Strahl der Erkenntnis. Die moderne Naturwissenschaft vermittelt faszinierende Einsichten – unfehlbar ist sie nicht. Foto: Jan-Peter Kasper/dpa Foto: Jan-Peter Kasper/dpap

Forschung und ZeitgeistSelbstbegrenzung und Selbstdistanz

Von Peter Strohschneider11 Kommentare

Was die Wissenschaften in Zeiten des Populismus tun müssen, um vertrauenswürdig zu bleiben.

„Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ So unzweideutig steht es im Artikel 5 des Grundgesetzes. Doch was sich wie eine Naturgegebenheit ausnimmt, ist vielmehr eine Aufgabe: Wissenschaftsfreiheit entsteht aus jener Verantwortung, die wir für sie zu übernehmen bereit sind. Und noch vor Kurzem hätte man sich schwerlich ausmalen können, in welchem Maße herausfordernd geworden ist, was hierzulande als Grundrecht gewährleistet ist.

Man hätte meinen mögen, Wissenschaftsfeindlichkeit und populistischer Anti-Intellektualismus liefen als Rauschen öffentlicher Kommunikation nebenher mit und eine Leugnung des menschengemachten Klimawandels greife kaum über konventikelhafte Zirkel hinaus. Doch längst sieht man sich eines Schlechteren belehrt. Wahn und Lüge, vulgärer Zynismus, nacktes Machtkalkül und unverantwortliche Simplifizierung beweisen erneut ihre Geschichtsmächtigkeit. Auch gegenüber der Wissenschaft und ihrer Freiheit, und nicht nur – besonders bizarr – in den USA, sondern auch etwa in der Türkei oder in Ungarn und damit inmitten der Europäischen Union.

Freie Wissenschaft ist verdächtig

Den Autokraten und Populisten, auch in der Bundesrepublik, wird freie Wissenschaft zum Objekt von Insinuation und Verdächtigmachung. Massiv verbreiten sie Expertenmisstrauen, der Austausch von Argumenten als Verständigungsbasis offener Gesellschaften wird aufgekündigt. Populistische Vereinfachungen und autokratische Durchgriffsideologien verheißen, den Zumutungen der modernen Welt schadlos entkommen zu können. Deswegen machen sie den sachlichen Diskurs ebenso verächtlich wie methodische Wahrheitssuche und die Begründungsbedürftigkeit von Geltungsansprüchen.

Übrig bliebe die Ordnung der alternative facts: Was in ihr gilt, hängt vom Herrschaftswillen des jeweiligen Machthabers ab. An die Stelle des Sachverhaltsbezuges träte ein Machtbezug. Wer sich dem Machtanspruch beugt, sage die Wahrheit, alle andern seien Lügner. Wahrheit wird zur Funktion von Macht.

Gegen solche tektonischen Verschiebungen der politischen Kommunikation und für die Freiheit von Forschung und Lehre in pluralistischen Gesellschaften müssen die Wissenschaften selbst streiten. Dabei können sie allein erfolgreich sein, wenn sie ihren eigenen Prinzipien folgen. Sie dürfen also nicht umgekehrt die Legitimität von Macht als eine Funktion von Wahrheit zu bestimmen suchen.

Moderne Forschung ist pluralistisch. Sie erzeugt keine Gewissheiten, sondern methodisch verlässliches Wissen. Sie sagt, was der Fall ist. Sie kann nicht sagen, was alternativlos der Fall sein sollte. So sehr daher Demokratie wissenschaftlicher Informierung bedarf, so sehr ist sie mehr als bloß die Exekutierung von Forschungsergebnissen. Schon Hannah Arendt wusste, dass „vom Standpunkt der Politik aus gesehen“ der technokratische Sachzwang „despotisch“ ist.

Selbstkritisch. Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Mediävist Peter Strohschneider, spricht am 19. März 2013 in Berlin während der Verleihung des Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preises. Foto: Sören Stache/ dpap

Freilich: Im Widerspruch gegen populistische Wissenschaftsfeindlichkeit profiliert sich eine Auffassung neu, welche die demokratischen Prinzipien unterläuft. Ihre Parole (so Kathrin Zinkant in der „Süddeutschen Zeitung“) lautet „Für alternativlose Fakten, für wissenschaftliche Evidenz, für Wahrheit in der Politik“. Dies aber ist Szientokratie: Sie verwechselt unzweideutige Fakten mit ambivalenten politischen Folgerungen; sie verkennt, dass keineswegs für alle dasselbe evident ist; sie sieht politische Macht durch Wahrheit anstatt durch Mehrheit und Verfassung legitimiert.

Doch in den Streit für die pluralistische Moderne und gegen vulgäre Forschungsfeinde können Studenten, Wissenschaftlerinnen, Forscher allein dann eintreten, wenn sie sich nicht als Instanz des Wahrheitsbesitzes verstehen, sondern als diejenige der rationalen, methodischen Suche nach Wahrheit. Wissenschaftliches Wissen steht unter Revisionsvorbehalt, allein dann ist ja an Erkenntnisfortschritte zu denken. Es muss kollektiv bindende Entscheidungen zwar informieren, kann sie aber nicht selbst treffen.

Und allein wenn sie sich in dieser Weise ernst nehmen, können die Wissenschaften ihr Teil dazu beitragen, dass die Unterscheidung von Wahrheit und Lüge auch in Zukunft auf Sachfragen bezogen wird anstatt auf Machtfragen.

Es ist dies eine entscheidende Verantwortung moderner Wissenschaften. Ihr können sie nur gerecht werden, wenn sie auch mit sich selbst verantwortlich umgehen. Damit ist ein sehr weites Feld angesprochen, von der Qualität des Studiums bis zur Chancengleichheit. Gewiss aber gehört zweierlei zu verantwortlicher Wissenschaft: skrupulös sorgfältige Erkenntnisgewinnung und seriöse Leistungsversprechungen gegenüber der Gesellschaft.