Mehr als 200 Teilnehmer der "Falling Walls"-Konferenz protestierten am 8. November vor dem Brandenburger Tor gegen "alternative Fakten". Thomas Koehler/photothek.net
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"Falling Walls"-Konferenz in Berlin Mehr als 200 Wissenschaftler demonstrieren gegen "alternative Fakten"

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Die Forschung wird politisch. Zum Start der "Falling Walls"-Konferenz setzen die Teilnehmer ein Zeichen für die Freiheit der Wissenschaft.

Die Botschaft war eindeutig: Am Brandenburger Tor haben am Mittwoch über 200 Wissenschaftler aus der ganzen Welt für die Freiheit der Forschung demonstriert. Die Forscher, die derzeit an der Konferenz "Falling Walls" teilnehmen, trugen ein Banner mit der Aufschrift "Alternative facts stop here". Dass die Aktion direkt neben der US-Botschaft stattfand, war dabei kein Zufall. Die Wortschöpfung "alternative Fakten" ist die Erfindung einer Beraterin des US-Präsidenten Donald Trump und steht seitdem für die Skepsis und Ignoranz, die wissenschaftlichen Erkenntnissen häufig entgegengebracht werden.

"Die Freiheit der Wissenschaft steht auf dem Spiel"

Zum ersten Mal seit Gründung der "Falling Walls"-Konferenz haben sich Forscher entschlossen, ein politisches Statement abzugeben. Die Veranstaltung war 2009 zum 20-jährigen Jubiläum des Falls der Berliner Mauer am 9. November 1989 ins Leben gerufen worden. Unter dem Motto "Welche Mauer fällt als Nächstes?" präsentieren führende Wissenschaftler verschiedener Disziplinen ihre Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit. Zusammen mit Politikern und Wirtschaftsvertretern suchen sie nach Lösungen für drängende gesellschaftliche Probleme.

Dabei muss sich die Wissenschaft selbst heftiger Angriffe erwehren. Sie steht nicht nur in den USA in der Kritik, deren Präsident Forschungsergebnisse nicht anerkennt, die für den Menschen als Verursacher des Klimawandels sprechen. Auch in der Türkei und in Ungarn fürchten Wissenschaftler um ihre Existenz, so könnte etwa die Central European University in Budapest geschlossen werden. "Dort steht die wissenschaftliche Freiheit auf dem Spiel", sagte Helga Nowotny, ehemalige Präsidentin des Europäischen Forschungsrats und Mitglied der "Falling-Walls"-Stiftung anlässlich der Eröffnung der Konferenz am Mittwoch. Der beste Schutz für unabhängige Forschung sei eine liberale Demokratie, in der Wissenschaftler ungestört arbeiten können.

Forschung muss endlich auch die "normalen Menschen" erreichen

"Die Wissenschaft ist nicht perfekt. Sie kann missbraucht werden. Aber sie ist bei Weitem das beste Werkzeug, das wir haben", zitierte Guus Velders, Klimaexperte an der Universität Utrecht, den Astronomen Carl Sagan. Velders plädierte dafür, seine Zeit nicht damit zu verschwenden, "alternative Fakten" zu widerlegen, sondern sie zu nutzen, um die Wissenschaft in die Gesellschaft zu tragen.

"Forscher müssen Menschen außerhalb des akademischen Umfelds erreichen", sagte Claudio Paganini, Mitinitiator des "March for Science" in Berlin im April. In Barcelona etwa würden Wissenschaftler regelmäßig in Bars mit "normalen Leuten" darüber sprechen, woran sie den ganzen Tag forschen. "So etwas macht Forschung für die Menschen greifbar. Wir brauchen einen Kulturwandel", so Paganini. Es wäre höchste Zeit, dass diese Mauer endlich fällt.

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