Lernen auch am Nachmittag. Bisher sind erst 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler an einer Ganztagsschule (im Bild das Foyer der Gesamtschule Barmen in Wuppertal, Preisträgerin des Deutschen Schulpreises 2015). Foto: Marius Becker/dpa
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Große Schulreform Was die Ganztagsschule für alle kostet

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Die Verdopplung der Plätze an den Ganztagsschulen würde allein für Personal jährlich zusätzlich 2,8 Milliarden Euro kosten. Das geht aus einer neuen Studie hervor.

Die Verdopplung der Plätze an Ganztagsschulen in Deutschland würde jährlich zusätzlich 2,8 Milliarden Euro an Personalkosten verursachen. Außerdem würden 15 Milliarden Euro für Bauinvestitionen nötig. Das geht aus Berechnungen der Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn für die Bertelsmann Stiftung hervor.

Bislang lernen in Deutschland 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler im Ganztag. Da sich 72 Prozent der Eltern laut der Jako-o-Bildungsstudie einen Platz an einer Ganztagsschule für ihr Kind wünschen, haben die Forscher errechnet, welcher Aufwand nötig wäre, wenn im Jahr 2025 80 Prozent der Schüler im Ganztag unterrichtet würden. Um diese Quote zu erreichen, müssten demnach zusätzlich 3,3 Millionen Plätze an Ganztagsschulen geschaffen werden. 31.400 zusätzliche Lehrkräfte würden gebraucht, außerdem noch 16.200 pädagogische Fachkräfte wie Erzieher und Sozialpädagogen für alle Schulformen inklusive der Sekundarstufe I.

Erst ein Rechtsanspruch würde den Ausbau ins Rollen bringen, heißt es

Aus Sicht der Bertelsmann Stiftung geht es mit dem Ausbau der Ganztagsschule in Deutschland zu langsam voran. Zwar stünden inzwischen viermal mehr Plätze zur Verfügung als noch zu Beginn der Jahrtausendwende, als erst jeder zehnte Schüler einen Platz an einer Ganztagsschule hatte. Doch seit dem Ende des großen Bundesprogramms im Jahr 2009 habe „der Ausbau deutlich an Fahrt verloren“. „Wenn es im gleichen Tempo weitergeht wie zuletzt, wird es noch mehr als vier Jahrzehnte dauern, bis ein flächendeckendes Angebot für alle Schüler besteht“, erklärte die Stiftung am Dienstag. Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, fordert einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz. Erst die Einführung eines Rechtsanspruchs habe auch den Kita- und Krippenausbau „richtig ins Rollen gebracht“.

Noch gibt es in den Ländern keinen einheitlichen Maßstab für Ganztagsschulen

Die meisten im Parlament vertretenen Parteien fordern inzwischen einen Rechtsanspruch auf einen Platz an einer Ganztagsschule. Auch die Union, die dem großen Ganztagsschulprogramm, das die SPD im Jahr 2004 anschob, lange ablehnend gegenüberstand, hat das Thema in ihr Wahlprogramm aufgenommen.  FDP und Grüne, mit denen die Union möglicherweise eine Koalition bilden wird, sind ebenfalls für einen Rechtsanspruch. Wegen des Kooperationsverbot darf der Bund allerdings keine Lehrkräfte an Schulen bezahlen, sondern nur finanzschwache Kommunen bei der Schulsanierung und dem Schulbau unterstützen.

Im Zuge des Ausbaus der Ganztagsschule müssten sich die Verantwortlichen auch auf gemeinsame Qualitätsstandards einigen, fordert Dräger. Tatsächlich verbergen sich hinter dem Etikett „Ganztagsschule“ bundesweit ganz unterschiedliche Modelle. Oft ist das Nachmittagsprogramm nicht ausreichend mit dem Vormittag verzahnt und erfüllt pädagogische Qualitätsansprüche nicht. Außerdem führen Länder auch solche Schulen als Ganztagsschulen, die nur in geringem Umfang Angebote am Nachmittag machen und solche, die nicht "gebunden", also verpflichtend sind. Die Berechnungen von Klemm und Zorn beziehen sich auf die Annahme, dass es für alle Schülerinnen und Schüler an Ganztagsschulen „hochwertige Lernangebote“ gibt, erklärt die Bertelsmann Stiftung. Eingeflossen sind auch die steigenden Schülerzahlen durch den Geburtenanstieg und die Zuwanderung.

In Bayern besuchen nur 16 Prozent eine Ganztagsschule

Weil der Anteil von Ganztagsschülern in den Bundesländern sehr unterschiedlich ist, müssten manche Länder ihre Plätze massiv aufstocken, um einen flächendeckenden Ausbau zu erreichen. In Bayern besuchen nur 16 Prozent eine Ganztagsschule, in Baden-Württemberg erst knapp 24 Prozent, in Sachsen-Anhalt erst rund 25 Prozent. Hamburg hingegen hätte das Ziel mit einem Anteil von fast 92 Prozent schon erreicht - wenn nicht qualitativ, so jedenfalls quantitativ. Weit ausgebaut ist die Ganztagsschule auch in Sachsen (mit einem Anteil von fast 78 Prozent) und in Berlin (fast 66 Prozent).

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