Kleiner Erreger, große Gefahr. Resistente Bakterien bedrohen vor allem geschwächte Patienten. Foto: PICTURE ALLIANCE / DPA
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"Falling-Walls"-Konferenz in Berlin Droht die Keimokalypse?

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Der Mikrobiologe Timothy Walsh warnt vor übermächtigen Bazillen. Aber nicht überall stößt er damit auf offene Ohren.

Jedes Jahr sterben weltweit 700.000 Menschen an Infektionen mit medikamentenresistenten Keimen. Wenn wir nicht gegensteuern, dann wird sich diese Zahl im Jahr 2050 auf zehn Millionen erhöht haben. Dann werden mehr Menschen durch resistente Erreger sterben als durch Krebs. Das besagt die 2016 veröffentlichte Hochrechnung einer Expertengruppe, die von der britischen Regierung mit einem Gutachten zur Resistenz von Mikroben beauftragt wurde (ein kritischer Beitrag dazu hier).

Hinzu kommen die Folgen für Wohlstand und Wirtschaft. „Dagegen ist der Brexit ein Tropfen im Pazifik“, sagte der Mikrobiologe Timothy Walsh von der Universität Cardiff bei der „Falling Walls“-Konferenz, bei der er über Antibiotikaresistenz sprach. Für den gebürtigen Australier sind Keime, die Medikamenten trotzen, nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein soziales Problem.

Die Fähigkeit der Bakterien, sich rasch der Umwelt und neuen Herausforderungen anzupassen, ist die eine Ursache. Die andere ist die „Dummheit des Menschen“, wie Walsh sagte. Korruption, ein schlechtes Gesundheitswesen, Hygienemängel, schmutziges Trinkwasser, Industrieabfälle. Und, und, und.

Indien will nichts von resistenten Bakterien wissen

Walsh forscht international und hat dabei einschlägige Erfahrungen mit der „menschlichen“ Seite des Problems gemacht. In Indien enthüllte er in einer aufsehenerregenden Studie 2011, wie verbreitet Bakterien mit dem Gen NDM-1 sind. Es verschafft den Mikroorganismen Schutz vor Beta-Lactam-Antibiotika. Die indische Regierung ließ Walsh daraufhin ein Jahr lang nicht ins Land und stellte sich ansonsten taub.

Anders die Chinesen und Thailänder. Walshs Forschungen enthüllten, wie häufig dort das Gen MCR-1 unter Bakterien ist. MCR-1 wappnet gegen das Antibiotikum Colistin, das einen letzten Rettungsanker gegen resistente Keime darstellt. Wirkt es nicht mehr, dann ist das Spiel aus – „game over“, meint Walsh. Die chinesische und die thailändische Regierung reagierten prompt auf den alarmierenden Befund und nahmen das als Wachstumsbeschleuniger in der Tiermast eingesetzte Colistin vom Markt.

Nur durch gemeinsames internationales Handeln kann der Kampf gegen resistente Keime gewonnen werden, lautete Walshs Fazit. Denn Mikroben machen an keiner Grenze halt. Sollte es gelingen, die Gefahr einzudämmen, dann hat Walsh daran seinen Anteil. Durch seine wegweisende Forschung. Und durch sein mutiges öffentliches Eintreten gegen menschliche Dummheit.

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