Die frühere NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) (Archivbild vom 7.09.2015) Foto: dpa/Marius Becker
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Frauen in der Politik Kümmern und sparen

Dorothee Beck
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Landesmütter und Mutti Merkel: Die "Mutter" ist zur beherrschenden Metapher für Politikerinnen geworden. Dabei ist sie ein zweischneidiges Schwert.

Ausgerechnet am Muttertag sei Landesmutter Hannelore Kraft abgewählt worden. Nicht nur der Kabarettist Christian Ehring, auch der WDR, die „Berliner Zeitung“ oder die „Frankfurter Rundschau“ konnten sich am 15. Mai diesen süffisanten Hinweis nicht verkneifen. Keine andere Spitzenpolitikerin hat das mütterliche Image so sehr strapaziert wie die bisherige Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen. Die Medien griffen das, wie schon bei „Mutti“ Merkel, auf. Im Wechselspiel mit Partei-PR wurde die „Mutter“ zur dominanten medialen Metapher für jene Spitzenpolitikerinnen, die Männerbastionen in der Politik erobern.

Männlichen Spitzenpolitikern steht hingegen eine ganze Bandbreite von Images zur Verfügung: etwa der kalte Manager der Macht, der Macher, der Medienkanzler, der Bürokrat, der Intellektuelle, der Arbeiterführer, das politische Alpha-Männchen, natürlich auch der Landesvater. Dieser Begriff, der von feudalen Landesfürsten auf demokratisch gewählte Ministerpräsidenten überging, repräsentiert einen paternalistischen, überparteilichen, volksnahen und konsensorientierten Regierungsstil, der Identifikation stiften soll.

Die erste moderne "Landesmutter" war Heide Simonis

Der Begriff Landesmutter übertrug sich von der Frau des Landesherrn zunächst auf die Frau des Ministerpräsidenten und ab der Wahl von Heide Simonis (SPD) 1993 in Schleswig-Holstein auch auf die Regierungschefinnen. Doch diese Metapher ist erheblich widersprüchlicher als der Landesvater. Vater und Mutter sind eben nicht nur die beiden Hälften der familiären Chefetage. Ihnen werden vielmehr unterschiedliche Rollen und Eigenschaften zugeschrieben.

Der Vater ist in der politischen Ideengeschichte von Max Webers „Politik als Beruf“ (1919) über Jürgen Habermas’ „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) bis zu Hannah Arendts „Vita activa“ (1967) als öffentliche Person gedacht. Vernunftbegabt, sachlich, frei von Fürsorgepflichten, wirtschaftlich unabhängig kümmert er sich um öffentliche Belange. Die Mutter hingegen wirkt im Privaten, pflegt, umhegt und umsorgt die Familie. Sie repräsentiert nicht Vernunft und Sachlichkeit, sondern Empathie und Liebe.

Auch wenn diese traditionelle Dichotomie mit der zunehmenden Sichtbarkeit von Frauen in der Politik Brüche zeigt, bringt sie auch heute noch Politikerinnen in Widerspruch zwischen Erwartungen an sie als öffentliche Person und als Frau – ein klassisches Dilemma. Im Kontext dieser widersprüchlichen Erwartungen verhandeln Medien das Profil und die Praxis von Spitzenpolitikerinnen auf Bundes- wie auf Landesebene durchaus sehr facettenreich.

"Mutti" - der Kanzlerin hätte nichts Besseres passieren können

Zu Beginn ihrer Regierungszeit wurde Angela Merkel in den Medien als machtbewusst, (zu) kühl und sachlich inszeniert. „Mutti“ – der Kanzlerin hätte wohl nichts Besseres passieren können, als die Begebenheit, die ihr diesen Spitznamen verlieh. Laut „Spiegel“ wies Merkel den damaligen Bundeswirtschaftsminister Michael Glos zurecht, als dieser an einem kalten Tag im Jahr 2009 keinen Mantel trug. Glos habe sich darüber mit der Bezeichnung „Mutti“ lustig gemacht.

In den Medien entwickelte sich die „Mutti“ zur Marke, vermutlich befeuert von Merkels PR-Leuten, um das Image der Kanzlerin „anzuwärmen“. Die Mutti war die einzige Frau in der schwarz-gelben Koalition, die die männliche Rasselbande zur Ordnung rufen durfte. Zu spüren bekam das auch Umweltminister Norbert Röttgen, der sich zunächst als „Muttis Klügster“ in Merkels Medien-Image sonnen konnte, aber nach seiner krachenden Wahlniederlage in NRW 2012 seinen Hut als Bundesminister nehmen musste.

Im gleichen Stil inszenierten die Medien übrigens auch „Landesmutter“ Annegret Kramp-Karrenbauer, als diese im Januar 2012 der renitenten FDP den Stuhl vor die Kabinettstür in Saarbrücken setzte, die Jamaika-Koalition beendete und anschließend die Landtagswahl gewann.

"Wir schaffen das", sagte die "Mutter der Nation"

Im Laufe der Zeit wich „Mutti“ Merkel zunehmend der „Mutter der Nation“, präsidial über den Parteien stehend, doch wegen einer weichen, zugewandten Seite unangefochten populär. Paradigmatisch steht dafür Merkels Identifikation stiftender Ausspruch „Wir schaffen das!“ angesichts der Flüchtlingskrise Ende August 2015: Wir, die Nation mit der Über-Mutter an der Spitze, sind in der Lage Großes zu leisten.

Daneben zeichneten die Medien Merkel im Bild der schwäbischen Hausfrau, die als „swabian housewife“ auch in den angelsächsischen Raum einsickerte. Die schwäbische Hausfrau hält die Groschen zusammen und lebt nicht auf Pump. Damit lassen sich Einschnitte in die öffentliche Infrastruktur und das Sozialsystem genauso an den kleinfamiliären Alltag rückbinden wie die umstrittene Austeritätspolitik der EU, für die die Kanzlerin steht.

Merkels mediales Image hat also nichts mit der nährenden und liebenden Seite von Mütterlichkeit zu tun. Inszeniert wird die strenge, sich kümmernde, unermüdliche und sparsame Mutter. Merkels Politikstil, Machtfülle und neoliberale Programmatik wird in diesem Bild mit ihrem Frausein verknüpft, ohne dass sie in das beschriebene Dilemma gerät. Im Gegenteil, sie gewinnt an Popularität.

Vorwurf der blinden Mutterliebe gegen Hannelore Kraft

Hannelore Kraft lieferte den Medien ein Profil als bodenständige, warmherzige und unprätentiöse Landesmutter in NRW. In jedem ihrer Wahlkämpfe punktete sie damit gegen ihre CDU-Kontrahenten, den als hölzern und glücklos inszenierten Vorgänger Jürgen Rüttgers (2010), Norbert Röttgen (2012), dem das Image als intellektueller Überflieger anhing, und zuletzt den als harmlos und nett abgewerteten Armin Laschet.

Die Landesmutter habe zuerst „in Düsseldorf alle warm“ geredet („Spiegel“) und die Minderheitskoalition zusammengehalten. Sie liebe nicht die großen Machtposen, sondern sei „einfach da“ („FAZ“), wie sich auch eine „echte“ Mutter nicht in den Vordergrund drängt. Die Landesmutter sollte aber auch die schlechte Regierungsbilanz und den Schuldenberg vergessen machen. So wurde Krafts „vorsorgende Sozialpolitik“ in den Medien mit dem Bild der blinden Mutterliebe verhandelt. Aus Sorge um die Landeskinder werfe Kraft das Geld mit beiden Händen zum Fenster hinaus. Die Geschichte endete mit der Inszenierung als Abwahl am Muttertag.

Ursula von der Leyen als Verteidigungsministerin forderte die Medien heraus. Krieg und Militär sind männlich kodiert. Der Soldat tötet oder lässt heldenhaft sein Leben. Die Mutter hingegen schenkt Leben, im Fall der Verteidigungsministerin sogar siebenfach, was von der Leyen in den ersten Jahren ihrer bundespolitischen Karriere intensiv zur Selbstpräsentation genutzt hatte. Die Medien deklarierten die erste deutsche Verteidigungsministerin zur „Mutter der Kompanie“. Ursprünglich ist damit der Kompaniefeldwebel als Vertrauensperson der Soldatinnen und Soldaten gemeint. Die Metapher setzt mütterliche Eigenschaften in ein militärisches Umfeld und bezeichnet eine Person, die resolut und empathisch eine undisziplinierte Gruppe führt.

Wenn die "Mutter der Kompanie" Frühjahrsputz macht

Von der Leyens Ankündigung, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Bundeswehr zu verbessern, bediente diesen Aspekt. Zugleich ließen sich mit dieser Metapher Entscheidungen der Verteidigungsministerin begrifflich mit der privaten Rolle verknüpfen, etwa indem „Spiegel online“ den Personalumbau im Ministerium als „Frühjahrsputz“ bezeichnete. Die Mutter-Metapher wurde also nicht nur im Kontext der Sorge um die Soldatinnen und Soldaten, sondern durch den Kontrast von politischer Entscheidung und häuslichem Alltag auch zur Trivialisierung der Ministerin genutzt.

Die Mutter-Metapher in den Medien zeigt, dass die Position von Politikerinnen auch nach 30 Jahren Quote noch prekär ist. Geschaffen werden zwar positive, warmherzige Images, die sich zum Beispiel mit dem sprichwörtlichen Alpha-Männchen kontrastieren lassen. Mit unterschiedlichen Mutter-Bildern lassen sich politische Profile und Inhalte schärfen. Und die Mutter ist eine Identifikationsfigur. Zugleich bleiben immer auch Risiken für die so bezeichneten Politikerinnen, etwa im Vorwurf der Landesmutter als Retusche für schlechte Regierungsarbeit. Jederzeit kann mit dem medialen Rückgriff auf Klischees von Mütterlichkeit die Politikerin abgewertet, trivialisiert und damit begrifflich ins Private zurückversetzt werden.

Die Autorin forscht an der Universität Marburg unter anderem zu politischer Öffentlichkeit und Geschlecht.

Warum Merkel zeigt, dass sie auch Gänsebraten kann: Eine Analyse von Dorothee Beck zum Privaten in der Politik lesen Sie hier.

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