Kind nach Fahrplan. Beim "Social Freecing" werden Eizellen tiefgefroren gelagert und erst dann befruchtet und eingesetzt, wenn es für die Eltern günstig erscheint. Foto: dpap

Kolumne "Was Wissen schafft" Social Freezing: Kinder erst nach der Pensionierung?

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Eizellen auf Eis: Die Kryokonservierung wandelt die Mutterschaft. Und sie ist ein Symptom dafür, dass etwas falsch läuft in der Gesellschaft, meint unser Autor.

Die Technik ist denkbar einfach: In jungen Jahren lässt sich die Frau Eizellen aus ihren Eierstöcken entnehmen, auf Eis legen und mit Mitte vierzig, fünfzig oder wann immer die Lebensumstände passen, lässt sie sich künstlich befruchten und wird schwanger. „Offenbar kann sich mit dem Begriff ‚Soziales Einfrieren’ niemand anfreunden, also reden wir von ‚Social Freezing’“, sagt Christiane Woopen, Vorsitzende des deutschen Ethikrats. Vergangene Woche beschäftigte sich das Gremium auf seiner Jahrestagung mit den Folgen dieser Technik. Und das war dringend nötig.

Denn wie schon die Pille und die künstliche Befruchtung könnte Social Freezing nicht nur die Art und Weise der menschlichen Fortpflanzung, sondern auch den Umgang der Gesellschaft mit Familie und Kindern nachhaltig verändern. Das Embryonenschutzgesetz reguliert Social Freezing, auch Kryokonservierung genannt, bisher nicht. Frauen könnten sich also bis zur Pensionierung Zeit für den Nachwuchs lassen. Muss der Staat also eingreifen, um im Sinne des Kindeswohls Familienkonstrukte zu verhindern, in denen greise Eltern ihre Kinder mit dem Rollator zur Schule bringen? Oder würde er damit das Selbstbestimmungsrecht der Frau über Gebühr beschränken?

Die Vorteile des Social Freezing liegen auf der Hand: Während Eizellen normalerweise mit der Frau altern und sich jenseits der 35 das Risiko für Fehlentwicklungen und -geburten erhöht, sind Schwangerschaften mit eingefrorenen Eizellen statistisch unauffällig. Damit werden normale Schwangerschaften auch jenseits der 40 möglich. Sogar nach dem 60. Geburtstag ist mit tiefgekühlten Eizellen noch Nachwuchs machbar. Doch solche Beispiele sind selten. Bisher sind es ohnehin meist Frauen Anfang 30, die ihre Eizellen für eine Schwangerschaft binnen einer Dekade einfrieren. Eine Gesellschaft greiser Mütter droht durch Social Freezing also nicht. Ohnehin haben Frauen seit der Pille den Zeitpunkt für Nachwuchs nach hinten verschoben. Der Trend in der Gesellschaft laute „schwanger mit 30 plus, zunehmend auch schwanger mit 40 plus“, sagte der Reproduktionsmediziner Jörg Puchta auf der Ethikrat-Tagung. Das Einfrieren schaffe dafür nur „optimale Bedingungen“.

Ganz ohne Risiko ist das Social Freezing nicht

Doch Social Freezing hat auch Nachteile: Die Eizellen werden mit einer Punktion, einer Operation, entnommen. Davor müssen die Eierstöcke mit Hormonen stimuliert werden. Beides birgt Risiken, die gesunden Frauen zugemutet werden.

Ob so späte Schwangerschaften ein höheres Risiko für Kind und Mutter bergen, ist kaum untersucht. Sicher ist hingegen, dass Elternschaft anstrengend ist, und eine 55-jährige Mutter ihren Wonneproppen nicht mehr ganz so spielerisch hebt.

Dennoch: Der Staat sollte sich nicht anmaßen, Social Freezing einzufrieren. Das Kindeswohl ist vermutlich nicht in Gefahr, wenn die Eltern jenseits der 50 sind. Viele Kinder wachsen schon jetzt in Familien auf, in der die Eltern auch die Großeltern sein könnten. Und wer die Karriere hinter sich hat, kann mit seinen Kindern vielleicht entspannter umgehen. Wo sollte auch die Grenze liegen, bis zu der eine Frau auf tiefgefrorene Eizellen zurückgreifen darf? Bei 50? Warum nicht 51? Und warum sollte Social Freezing anders behandelt werden als die Pille? Auch diese Technik birgt gesundheitliche Risiken für die Frau.

Eine Schwangerschaft führt immer noch zu einem Karriereknick

Nicht Pille oder Social Freezing stellen ein Problem dar. Sie sind nur Hilfsmittel, um die Symptome gesellschaftlicher Fehlentwicklung erträglicher zu machen. Anstatt also Techniken zu regulieren, sollten sich Ethikrat und Parlament eher Gedanken darüber machen, wie Frauen endlich einen gleichberechtigten Status in der Gesellschaft bekommen.

Wenn Frauen noch immer darum kämpfen müssen, gleiches Geld für gleiche Arbeit zu verdienen und Schwangerschaft unweigerlich Karriereknick bedeutet, in einer solchen Gesellschaft wird das Kinderkriegen immer ein „Problem“ bleiben, das jeder Bürger selbstbestimmt löst – mit welcher Technik auch immer. Diese Hilfsmittel aus Sorge um die Frau oder um das Kindeswohl einzuschränken oder gar zu verbieten – das grenzt an Doppelmoral.

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