Die Grundschulen werden den Andrang von mehr Schülern als erstes spüren. Foto: Imagop

Bertelsmann-StudieZehntausende neue Lehrkräfte werden gebraucht

von Tilmann Warnecke und Sylvia Vogt48 Kommentare

Die Zahl der Schüler in Deutschland wird bis 2030 deutlich stärker steigen als gedacht. Das System ist darauf nicht vorbereitet.

In Deutschland werden wieder mehr Kinder geboren, zudem wandern viele junge Menschen zu. Das wird für die Schulen enormen Folgen haben: Ging die Politik bisher davon aus, dass die Schülerzahlen hierzulande weiter sinken, dürfte sich die Entwicklung jetzt umdrehen. Eine entsprechende Rechnung macht jedenfalls eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung auf. Diese prognostiziert, dass im Jahr 2025 in Deutschland 8,3 Millionen Kinder und Jugendliche zur Schule gehen werden. Das sind 300 000 mehr als noch vor zwei Jahren – und sogar 1,1 Millionen Schülerinnen und Schüler mehr, als die Kultusministerkonferenz bislang für 2025 prognostiziert hat. „Mit diesem Schüler-Boom hat kaum jemand gerechnet. Jetzt besteht enormer Handlungsdruck“, erklärt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Es würden bis in die Mitte der 2020er Jahre zehntausende neue Lehrkräfte und tausende neue Schulen gebraucht.

Schon in diesem Jahr meldete das Statistische Bundesamt, dass an den allgemeinbildenden Schulen 0,3 Prozent mehr Kinder und Jugendliche als im Vorjahr lernen – es ist der erste Anstieg seit der Jahrtausendwende. Für die Bildungsforscher und Studienautoren Klaus Klemm und Dirk Zorn ist das „der verhaltene Beginn eines Trends, der enorm an Fahrt gewinnen dürfte“.

Acht Prozent mehr Schüler im Jahr 2030

Ihre Analyse beruht auf einer Fortschreibung der aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes. Laut Klemm und Zorn unterschätzen die Statistiker dabei immer noch die anziehende Geburtenrate. Klemm und Zorn gehen daher davon aus, dass bald noch einmal mehr junge Menschen in Deutschland leben werden als von den Statistikern vorhergesagt.

So werden laut ihrer Studie im Jahr 2025 die Schülerzahlen um vier Prozent höher als heute liegen, im Jahr 2030 sogar um acht Prozent höher. Naturgemäß spüren das die Grundschulen als erste: Im Jahr 2025 erwarten die Bildungsforscher 3,2 Millionen Grundschüler, das sind 400 000 mehr als heute. Auf diesem Niveau wird die Zahl dann ungefähr bleiben. In der Sekundarstufe I wird laut der Prognose der große Boom nach 2025 beginnen. Von dann 4,1 Millionen Schüler (was in etwa noch den derzeitigen Zahlen entspricht) wird die Zahl auf 4,5 Millionen im Jahr 2030 steigen.

Die Entwicklung der Schülerzahlen in Deutschland. Grafik: Schilli/Tspp

Lediglich für die Sekundarstufe II gehen die Bildungsforscher von leicht rückläufigen Zahlen bis 2030 aus. Denn die steigenden Geburtenraten werden bis dahin noch keine massiven Auswirkungen auf die Oberstufe haben: 2017 Geborene feiern dann erst ihren 13. Geburtstag. Klemm und Zorn erwarten auch nicht, dass es die Mehrheit der zugewanderten Jugendlichen in die Oberstufe schafft.

In der Grundschule und Sekundarstufe I indes müssten viel mehr Lehrkräfte unterrichten als heute. Will man die Klassen nicht vergrößern, werden im Jahr 2025 mehr als 24 000 zusätzliche Grundschullehrkräfte gebraucht, heißt es in der Studie. Entsprechend müssten bis dahin 2400 neue Grundschulen eröffnet werden, um alle Schüler unterzubringen. Ein großer Kraftakt wäre also vonnöten – umso mehr, als seit der Jahrtausendwende wegen Schülermangels 1800 Grundschulen geschlossen wurden. Für die Sekundarstufe I rechnen Klemm und Zorn im Jahr 2030 mit 27 000 zusätzlichen Lehrkräften.

Die Kultusminister gehen bisher von einem Rückgang aus

Bisher gingen die Kultusminister von einem ganz anderen Szenario aus: Sie rechneten damit, dass die Schülerzahlen immer weiter zurückgehen. Ihre aktuelle Vorhersage stammt aus dem Jahr 2013, als sich die steigende Geburtenrate und die hohen Flüchtlingszahlen noch nicht abzeichneten. In ihre Planungen haben die Kultusminister eine „demographische Rendite“ eingepreist: Würden bei zurückgehenden Schülerzahlen die aktuellen Budgets nicht gekürzt, bleibe genug Spielraum für mehr Qualität in der Schule, nahmen die Minister an. Angesichts der vielen Flüchtlingskinder hatte Klaus Klemm schon im vergangenen Jahr davor gewarnt, dass die demografische Rendite obsolet sei, insbesondere Grundschulen schnell wachsen müssten. Jetzt kalkulieren Klemm und Zorn für das Jahr 2030 mit 4,7 Milliarden Euro höheren Bildungsausgaben als heute. Dass vielerorts schon jetzt Lehrer fehlen, viele Schulen marode sind, mache die Sache nicht einfacher. Die Bertelsmann-Stiftung fordert die Kultusminister jetzt auf, möglichst schnell ihre Schülerprognosen zu aktualisieren.

Wie verteilen sich die zusätzlichen Schüler auf die einzelnen Bundesländer? Das weist die Studie nicht aus: Wanderungseffekte zwischen den Bundesländern vorherzusagen sei zu schwierig. Klar sei jedoch, dass die Stadtstaaten mit besonders vielen zusätzlichen Schülern rechnen müssten: und zwar in allen Schulformen mit einem Anstieg von fast 30 Prozent bis 2030. Und selbst in den ostdeutschen Flächenländern ist mit einer Zunahme zu rechnen.

Positiv wird Berlin hervorgehoben

Positiv hebt die Studie Berlin hervor, das zu den Städten gehöre, "die sich bereits der neuen Realität stellen". Der Senat rechne mit fast 87 000 neuen Schülern bis zum Schuljahr 2024/25 und habe bereits Planungen für neue Schulgebäude aufgenommen.

Nach Angaben von Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sollen in diesem Zeitraum 42 neue Schulen entstehen, davon seien 20 schon in der Planung. Der Neubau und die Sanierung von Schulen gilt als eines der wichtigsten Vorhaben des rot-rot-grünen Senats, der dafür auch viel Geld in die Hand nimmt: Für die „Berliner Schulbauoffensive“ sind in den nächsten zehn Jahren  5,5 Milliarden Euro eingeplant.

Der Senat hat eine Task Force Schulbau eingesetzt, zu der Vertreter von mehreren Senatsverwaltungen und Bezirken gehören. Diese soll die Umsetzung der vielen Maßnahmen steuern. Auch dafür, wie die neuen Schulen aussehen sollen, gibt es schon ein Konzept, zumindest theoretisch. Die Arbeitsgruppe „Schulraumqualität“ hat das Modell der „Berliner Lern- und Teamhäuser“ entwickelt – statt herkömmlicher Flurschulen mit aneinander gereihten Klassenzimmern sollen Schulen gebaut werden, die aus kleineren Einheiten mit Unterrichts-, Team- und Gemeinschaftsräumen bestehen. Ob und wann diese Empfehlungen umgesetzt werden, ist aber noch unklar, da es dazu noch keinen Senatsbeschluss gibt.

Auch sonst läuft noch nicht alles glatt: Der Senat will neue Gesellschaften gründen, die  größere Bauprojekte anstelle der Bezirke übernehmen, doch dagegen regt sich Widerstand.