Gute Nacht. So groß wie in dieser Illustration aus dem 16. Jahrhundert sind Bettwanzen nicht. Tatsächlich sind die Tiere nur einige Millimeter groß. Großes Unbehagen lösen sie aber dennoch aus. Foto: DR JEREMY BURGESS/SCIENCE PHOTOp

Bettwanzen Rückkehr der Blutsauger

Joachim Budde
4 Kommentare

Sie sind klein, hartnäckig und ernähren sich von menschlichem Blut: Bettwanzen galten lange als Problem der Vergangenheit. Doch die Quälgeister sind auf dem Vormarsch, auch in Deutschland. Und weil sie gegen Gift resistent werden, lassen sich die Blutsauger immer schwerer bekämpfen.

Keine Frage, die Wohnung ist der Schauplatz einer Invasion. Arlette Vander Pan erkennt das an den Mustern auf der Tapete. Die Biologin erforscht am Umweltbundesamt (UBA) Bettwanzen, und sie weiß, worauf sie in dem leer geräumten Zimmer in Berlin achten muss: „Wo das Bett Kontakt zur Wand hatte, sieht man extreme Spuren.“ Sie zeigt auf Hüfthöhe auf einen handbreiten schwarzen Streifen an der Wand, den eine Wolke schwarzer Punkte umgibt: Kot von tausenden Bettwanzen. Mario Heising stellt seine Werkzeugtasche auf den Boden und stemmt die Arme in die Seite. „Der Laie würde im ersten Augenblick denken, das ist Schimmel“, sagt der Schädlingsbekämpfer. Auch wo der Schrank oben fast die Wand berührt hat, wo der Nachttisch stand, überall die schwarzen Streifen. An einigen Stellen kleben tote vertrocknete Tiere, winzige Eier und leere Larvenhäute an der Wand. „Das waren die schönen Verstecke“, sagt Heising. Dicht an der Nahrungsquelle.

Bettwanzen ernähren sich von Blut, sonst nichts. Sie saugen am liebsten beim Menschen, aber auch bei Haustieren, Fledermäusen oder Vögeln. Nachts wandern sie zu nackten Stellen an den Armen, den Beinen, dem Rücken oder dem Gesicht und stechen mit ihren abgewandelten Kiefern durch die Haut. Bis zu 20 Minuten saugen sie, wenn sie ungestört bleiben. Die meisten Opfer entwickeln linsen- bis centgroße Quaddeln und einen starken Juckreiz, der viele Tage anhalten kann, ausgelöst vom Speichel der Tiere. Wenn jemand sehr empfindlich auf die Stiche reagiert, kann sich die Haut großflächig entzünden. Immer mehr Menschen in Deutschland leiden darunter – und die Blutsauger lassen sich immer schwerer bekämpfen.

Auch in Kempen bei Düsseldorf, am anderen Ende der Republik, sind Kotspuren an der Wand zu sehen. Doch sie verschwinden wieder, als das Licht angeht. In einem Schulungsraum des Deula-Bildungszentrums zeigt Reiner Pospischil angehenden Schädlingsbekämpfern in einem Crash-Kurs das Ungeziefer, das ihnen bei ihrer Arbeit begegnen wird. „Bettwanzen haben in den letzten 10 bis 15 Jahren eine starke Renaissance erlebt und sind inzwischen zu einem der wichtigsten Schädlinge für Ihre Arbeit geworden“, sagt er.

Kleine Quälgeister. Die meisten Menschen wissen nicht, wie Bettwanzen aussehen. Bei einer Umfrage im Jahr 2012 zeigten Wissenschaftler Passanten Röhrchen mit Bettwanzen. Nur 13 Prozent der Befragten erkannten die Tiere. Foto: AFPp

Für Deutschland gibt es kaum gesicherte Zahlen. Weil die Tiere keine Krankheiten übertragen, führen die Gesundheitsbehörden keine Statistik. Der Berliner Landesverband des „Deutschen Schädlingsbekämpferverbandes“, in dem Mario Heising und 25 weitere Berliner Schädlingsbekämpfer organisiert sind, sammelt seit 2007 seine eigenen Daten. Rechnet man Heisings Zahlen auf die gesamte Stadt hoch, ergibt sich ein klarer Trend: Im Jahr 2007 lag die Zahl der Einsätze gegen Bettwanzen in Berlin bei rund 800. Im Jahr 2012 waren es drei Mal so viele. Ähnlich sieht es in anderen Ländern aus. Zwischen 2000 und 2005 wuchs die Anzahl der Anfragen nach Bettwanzenbekämpfung in London jedes Jahr um 25 Prozent. In Australien schnellte ihre Zahl von knapp 600 im Jahr 1999 auf knapp 2500 im Jahr 2005 hoch.

„Die Tiere werden aus den USA, aus Asien und aus anderen Gebieten immer wieder bei uns eingeschleppt, zum Beispiel mit Touristen“, sagt Pospischil. Karolin Bauer-Dubau berät am Institut für Tropenmedizin der Berliner Charité Menschen, die von Reisen zurückkehren und sich über Stiche wundern. Im Jahr 2000 kamen 59 Menschen zu ihr, die sich Bettwanzen als unfreiwilliges Reisesouvenir mitgebracht hatten oder im Urlaub gestochen worden waren. 2013 waren es 350. Oft merken die Leute erst nach ein paar Wochen, wenn die Tiere sich bei ihnen zu Hause vermehrt haben, dass sie mehr heimgebracht haben, als sie wollten. Manchmal rufen sie die Leute schon von unterwegs an, weil sie im Hotelbett Ungeziefer entdeckt haben. Die Schädlingsbekämpfer können dann auch zum Flughafen kommen. Sie holen die Koffer ab und frieren sie ein oder behandeln sie in einer Wärmekammer, um blinde Passagiere mit sechs Beinen zu töten.

Sind die Tiere einmal im Land, werden sie mit gebrauchten Gegenständen weiterverteilt, etwa mit Sperrmüll. Clive Boase leitet die „Pest Management Consultancy“, eine unabhängige Beratungsfirma für Schädlingsbekämpfung in der Nähe der englischen Stadt Cambridge. Er erzählt, bei einer Bekämpfung habe er den Leuten gesagt, sie sollten ihr verwanztes Sofa an die Straße stellen und die Müllabfuhr anrufen. Nachbarn waren schneller.

Im hinteren Teil des Seminarraums hat Pospischil Mikroskope aufgebaut, durch die sich die Kursteilnehmer die Tiere in den verschiedenen Stadien anschauen können. Der platte, fast kreisrunde Hinterleib des bernsteinfarbenen Insekts ist riesig im Vergleich zum Brustsegment und dem winzigen Kopf. Das Insekt wirkt nackt so ohne Flügel. Doch der Eindruck täuscht, die Tiere sind robust und wahre Hungerkünstler. „Die Tiere können bis zu einem Jahr ohne Nahrung überleben“, sagt Pospischil. Deutlich sind Streifen auf dem Hinterleib zu erkennen. Diese Ladereserve stülpt die Bettwanze aus, wenn sie Blut saugt. Dann wächst ein erwachsenes Exemplar von etwa sechs auf neun Millimeter Länge. Die Larven sehen genauso aus wie die Erwachsenen, sie sind lediglich kleiner. Direkt nach dem Schlüpfen sind sie zudem fast weiß.

„Ich war schon häufiger in einer Wohnung, wo sie vermutet wurden“, sagt ein Teilnehmer aus Nürnberg. „Aber live gesehen habe ich sie noch nie.“ Wie ihm geht es den meisten Bundesbürgern: Als Wissenschaftler der Universität Tübingen im Jahr 2012 Passanten in den Fußgängerzonen von Köln, Hamburg, Leipzig und München Röhrchen mit Bettwanzen zeigten, tippten die meisten Leute auf Zecken, Läuse, ja sogar Marienkäfer. Gerade einmal 13 Prozent der Befragten erkannten die Bettwanzen.

In der Berliner Wohnung an der Allee der Kosmonauten hebt Arlette Vander Pan im Wohnzimmer mit einer Pinzette lose Tapete ab. Auch hier und in der offenen Kochnische sind dicke schwarze Streifen an den Wänden. „Wenn sich der Befall nicht mehr aufs Schlafzimmer beschränkt, ist er wirklich schlimm.“ Mario Heising schraubt die Deckel von Steckdosen und Lichtschaltern. Bettwanzen sind Meister im Verstecken. „Nicht umsonst hat man sie im Krieg ,Tapetenflundern’ genannt“, sagt Vander Pan. „Sie glauben gar nicht, wo wir die Tiere schon gefunden haben.“ In Schraubenlöchern vom Lattenrost, in Radioweckern, in der Bettlektüre, unter dem Teppich oder hinter den Türgummis finden Bettwanzen Zuflucht.

Die Jagd nach den Tieren ist eine Arbeit für Profis. Der eine Grund: Sie müssen alle Verstecke aufspüren. Ein internationales Forscherteam hat kürzlich gezeigt, dass ein einziges befruchtetes Weibchen eine komplett neue Population gründen kann. Deshalb müssen die Schädlingsbekämpfer immer mehrmals anrücken, um wirklich alle Tiere zu erwischen. „Da krabbelt ein Weibchen“, ruft Arlette Vander Pan. Das Tier taumelt die Wand entlang . Bei diesem Exemplar hat das Gift seine Spuren hinterlassen. „Aber man sieht, wie hartnäckig die Tiere sind“, sagt sie. Sie zieht ein Glasfläschchen aus der Tasche und schubst die Wanze mit der Pinzette hinein. Später findet sie noch eine lebende Wanze in jugendlichem Stadium. Für ihre Sammlung.

Denn der zweite Grund, warum Bettwanzenbekämpfung in die Hände von Experten gehört, ist auch der Anlass für Arlette Vander Pans Doktorarbeit: Weltweit entwickeln die Tiere Resistenzen gegen gängige Pestizide aus der Gruppe der Pyrethroide. Vander Pan will herausfinden, wie die Situation in Berlin aussieht. Sie hat Bettwanzen aus 20 verschiedenen Wohnungen und Häusern in der Stadt zusammengetragen und jeden dieser Stämme soweit vermehrt, dass sie genügend Tiere für ihre Resistenztests hat. „Resistenz“ ist eigentlich das falsche Wort, denn irgendwann bringen Pyrethroide jede Bettwanze um. Resistente Tiere vertragen allerdings eine viel höhere Dosis als sensible Verwandte. Solche Vergleichstiere züchten die Forscher am UBA seit 1947. DDT oder andere Gifte haben sie nie gesehen.

Als DDT nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Markt kam, schien das Insektengift auch für die Bettwanzenbekämpfung ein Segen zu sein. Damals waren die Parasiten auf der ganzen Welt weit verbreitet. Sie plagten Menschen schon seit tausenden Jahren. Die Gifte, moderner Wohnungsbau und die Tatsache, dass die Städte sich des Problems stärker annahmen, drängten die Tiere in Europa, Nordamerika und Australien zurück. „In den 70er und 80er Jahren begegneten Schädlingsbekämpfer den Wanzen dort nur noch vereinzelt“, sagt Clive Boase. Er hat die Rückkehr der Bettwanzen in den letzten 20 Jahren intensiv verfolgt. „In den späten 90ern habe ich dann eine Reihe von Wohnungen mit so starkem Befall gesehen, wie ich es bis dahin noch nicht kannte.“ Außerdem klagten seine Kunden, dass sie die Wanzen nur mit Mühe loswurden. „Da kamen Resistenzen als Erklärung ziemlich schnell in den Sinn.“

In Arlette Vander Pans Labor reihen sich flache, weiße Plastikwannen aneinander. In jeder Wanne liegen quadratische Platten so groß wie CD-Hüllen, behandelt mit Insektengift. Glasringe hindern jeweils ein Dutzend Bettwanzen am Weglaufen. Die Tiere waren 24 Stunden lang mit einem Pyrethroid in Kontakt. Der Wirkstoff manipuliert einen Natriumkanal in den Nervenzellen. Übertragen die Nerven Reize, öffnet sich dieser Kanal für einen Augenblick, um Botenstoffe in die Nervenzellen hereinzulassen. Pyrethroide verhindern, dass er sich wieder schließt. Das Gift hat die Labor-Tiere gelähmt, sagt die Wissenschaftlerin: „Man kann schon ohne Mikroskop sehen, dass das Tier auf dem Rücken liegt und nur noch zittert.“ Dann dauert es immer noch sechs Tage, bis es tatsächlich tot ist.

Die wilden Tiere aus einer Berliner Wohnung verhalten sich nach 24 Stunden mit dem Insektizid ganz anders. Legt man eines von ihnen auf den Rücken, dreht sich das Tier wieder um. Da liege es nahe, dass dieses Tier eine Resistenz entwickelt habe, sagt Vander Pan. Bettwanzen haben mehrere Abwehrmechanismen gegen das Gift entwickelt. Bei manchen Tieren lässt der Chitinpanzer den Wirkstoff schlechter eindringen. Andere scheiden das Gift schneller wieder aus. Oder ihr Natriumkanal ist so verändert, dass das Gift ihnen nur noch wenig anhaben kann. Vander Pan hat diese genetische Veränderung auch in Berliner Bettwanzen nachgewiesen. Bis zu 50 Mal mehr Gift vertragen diese Wanzen. Das mag dramatisch klingen, doch in den USA wurden schon Tiere getestet, die bis zu 10 000-fach mehr Pyrethroid vertrugen.

Forscher der Chemiekonzerne suchen deshalb schon seit Jahren nach neuen Wirkstoffen. Doch dabei gibt es zwei wesentliche Probleme: Einen neuen Wirkstoff zu entwickeln dauert zehn Jahre und kostet zwischen 150 und 250 Millionen Euro. Nur Mittel gegen Agrarschädlinge spielen solche Kosten wieder ein. Bettwanzenmittel sind Nebenprodukte. Schädlingsbekämpfer bleiben also vorerst auf Pyrethroide angewiesen. Sie behelfen sich, indem sie bei jedem Einsatz in einer Wohnung ein anderes Gift einsetzen. Um die Pyrethroide effektiver zu machen, bieten die Hersteller sie jetzt in Kombination mit anderen Wirkstoffen an, die langsamer wirken und gegen die Wanzen nicht resistent sind. Das Pyrethroid soll die Wanzen schnell umhauen und der zweiten Komponente die Zeit verschaffen, die Tiere zu töten.

Viele Leute, die Bettwanzen zu Hause finden, schämen sich. Mario Heising legt großen Wert darauf zu betonen, dass Bettwanzen nichts mit Reinlichkeit zu tun haben. Jeder kann sie kriegen. Im Nachtzug, im Hotel, mit der lange gesuchten Lieblings-LP vom Flohmarkt, mit dem Sessel von Ebay. „Ich sage immer: Besonders trifft es die Reichen, die viel unterwegs sind, auch in Super-Hotels, und leider Gottes die Leute, die auf Hilfe angewiesen sind, die zum Beispiel gebrauchte Betten aus Möbelsammlungen nehmen müssen.“ Zu einem richtigen Problem werden sie nur, wenn man sie ignoriert – so wie die alte Dame aus der Allee der Kosmonauten, sagt Heising. „Bei mir im Ranking ist das die drittschlimmste Wohnung.“

Weitere Infos zu Bettwanzen bietet das Umweltbundesamt unter www.biozid.info.

Zur Startseite