Oumuamua - der erste "Botschafter" von außerhalb unseres Sonnensystems. Illustration: ESO
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Erster interstellarer Himmelskörper entdeckt Besuch vom anderen Sonnensystem

Otto Wöhrbach
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Astronomen ist es gelungen, erstmals einen extrasolaren Asteroiden zu orten. Sie tauften ihn „A/2017 U1“ oder Oumuamua.

Interstellare Reisen durch die Weiten des Weltalls von Stern zu Stern sind buchstäblich All-Tag in Science-Fiction-Filmen und -Romanen. In der wahren Welt hat selbst die vor 40 Jahren gestartete und aktuell am weitesten in den Weltraum hinausgeflogene Raumsonde „Voyager 1“ unser Sonnensystem gerade erst verlassen. Schon die Neandertaler hätten „Voyager 1“ vor rund 75 000 Jahren auf die Reise schicken müssen, damit die Sonde mit ihrer Geschwindigkeit von rund 60.000 km/h in unseren heutigen Zeiten Proxima Centauri erreichen würde, den Nachbarstern der Sonne.

Erster extrasolarer Asteroid A/2017 U1

Entsprechend lange Reisezeiten von Hunderttausenden oder gar Millionen von Jahren hätte ein Körper aus einem anderen Sonnensystem auf dem Buckel, der bei uns ankäme. Es muss ja nicht unbedingt gleich ein Raumschiff mit außerirdischen Lebewesen sein. Auch Asteroiden oder Kometen sind denkbar. Bis vor Kurzem war aber unbekannt, ob es solche Himmelskörper überhaupt in fremden Sonnensystemen gibt.

Der helle Punkt in der Mitte der Aufnahme zeigt den Asteroiden A/2017 U1. Er wurde mit dem William-Herschel-Teleskop auf den Kanaren aufgenommen, die Belichtungszeit betrug fünf Minuten. Da der Asteroid vom Teleskop „verfolgt“ wurde, erscheinen andere Sterne verwischt, als Lichtstreifen. Die Größe des Himmelskörpers beträgt etwa 400 Meter. Foto: Nasa
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Nun hat der Astronom Robert Veryk von der Universität Hawaii tatsächlich den ersten extrasolaren Asteroiden entdeckt, der aus dem interstellaren Raum kommend in unser Sonnensystem eingedrungen ist. Am 9. September raste der höchstens 400 Meter große, extrem längliche und rötliche Brocken namens „A/2017 U1“ (inzwischen in "Oumuamua" umbenannt, hawaiianisch für "Botschafter") auf einer von der Anziehungskraft der Sonne gebogenen Bahn in einer engen Kurve an ihr vorbei, ehe er einen Monat später in einem Abstand von rund 24 Millionen Kilometern an der Erde vorbeiflog.

Eine Wolke von Milliarden Kometen

Kurz danach, am 19. Oktober, wurde er mit dem Teleskop „Pan-Starrs“ aufgespürt, das auf dem Vulkan Haleakala auf der Hawaii-Insel Maui steht und systematisch den Himmel nach Asteroiden und Kometen absucht – vor allem nach solchen, die der Erde nahe kommen. Bis jetzt kamen alle diese NEOs (Near-Earth Objects) ursprünglich wohl aus zwei verschiedenen Regionen des Sonnensystems. Die eisigen Kometen stammen vermutlich vom Rande des Sonnensystems. Dort, so vermutete der holländische Astronom Jan Hendrik Oort 1950, umhüllt eine Wolke von Milliarden Kometen das Sonnensystem. Alle paar Millionen Jahre kann es vorkommen, dass ein anderer Stern der Milchstraße unserem Sonnensystem etwas näher kommt. Die gravitative Anziehungskraft dieses Sterns verändert die Kometenbahnen in der Oort’schen Wolke. Manche Kometen werden ins Innere des Sonnensystems hineingeschleudert, manche hinaus ins Weltall.

Überreste aus uralten Zeiten

Die felsigen Asteroiden dagegen fliegen vornehmlich auf Bahnen um die Sonne, die zwischen unserem äußeren Nachbarplaneten Mars und dem Riesenplaneten Jupiter verlaufen, im Asteroidengürtel. Für die Asteroiden spielt vor allem der gigantische Jupiter Gravitationsschicksal, das je nach geometrischer Situation Asteroiden aus der Bahn werfen kann. Manche hinein in die Region der inneren Planeten, manche hinaus zu den Sternen.

Sowohl die Asteroiden zwischen Mars und Jupiter als auch die Kometen vom Rande des Sonnensystems sind vermutlich Überreste aus jenen fernen Zeiten vor 4,6 Milliarden Jahren, in denen sich in einem Gas- und Staubnebel die Materie zur Sonne und ihren acht Planeten verdichtete. Solche Geburtsprozesse sind offenbar die Regel im Kosmos. Mittlerweile haben die Astronomen bereits bei rund 3000 Sternen der Milchstraße ebenfalls Planeten gefunden. Warum, so fragten sie sich, sollten dann nicht dort, wie bei der Geburt unseres Sonnensystems, Asteroiden und Kometen entstanden sein? Und warum sollten nicht ähnliche Gravitationsschleudereffekte manche dieser Asteroiden und Kometen aus ihren jeweiligen Sonnensystemen hinausgetrieben haben in den interstellaren Raum auf Bahnen, die sie dermaleinst hineinführen würden in andere Sonnensysteme?

150.000 Kilometer pro Stunde schnell

Deshalb waren die irdischen Astronomen nun auch weniger überrascht über die erste Entdeckung eines solchen extrasolaren Himmelskörpers im Sonnensystem, sondern eher darüber, dass sie einen solchen Wanderer aus fernen Welten erst jetzt entdecken konnten. Es hätte auch ein extrasolarer Komet sein können. Aber dann wäre seine eisige Oberfläche in der Nähe der Sonne aufgetaut und das Gas wäre vom Sonnenwind auseinandergeblasen worden zu einem mehr oder weniger langen typischen Kometenschweif. Da aber selbst eines der Großteleskope der Europäischen Südsternwarte ESO in Chile mit seinem 8,2 Meter großen Spiegel keinerlei Anzeichen für einen Schweif zeigte, muss es sich wohl um einen Asteroiden handeln.

Verraten hat sich der Eindringling durch seine große Geschwindigkeit: Als er seine Kurve um die Sonne kratzte, hatte er eine Geschwindigkeit von mehr als 150 000 km/h. Dies ist viel zu schnell für eine geschlossene Ellipsenbahn um die Sonne im Banne ihrer Anziehungskraft. Die Gravitation der Sonne hat den sich von ihr entfernenden Asteroiden in der Zwischenzeit zwar wieder herabgebremst auf ein Tempo von unter 100 000 km/h. Sie wird aber nicht verhindern können, dass er auf einer offenen hyperbolischen Bahn wieder hinausrasen wird in den Raum zwischen den Sternen, aus dem er gekommen war – auf seiner Reise aus einem fernen anderen Sonnensystem irgendwo in der Milchstraße zu uns.

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