Medizinische Forschung ist an der Charité chronisch unterfinanziert. Foto: mauritius images
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Charité-Forschung Was der Bund heilen kann

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Die Universitäten sind Orte der Ausbildung und der Forschung. Doch an der Charité wurden aus Spargründen viele Forschungsleistungen vernichtet. Ein Kommentar.

Von Arthrose bis Zyste – die meisten Berlinerinnen und Berliner nehmen die Charité als Krankenhaus wahr. Das Personal steht in gutem Ruf, weniger hingegen die sanitären Anlagen, von denen manche wohl noch aus der Gründungszeit der Charité als Pesthaus im Jahr 1710 stammen, wie Patienten scherzen. Die Charité ist aber mehr als ein Krankenhaus. Sie ist ein Universitätsklinikum. Als medizinische Fakultät der Freien Universität und der Humboldt-Universität bildet sie Studierende und den wissenschaftlichen Nachwuchs aus. Vor allem soll hier geforscht werden.

Jetzt melden sich Professorinnen und Professoren empört zu Wort. Wegen der viel zu knappen Personaldecke sei kaum noch Zeit zum Forschen, der wissenschaftliche Nachwuchs werde in der Routine am Krankenbett verschlissen, in den Kliniken gehe es nur noch darum, „Erlöse“ zu generieren. Tatsächlich wirbt die Charité immer weniger Projekte von der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein. Gerade die gelten in Deutschland aber als Ausweis von Spitzenforschung, wie sie zum Selbstbild der Charité gehört. Die Lage ist also beunruhigend.

Kampf mit dem Kostendruck

Der Hauptgrund für die schwächelnde Forschung ist in der Unterfinanzierung zu sehen. Als Uniklinikum hat die Charité nicht nur mit dem Kostendruck zu kämpfen, wie er an allen Krankenhäusern herrscht – und von dem auch der aktuelle Streik für mehr Personal kündet. Unter zusätzlichem Druck steht die Charité, weil die Fallpauschalen der Krankenkassen für die teure Unimedizin schon gar nicht reichen. Von 33 Uniklinika in Deutschland schreiben 27 rote Zahlen – nicht aber die Charité, die das Land auf die schwarze Null verpflichtet hat.

In Berlin ist die Lage besonders schwierig. Wegen der Haushaltsnot verhängte das Land vor 15 Jahren eine Sparsumme von 98 Millionen Euro über die Unimedizin. Viele Professuren, also Forschungsleistung, wurden vernichtet. Inzwischen bekommt die Charité wieder moderate finanzielle Aufwüchse. Der Senat bekennt sich zur Wissenschaft. Auskömmlich lebt die Charité damit noch immer nicht. Trotzdem beobachten Abgeordnete die Entwicklung angesichts des Berliner Schuldenbergs mit Skepsis.

Zu Recht. Denn sollte es wirklich in die Zuständigkeit eines Landes oder gar eines Stadtstaates fallen, ein bedeutendes nationales Anliegen maßgeblich zu unterhalten, nämlich das einer international wettbewerbsfähigen Forschung? Damit sind die Länder nicht nur finanziell, sondern auch strategisch überfordert.

Teure Neugründungen

Der unionsgeführte Teil der Bundesregierung will das allerdings nicht wahrhaben. Vom seit Langem geforderten „Systemzuschlag“ für Uniklinika hält er nichts. Auch nichts davon, in die Grundfinanzierung der Uniklinika und Universitäten einzusteigen. Warum die Union überhaupt wollte, dass das Grundgesetz für die Dauerfinanzierung von Unis geöffnet wird, bleibt darum schleierhaft.

Offenbar will die Bundesregierung weitermachen wie bisher. Sie fördert die medizinische Forschung nicht direkt an den Uniklinika, sondern gründet außeruniversitäre Medizinstandorte mit viel Bundesgeld neu. In Berlin entstand so das Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG), rechtlich die Mutter der Charité. BIG gleich Luxus, Charité gleich Mangel – kein Wunder dass das zu Reibungen bis in die Führungsriege der miteinander verbandelten Einrichtungen geführt hat.

Die hier zu besichtigende Schieflage herrscht in der Wissenschaft allgemein. Die außeruniversitären Einrichtungen, die maßgeblich vom Bund finanziert werden, gedeihen prächtig. Ihre Professorinnen und Professoren gewinnen Nobelpreise und nicht ihre Kollegen an den unterfinanzierten Unis. An den Unis aber schlägt das Herz der Wissenschaft, sie stemmen die Lehre und ziehen den wissenschaftlichen Nachwuchs heran. Mit ihnen muss besser umgegangen werden.

Vorschläge liegen auf dem Tisch. Wenn der Bund es will, hätten auch Charité-Wissenschaftler mehr Zeit zum Forschen – zum Wohle der Gesellschaft.

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