Gelesen. Eine Professur für Koranexegese an der HU ist gesetzt. Foto: Rainer Jensen/dpa
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Diskussion um Berliner Islam-Institut Der Einfältigkeit entgegenwirken

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Was kann das geplante Institut für Islamische Theologie in Berlin leisten? Darüber diskutierten jetzt Vertreter von anderen Islam-Instituten an der Humboldt-Universität.

Berlin bekommt ein Institut für Islamische Theologie, so viel steht fest. Viele andere Fragen sind noch offen, etwa: Welche inhaltliche Ausrichtung soll das Institut an der Humboldt-Universität haben? Welche Rolle spielen die großen konservativen Berliner Islam-Verbände? Wie könnten Kooperationen mit anderen Berliner Hochschulen aussehen?

Mit diesen Fragen muss sich vor allem der Gründungsbeauftragte des Instituts, Michael Borgolte, auseinandersetzen. Der Professor für mittelalterliche Geschichte hat dabei immerhin einen Vorteil: Er ist nicht der Erste. An fünf Unis in Deutschland ist es bereits möglich, Islamische Theologie zu studieren. Bei einer Podiumsdiskussion an der HU am Dienstagabend kamen drei Professoren und eine Professorin aus den verschiedenen Instituten zusammen, um mit Borgolte über Potenziale und Perspektiven der in Deutschland jungen Disziplin zu diskutieren.

Dabei geht es erst mal darum, was (Islamische) Theologie überhaupt bedeutet. Für den Religionswissenschaftler Stefan Schreiner ist Theologie die Beschäftigung mit Inhalten des Glaubens aus einer Binnenperspektive. Ömer Özsoy, Professor für Koranexegese in Frankfurt, wünscht sich eine Aktualisierung von verloren gegangenen Auslegungstraditionen im Islam, während der Islamwissenschaftler Michael Kiefer Theologie ganz einfach als den Geschäftsbereich der Religion betrachtet, der sich mit ihren Inhalten beschäftigt. Die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus betont das kritische Potenzial der Islamischen Theologie, etwa bei der Lektüre des Korans im Hinblick auf das Patriarchat und bestehende Rollenverteilungen.

Die beruflichen Perspektiven für Studierende

Wie sind berufliche Perspektiven für Studierende? Während Gebiete wie die Koranexegese hauptsächlich als reines Bildungsangebot verstanden werden könnten, so der Konsens, verlagere sich der Schwerpunkt neben der Ausbildung zum Religionslehrer immer mehr Richtung Soziale Arbeit. Perspektiven für ausgebildete Islamische Theologen gebe es etwa in der Gemeindearbeit, aber auch in staatlichen Einrichtungen wie Jugendämtern.

Letztlich, so plädiert Özsoy, sei das Studium der Islamischen Theologie vor allem wichtig für Muslime in Deutschland, die oft seit Kindertagen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit diskriminiert würden. Es gehe auch darum, sich mit der eigenen Religion auseinanderzusetzen – und auf stumpfe Vorurteile besser reagieren zu können. Özsoy gab zu, dass es vor allem in der Türkei fundamentalistische Tendenzen innerhalb der Theologie gebe. Dieser „Theologie der Einfältigkeit“ entgegenzuwirken und den interreligiösen Dialog zu fördern, müsse auch Ziel einer Islamischen Theologie in Deutschland sein, sind sich die Forscher einig.

Es könnte auf einen Schwerpunkt Soziale Arbeit hinauslaufen

Zu den konkreten Berliner Fragen kommt es erst gegen Ende der Veranstaltung. Vier Professuren soll es am Berliner Institut geben, als gesetzt gelten ein Lehrstuhl für die Koranexegese und einer für Religionspädagogik. Und die anderen beiden? Özsoy hält weitere Professuren für Recht und Geschichte für sinnvoll. Schreiner merkt an, dass zunächst einmal das Curriculum geplant werden solle. Für Kiefer sind vier Professuren grundsätzlich zu wenig. Die heikle Frage, ob auch liberale Verbände an dem Institut beteiligt sein sollten, sparen die Diskutanten aus.

Da eine Anstellung der universitär ausgebildeten Islamischen Theologen an Moscheen schwierig ist und es in Berlin keinen staatlichen Religionsunterricht gibt, scheint beim neuen Studiengang alles auf einen Schwerpunkt Soziale Arbeit hinauszulaufen. Über eine Zusammenarbeit mit der Alice Salomon Hochschule äußert sich Borgolte aber nicht. Er erwähnt nur eine Kooperation mit der FU, was die Lehre der arabischen Sprache angeht.

Auf Riem Spielhaus’ Forderung, die Chance zu nutzen und mindestens die Hälfte der Professuren mit Frauen zu besetzen, reagiert das Publikum mit spontanem Applaus. Michael Borgoltes Antwort auf ihr Plädoyer fällt etwas unbeholfen aus. Er sei sich der „Frauenfrage“ durchaus bewusst, aber eine konkrete Zusage gibt es nicht. Es bleibt noch viel zu klären in Berlin.

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