Stumme Hochschulen. Peter Grottian wünscht sich aktivere Studierende und Professoren. Foto: Imago/Reiner Zensenp

Bildung vor der Wahl Wahlkampf ohne Unis

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Warum Angela Merkel und Martin Schulz sich nicht für die Hochschulen interessieren. Ein Gastbeitrag von Peter Grottian.

Die Nöte und Perspektiven der Hochschulen waren kein Thema im Wahlkampf. Merkwürdig, denn tagtäglich haben circa zehn bis zwölf Millionen Menschen der Republik mit Hochschulen, Studierenden und Wissenschaften zu tun.

Wer da mit gut ausgearbeiteten Konzepten und Vorschlägen auf den Wahl-Markt geht, Streit und handhabbare Verbesserungen anstößt, kann beim Wahlvolk punkten. Stattdessen: Grabesruhe, kreuzbrave Studierende und eine gebückte Professorenschaft. Merkels Bildungsrepublik Deutschland bleibt so ein hohles Versprechen mit lautlos versinkenden Hochschulen.

Die Spitzenkandidatin Merkel und ihr Herausforderer Schulz haben kein wirkliches Interesse an den Hochschulen. Natürlich würden beide das empört zurückweisen. Aber ihre Aktivitäten verweisen auf das Gegenteil. Bei einem SPD-Spitzenkandidaten ist das seltsam, zumal die SPD seit 1969 für eine umfassende Bildung in Schule und Hochschule eingetreten ist. Willy Brandts Vorstellung nach der Studentenrevolte war: Bildung steht an der Spitze der „inneren Reformen“.

Für den Buchhändler Schulz waren von Friedeburg, Rau, Glotz und Matthöfer Leitfiguren der SPD-Bildungspolitik. Freunde und Begleiter von Schulz versichern überzeugend, mit welcher Neugier und welchem Leseeifer er wissenschaftliche Analysen zur Entwicklung von europäischen Gesellschaften gelesen und verarbeitet hat. Schade, dass davon im Wahlkampf nichts aufblitzte. So wurde er als „Wiederholer der Gerechtigkeitsfrage“, als nicht inspirierend wahrgenommen.

Bildung: Für Schulz heißt das Kitas, Schulen und Familien

Schulz war im Wahlkampf auch an den Hochschulen, aber höchst sparsam, eher defensiv, und er hatte keine Strategie, wie die Probleme der Hochschulen mit seinem Wahlprogramm verzahnt werden sollten.

Bildung war für Schulz: Kitas, Geld, Familienpolitik und bessere Schulen – also Geld und Zement für Infrastruktur. Die Menschen kamen wenig vor. Das erklärt, warum Schulz an Hochschulen weitgehend desinteressiert war – und die Studierenden an ihm.

Auch die erneute Kanzlerkandidatin Merkel zeigt kein größeres Interesse an der Zukunftsfähigkeit von Hochschulen. Mit ihrer Kanzlerschaft ab 2005 verband sie mit der energischen Bildungsministerin Schavan ein großes Vertrauensverhältnis.

Sie konnte über Jahre sicher sein, dass bei Schavan im Bildungsbereich wenig anbrennt. Bundesbildungsministerin Wanka hat sich um das Innenleben der Hochschulen nicht sehr gekümmert – eher waren die Mächtigen in Bildung und Wissenschaft ihre Gesprächspartner.

Und gerade nicht die zu Hungerlöhnen arbeitenden wissenschaftlichen Mitarbeiter. Und überhaupt nicht die 90.000 Lehrbeauftragten, die zumeist für drei Euro arbeiten. Besuche an Hochschulen hat Merkel sparsam absolviert. Sie scheute einen Vortrag vor allen Universitätsangehörigen. Sie hat machen lassen.

Geht man die Parteien, Fraktionen und Personen durch, die eine ambitionierte Debatte anstoßen könnten, ist der Befund dürftig. Abgeordnete, die sich mit Hochschulen beschäftigen, sind rar und machtlos. Es gibt im Bundestag keine(n) einzige(n) BildungspolitikerIn von Rang.

Auch in den Bundesländern ist es kaum anders. Oder kennen Sie eine(n) MinisterIn, der/die über die Landesgrenzen eine bundesweite Reputation hat? Vielleicht Theresia Bauer (Baden-Württemberg), aber sonst? Die Zeiten des klugen Kultusministers Hans Maier (Bayern), der selbst einem aufbrausenden Strauß mit Erfolg widersprach, sind ebenso vorbei wie die Peter von Oertzens (SPD) in Niedersachsen. Bildungspositionen sind keine Machtpositionen.

Gute Politiker tun einen Teufel, sich mit Bildungsthemen die Karriere zu „versauen“. Noch niemals in der Geschichte der Republik war ein Bildungspolitiker auch ein erfolgreicher Machtpolitiker. Das sagt alles.

Die Studierenden sind nett und adrett

Stumm sind auch die Studierenden. Zuletzt waren 2009/10 mehr als 200.000 protestierende Studentinnen und Studenten, Wissenschaftler und andere Angestellte der Universität auf den Straßen. Seitdem herrscht beängstigende Ruhe. Die sterilen Aufgeregtheiten zu Bachelor und Master sind beerdigt.

Sie studieren nett und adrett. Umfragen zufolge sind sie zwar politisch interessiert, aber es bleibt weitestgehend folgenlos. Wilhelm von Humboldt würde sich im Grab umdrehen. Wie sollen solche Hochschulabsolventen den Mächtigen in Wirtschaft und Politik widersprechen lernen, den Piëchs, Seehofers, Winterkorns, von und zu Guttenbergs?

Dass wir auch von Hochschullehrern keine Anstöße für eine Debatte erwarten dürfen, ist eine Binsenweisheit. Der gebückte Gang bis hin zur Berufung als Hochschullehrer ist eingeübt. Hochschullehrer denken an ihre Forschung und an ihren „Forschungsumsatz“. Hochschullehrer, die für ihre Hochschule, für ihre Studierenden ihre Arbeit niederlegen, um auf die zum Teil unhaltbaren Zustände aufmerksam zu machen? Zur Zeit null Chancen.
Nur die wissenschaftlichen Mitarbeiter rühren sich ein wenig mit der bundesweiten Mittelbau-Initiative als zartes Pflänzchen.

Die Gewerkschaften aber sind schwach, wenn es um die Rechte der wirklich Benachteiligten geht. Und in den Medien ist – bis auf wenige Ausnahmen – ein Abbau der engagierten Bildungs- und Hochschulredaktionen zu beklagen.

Der Autor ist Hochschullehrer für Politikwissenschaft i.R. an der Freien Universität Berlin, Mitinitiator des Bildungsstreiks 2009/10 und Akteur und Berater in sozialen Bewegungen.


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