Architektonische Anleihen bei der Alhambra. Die 1866 erbaute Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße. Das spanische Mittelalter galt lange als Projektionsfläche für den Traum von Toleranz. Foto: Jürgen Ritter/imago
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Jüdische Kultur Wissenschaft des Judentums

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Das Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg wird ausgebaut und in Selma-Stern-Zentrum umbenannt. Es steht in einer langen Tradition.

Maurisch anmutende Formen, orientalisierendes Dekor – wer vor der „Neuen Synagoge“ in der Berliner Oranienburger Straße steht und schon mal die Alhambra im südspanischen Granada besucht hat, wird vielleicht ein ästhetisches Déjà-vu erleben. Denn die 1866 eingeweihte Berliner Synagoge zitiert recht augenfällig die Prachtbauten des spanischen Mittelalters. Der Bezug ist keineswegs einer bloß zufälligen Mode geschuldet, sagt Sina Rauschenbach, die an der Universität Potsdam zum sephardischen Judentum forscht.
In der Zeit zwischen der umayyadischen Eroberung großer Teile der iberischen Halbinsel im 8. Jahrhundert und der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492 gab es immer wieder Phasen, die als „Convivencia“ gepriesen wurden, weil Juden, Christen und Muslime weitgehend friedlich beieinander lebten. Zumindest bis zum Niedergang des Kalifats von Córdoba im 11. Jahrhundert war al-Andalus ein prosperierendes Zentrum der Gelehrsamkeit, in dem sich die verschiedenen Kulturen und Religionen gegenseitig inspirierten. In dieser Zeit war es den sephardischen Juden auf der iberischen Halbinsel möglich, ihre Religion halbwegs unbehelligt auszuüben und gleichzeitig an den wissenschaftlichen Diskursen und am Alltag der Mehrheitsgesellschaft teilzunehmen.

Das maurische Spanien wurde zum Sehnsuchtsort

Die „sephardischen Perspektiven“, die Sina Rauschenbach in Potsdam analysiert, bilden einen der zentralen Forschungsbereiche des 2012 gegründeten Zentrums Jüdische Studien Berlin-Brandenburg (ZJS), das dieser Tage in die zweite Förderphase geht. Kürzlich hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) weitere 6,2 Millionen Euro Forschungsgelder für die nächsten fünf Jahre bewilligt.
Jetzt soll das ZJS, ein Gemeinschaftsprojekt der drei Berliner Unis FU, HU und TU, der Universität Potsdam, der Europa-Universität Viadrina, des Abraham Geiger Kollegs und des Moses Mendelssohn Zentrums, ausgebaut werden – und einen neuen Namen erhalten. Am 19. Oktober findet die offizielle Neueröffnung des ZJS als Selma-Stern-Zentrum statt. Die Namenspatin, eine der ersten deutschen Historikerinnen überhaupt, forschte ab 1920 an der „Berliner Akademie für die Wissenschaft des Judentums“. Der Name ist insofern Programm, als die modernen Jüdischen Studien auf jene „Wissenschaft des Judentums“ als Ahnendisziplin rekurrieren.
Für die deutschen Juden des 19. Jahrhunderts, die sich mit zunehmendem Antisemitismus konfrontiert sahen, fungierte das maurische Spanien und der damit verbundene „Mythos Sepharad“ als Sehnsuchtsort und Projektionsfläche für gelungene Integration. Man träumte sich in ein goldenes Zeitalter, in dem Ausgrenzung und Marginalisierung eine deutlich geringere Rolle spielten. „Im Zuge der Idealisierung von al-Andalus haben preußische Aschkenasen dann auch intensiv das Denken und die Kultur der iberischen Sepharden rezipiert“, sagt Rauschenbach. Im Berlin des 19. Jahrhunderts gab es demnach eine ästhetische und intellektuelle Hinwendung zum spanischen Mittelalter, die sich in Architektur, Wissenschaft und Literatur manifestierte.

Jüdische Wissenschaft wurde zur Praxis der Selbstbehauptung

Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte sich aus den Prozessen, die die Haskala, die jüdische Aufklärung, in Gang gesetzt hatte, das deutsche Reformjudentum und mithin die Wissenschaft des Judentums. Vor allem in Breslau und Berlin, als den Zentren reformjüdischer Gelehrsamkeit, suchten junge Deutschjuden nach Wegen, ihre Religion und Kulturgeschichte mit wissenschaftlichen Methoden in den Blick zu nehmen. So gründeten sich abseits der christlichen Universitäten, an denen Juden als Juden nicht willkommen waren, liberale jüdische Forschungsstätten, die von rein theologischen Problemen abstrahierten.
Den reformjüdischen Gelehrten ging es dabei um die existenzielle Frage, wie sie sich einerseits in die Mehrheitsgesellschaft eingliedern und andererseits ihre jüdische Identität wahren konnten. Anders als während des zum goldenen Zeitalter stilisierten Kalifats von Córdoba stießen die Reformjuden des 19. Jahrhunderts in Deutschland dabei nämlich auf erhebliche Widerstände.
Christina von Braun, Mitinitiatorin und ehemalige Leiterin des Verbundprojekts ZJS, erklärt denn auch, dass die Bildung einer genuin jüdischen Wissenschaft als Praxis der Selbstbehauptung und nicht zuletzt als Reaktion auf den grassierenden Antisemitismus, insbesondere an den preußischen Universitäten, begriffen werden muss. So ging die Wissenschaft des Judentums schon früh über bloß religiöse Fragen hinaus und bündelte die verschiedensten Bereiche, die im Kontext jüdischen Lebens, jüdischen Denkens, jüdischen Handelns eine Rolle spielen.

Über den eigenen Tellerrand sehen

Dem transdisziplinären Ansatz, der Philosophie, Geschichte, Theologie, Religions-, Kultur- und Literaturwissenschaft in Dialog treten lässt, fühlt sich das alte ZJS – und natürlich auch das neue Selma-Stern-Zentrum verpflichtet. „Die Intention der Gründung war es, eine multiperspektivische Plattform zu schaffen“, sagt Christina von Braun. Das Zentrum sollte von Anfang an ein Ort der Begegnung sein, an dem die Forscher sich mit anderen austauschen, ihre fachspezifische Perspektive hinterfragen und ihren wissenschaftlichen Horizont erweitern können. Die konkreten Arbeiten und Forschungsprojekte profitierten enorm von den erzeugten Synergie-Effekten, so von Braun. Durch den permanenten Austausch – zum Beispiel in den wöchentlichen Kolloquien – würden die Wissenschaftler dazu ermuntert, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, anstatt mehr oder weniger isoliert ein abgezäuntes Feld zu beackern.
Die Wissenschaft des Judentums war eine jüdisch-interne Entwicklung, die gleichwohl durch die Begegnung mit der nicht-jüdischen Umwelt initiiert wurde. Demgegenüber sind die Jüdischen Studien von heute natürlich längst keine exklusive Angelegenheit jüdischer Forscherinnen und Forscher mehr. Jüdische Studien haben stark Konjunktur – nicht zuletzt deshalb, weil sie kein isoliertes Fach darstellen, sondern einen integralen Bestandteil der verschiedensten Disziplinen bilden. Ziel sei es, die Jüdischen Studien in den jeweiligen Fächern, in denen sie eine Rolle spielen, stärker zu verwurzeln, sagt von Braun.

Die Juden prägten nicht nur den Berliner Humor

Im Hinblick darauf wird das Zentrum nun als Forschungsbasis ausgebaut. Mit den neuen Fördermitteln soll an jeder Trägeruni eine Forschungsgruppe (bestehend aus einer Postdoc-Stelle und zwei Doktoranden-Stellen) eingerichtet werden, die jeweils ein spezifisches Feld jüdischer Tradition beforscht. An der HU zum Beispiel leitet die Kulturwissenschaftlerin Liliana Feierstein ein Projekt, das die Emigration des Reformjudentums während der Nazizeit und die Übertragung deutsch-jüdischer Kulturpraktiken in den lateinamerikanischen Raum untersucht. Auch die Rezeption des Sephardentums gelangte dabei über den Atlantik – die deutschen Reformjuden nahmen den Hype ums spanische Mittelalter ins spanisch-sprachige Amerika mit.
Christina von Braun sagt, ihre Studierenden seien immer wieder überrascht gewesen, wie prägend sich die jüdische Tradition für die deutsche Kultur ausnehme. So vermittelten die Jüdischen Studien auch eine Sensibilität dafür, wie maßgeblich „Deutsch-Sein“ von jüdischer Philosophie, jüdischen Begriffen, jüdischer Literatur, jüdischen Denkweisen und – speziell in Berlin – auch von jüdischem Humor und jüdischer Umgangssprache geformt sei.

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