhaft ihre Blöße mit der Hand bedeckenden Venus. An dieser schon zu römischer Zeit zahlreich kopierten Skulptur erläutert Dietrich Grundzüge der Darstellung der Nacktheit. Nicht nur, dass Nacktheit eben nicht selbstverständlich war, schon gar nicht für eine schickliche Frau. Die Darstellung der Gottheit anzuschauen war überdies nach alter Überlieferung für Sterbliche höchst gefährlich.

Völlige Nacktheit war jungen Männern vorbehalten

Dietrich relativierte die Vorstellung völliger Nacktheit in der antiken Skulptur, indem er die „vollkommene Übereinstimmung der plastischen Darstellung von Körper und Gewand“ zeigte. Bekleidung könne den Körper erst recht zur Anschauung bringen: durch das dünne Gewand, bei Männern durch den die gespannten Muskeln nachformenden Brustpanzer. Völlige Nacktheit ist ohnehin den jungen Männern bei sportlicher Betätigung vorbehalten. Tatsächlich fixierte sich die Renaissance sehr auf die Erotik des jugendlichen Männerkörpers.

Eine besondere weibliche Nackte ist die liegende Figur der „Gerechtigkeit“ am Grabmal Papst Pauls III. im Petersdom, das heute nicht mehr öffentlich zugänglich ist. Von Guglielmo della Porta 1544 vollendet, galt sie als vollkommenster weiblicher Akt und große Sehenswürdigkeit der Stadt – ausgerechnet in der wichtigsten der sieben Pilgerkirchen. Das aber dauerte nicht lange, sagt Grégoire Extermann (Genf). Das Konzil von Trient verurteilte 1563 jede unsittliche Darstellung in der christlichen Kunst. Gleichwohl blieb die Justitia nackt bis zur Verhüllung mit einem metallenen Gewand im Jahr 1593, das allerdings Knie und Unterschenkel demonstrativ freilässt. Längst war da die Übermalung der Geschlechtsteile in Michelangelos Fresko des Jüngsten Gerichts in der Sixtinischen Kapelle angeordnet worden. Bartolomeo Ammanati ging 1575, nach der Fertigstellung seines Neptunbrunnens in Florenz, so weit, bei der Akademie um Abbitte für seine Darstellung nackter Flussgottheiten einzukommen und selbst deren Verhüllung vorzuschlagen.

Jan van Eycks Darstellung von Adam und Eva

Bedarf es überhaupt der Antike, um Nacktheit darzustellen? Jan-David Mentzel (Dresden) verweist auf Jan van Eycks Darstellung von Adam und Eva auf den Außenflügeln des Genter Altars von 1432, deren nackte Körper auf kein antikes Vorbild zurückgehen. Solche Darstellungen setzen sich nördlich der Alpen fort. Von Jan van Eyck stammt das nur in Kopie überlieferte Werk einer „Frau bei der Toilette“, bei der eine nackte und eine bekleidete Frau nebeneinander stehen. Aufgrund der mit einem Tuch gerade so bedeckten Scham wird das Werk dem antiken Typus der schamhaften Venus zugeordnet. Doch womöglich, so Mentzel, führte van Eyck lediglich die unterschiedlichen Reize von Nacktheit und Bekleidung vor.

„Es reichte womöglich, dass etwas nackt war, um es als antik zu verstehen“, sagt Mentzel. Die Rezeption der Antike in der Skulptur der Renaissance jedenfalls ist vielgestaltig. Mit der Antike traten die Künstler der Renaissance in einen idealen Wettstreit, wie die Epoche ihn auf allen Gebieten der Kunst liebte.