Der Genscheren-CRISPR-CAS9-Komplex. Foto: imago/Science Photo Libraryp

Embryonenforschung Die unbekannte Kehrseite

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Die kranken Eltern, die dank des Genome Editing ein gesundes Kind bekommen könnten, wirken nur vorgeschoben. Ein Kommentar.

Es ist eine seltsame sprachliche Nähe: hier die Edition, das mit Bedacht Zusammengestellte und Herausgegebene, und da das „Genome Editing“, das Bearbeiten von Erbgut. Der Mensch – herausgegeben von anderen Menschen wie ein Schriftstück?

Wissenschaftler in den USA haben beim Genome Editing jetzt einen Erfolg vermeldet: Sie haben mit der Genschere Crispr/Cas9 krankhaft verändertes Erbgut von Embryonen in der Art verändert, dass die Krankheitsgene weg waren und die Embryonen lebensfähig. Ein gesundes Kind – es wäre das erste Designer-Baby der Welt gewesen – ist dabei nur deshalb nicht herausgekommen, weil man die reparierten Zellhaufen weggeworfen hat.

Ob das jetzt wirklich ein entscheidender Schritt ist oder nicht, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Auf jeden Fall aber bringt es ein wichtiges Thema zurück: die Frage, ob an Embryonen geforscht, ob das menschliche Erbgut manipuliert werden soll – und darf.

Wissenschaftler fordern, das deutsche Embryonenschutzgesetz von 1990 aufzuweichen, das Forschung an Embryonen verbietet. Das Gesetz passe nicht zu den Möglichkeiten, die es heute gibt. 1990 war nicht daran zu denken, einen Embryo so zielgenau zu behandeln, dass ein Mensch gesund statt krank zur Welt käme. Ändert das nicht die Diskussion?

Und dann gibt es die anderen, die das fundamentale Nein vertreten. Nein, weil am Ende eben doch das serielle Designer-Baby dabei herauskommen wird, was niemand will, also allen Anfängen wehren. Nein, weil die Unantastbarkeit der Würde des Menschen schon vor der Geburt anfängt und sich nicht teilweise aufheben lässt. Nein, weil es dem Glauben widerspricht. Sie sagen: Die Diskussion ist immer noch genau dieselbe.

Die Frage nach dem Schaden

Was liegt dazwischen? Die Einsicht, dass fast jede technische Entwicklung von ihrer Idee her einen Nutzen haben soll, aber auch immer einen Schaden mit sich bringt. Die Atombombe war nicht das Ziel der Forschung zur Kernspaltung, sie war die fatale Kehrseite. Das Automobil sollte Wege verkürzen, aber dass Jahrzehnte später die damit produzierten Schadstoffe das Weltklima aus dem Lot bringen, war nicht beabsichtigt.

Wenn von Teilen der Wissenschaft so getan wird, als seien die Fragen nach dem möglichen auch langfristigen Schaden ihres Tuns nicht so wichtig wie die nach dem möglichen Nutzen, setzen sie sich dem Verdacht aus, vor allem ihrem Ehrgeiz oder Wissensdrang zu folgen. Oder – verwerflicher noch – ein Geschäft zu wittern. Die kranken Eltern, die dank des Genome Editing ein gesundes Kind bekommen könnten, wirken da nur noch vorgeschoben.

Die Frage nach dem Schaden könnte lauten: Kann jemand ausschließen, dass der vor der Geburt reparierte Embryo nicht später noch ein defekter Mensch wird? Und wenn das nicht auszuschließen ist, soll man es wirklich darauf ankommen lassen? Das deutsche Embryonenschutzgesetz mag in den Hightech-Laboren der Wissenschaft veraltet aussehen, aber die Frage, die es regelt, hat sich nie geändert: Hat menschliches Eingreifen Grenzen?

In China beispielsweise quält man sich mit solchen Fragen nicht. Dort wird eifrig an Genome Editing geforscht. Man sollte auch darüber nachdenken, was zu tun ist, wenn die Designer-Baby-Technik aus China kommt.

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