Geschichten erzählen. Audre Lorde kam 1984 als Gastprofessorin nach Berlin. Der afro-deutschen Gemeinschaft gab sie bedeutende Impulse. Foto: dpa Picture-Alliance/Morgensternp

Audre Lorde „Schwarze, Lesbe, Mutter, Kriegerin, Poetin“

Sharon Dodua Otoo
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Deutschlands Audre Lorde: Das Erbe der großen feministischen Denkerin wirkt bis heute nach. Audre Lorde gab der afro-deutschen Gemeinschaft bedeutende Impulse, zumal in Berlin - und kritisierte, dass der Feminismus viele Frauen ausgrenze.

Wer jemals mit Audre Lorde zu tun hatte, wusste es sofort: Sie lebte ein volles und leidenschaftliches Leben, das 1992 mit nur 58 Jahren viel zu früh endete. Sie bezeichnete sich selbst als „Schwarze, Lesbe, Mutter, Kriegerin und Poetin“. Im Jahr 1984 als Gastprofessorin an die Freie Universität gekommen, war sie später regelmäßig nach Berlin zurückgekehrt, um am Institut für Nordamerika-Studien zu unterrichten. Schon zu dieser Zeit kämpfte sie gegen den Krebs an und setzte sich damit literarisch auseinander.

In Lordes Berliner Jahre fiel die deutsche Wiedervereinigung. Aber auch für die afro-deutsche Geschichte, speziell für die feministische afro-deutsche Geschichte, war es eine bedeutsame Zeit.

1984 kam Audre Lorde an die Freie Universität

Als es jetzt an der Humboldt-Universität darum ging, Audre Lordes Erbe erneut zu erkunden – und es zu feiern! – wurde dabei vorgegangen, wie Lorde selbst stets vorgegangen ist: interdisziplinär. Mit einer Fülle von wissenschaftlichen Perspektiven und künstlerischen Annäherungen spürte man Lordes Denken, ihrer Kunst und ihren zentralen Lehren nach. Doch wer genau war Audre Lorde? Bei der Konferenz „Audre Lorde's Germany“ wurde deutlich, dass es darauf möglicherweise so viele Antworten gibt wie Personen, die fragen.

Auf der Podiumsdiskussion „The Stories of Our Lives. Historicisation as a Feminist Task“ erklärte die Erziehungswissenschaftlerin, Geschlechterforscherin und digitale Aktivistin Maisha Auma Eggers, eine der Mitorganisatorinnen der Veranstaltung, warum es so wichtig ist, eine Vielzahl von Erzählungen und Perspektiven anzuhören – besonders dann, wenn es um feministische Geschichten aus der afrikanischen Diaspora geht. In westlichen Gesellschaften behandelt „Geschichte“ meistens große Namen aus der dominanten Perspektive. Erfolg ist dabei stets quantitativ messbar: Je größer, je länger, je teurer, desto besser. Allerdings wird diese Art von Narrativen den vielen Geschichten der Marginalisierten nicht gerecht. Vielmehr werden gerade dann, wenn Geschichten über „die anderen“ geschrieben werden, Fehlinformationen unkritisch in Umlauf gebracht, so dass sich verzerrende und einseitige Eindrücke durchsetzen.

Gefahren, auf die auch Chimamanda Adichie Ngozi hinweist

Genau darum ging es der nigerianischen Autorin Chimamanda Adichie Ngozi in ihrem inzwischen berühmt gewordenen Vortrag "Die Gefahr einer einzigen Geschichte" auf www.ted.com (2009) - (hier das deutsche Transcript) - , auf den Eggers sich bei der Debatte immer wieder bezog.

Es sei weiterhin unbedingt notwendig, dass die afrikanischen und afro-deutschen Gemeinschaften ihre eigenen Geschichten erzählen und schreiben, sagte Eggers – was auf dem Podium von der Dozentin und Konfliktmediatorin Katja Kinder stark unterstützt wurde. Im Hinblick auf die Tatsache, dass es bisher drei Dokumentarfilme über Audre Lordes Leben gibt, allerdings keinen aus einer afrodeutschen Perspektive, stellte die Historikerin Nicola Lauré Al-Samarai die rhetorische Frage: Wer war eigentlich Deutschlands Audre Lorde?

Warum „eigene Geschichten“ so bedeutsam sind, wird auch mit Blick auf Audre Lordes Leben deutlich. Als Lorde in den frühen Achtzigern in Berlin ankam, bemühte sie sich besonders um Kontakt zu afro-deutschen Frauen. Aus ihrer Erfahrung in den USA war sie sich der Tatsache bewusst, dass auch innerhalb der Frauenbewegung bestimmte Frauen marginalisiert werden. So kam etwa das Erleben von armen Frauen, von Lesben und von Frauen aus der afrikanischen Diaspora, die zusätzlich zum Sexismus andere Diskriminierungen erlitten, in der herrschenden feministischen Theorie nicht vor.

Afro-deutsche Frauen fühlten sich isoliert

In Deutschland nahm Audre Lorde Kontakt zu afro-deutschen Frauen wie Katharina Oguntoye und May Ayim auf, die beide schon länger in der deutschen Frauenbewegung aktiv gewesen waren, sich dort aber isoliert fühlten. Es war keineswegs das erste Mal, dass die Mitglieder der afrikanischen Diaspora sich in Deutschland artikulierten. Aber nichtsdestotrotz war es ein entscheidender Schritt. Denn viele Afro-Deutsche hatten bis dahin isoliert voneinander gelebt und sich allein etwa mit Rassismus, Sexismus oder Heteronormativität auseinandergesetzt. Über diese prägende Zeit hat Lorde später geschrieben: „Mit afro-deutsch verbinde ich die strahlenden Gesichter von Katharina und May, vertieft in angeregte Gespräche über die Heimat ihrer Väter, Vergleiche, Freuden und Enttäuschungen. Es verschafft mir große Befriedigung, wenn ich eine andere schwarze Frau in meinen Seminarraum kommen sehe, wie sie ihre anfängliche Zurückhaltung langsam aufgibt, ein neues Bewusstsein von sich selbst im Verhältnis zu anderen schwarzen Frauen entwickelt.“

Lorde ermutigte die jungen Frauen, miteinander ins Gespräch zu kommen, die eigenen Geschichten auszutauschen und aufzuschreiben. Das führte 1986 zur Veröffentlichung des Sammelbands „Farbe bekennen“, in der afro-deutsche Lebenswirklichkeiten artikuliert wurden, von der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus und Nachkriegsdeutschland bis in die Gegenwart. Herausgeberinnen waren Katharina Oguntoye, May Ayim sowie Dagmar Schultz, eine weiße Feministin und Mitgründerin des Orlanda-Verlags. Ebenfalls in dieser Zeit wurde das erste nationale Treffen der Afro-Deutschen organisiert sowie die Organisationen ADEFRA (damals: Afro-Deutsche Frauen) und ISD (damals: Initiative Schwarze Deutsche) gegründet. In diesem Jahr feiern beide Organisationen ihr 30-jähriges Bestehen.

Die Frage, wie es um die politische Arbeit und vor allem die Zukunft der Gemeinschaften der afrikanischen Diaspora in Deutschland bestellt ist, wurde auf dem Kongress nach einem Vortrag von Kara Keeling zum Thema „A Now That Can Breed Futures“ diskutiert. Denn, so wurde gefragt, wie kann der Erfolg einer Bewegung beschrieben werden, die nach allen herrschenden Standards „gescheitert“ ist? Noch im Jahr 2015 gibt es in Deutschland Probleme mit Rassismus, Sexismus und Klassismus. Menschen, die in gleichgeschlechtlichen Beziehungen leben, sind rechtlich noch immer nicht gleichgestellt. Transgender-Personen kämpfen weiter um Anerkennung.

Die Unterdrückung aller Frauen in den Blick nehmen

Schon Jahre bevor Kimberlé W. Crenshaw den Begriff „Intersektionalität“ prägte, um die verschiedenen Lebenswirklichkeiten afro-amerikanischer Frauen und Lesben sichtbar zu machen, hat Lorde die weißen Feministinnen dazu aufgefordert, die Unterdrückung aller Frauen in den Blick zu nehmen. Dieses nicht zu tun hieße, die gleichen Unterdrückungswerkzeuge zu benutzen wie das Patriarchat: „Von Schwarzen und von Menschen in der dritten Welt wird erwartet, dass sie die Weißen über unser Menschsein aufklären. Von Frauen wird erwartet, dass sie Männer aufklären. Von Lesben und Schwulen, dass sie die heterosexuelle Welt aufklären. Dadurch behalten die Unterdrücker ihre Position und weichen der Verantwortung für ihre Handlungen aus. Es gibt einen ständigen Verlust an Energie – Energie, die wir besser nutzen sollten, um uns selbst neu zu definieren und realistische Szenarien zu entwerfen, wie wir die Gegenwart verändern und die Zukunft entwerfen können.“

Natürlich hat Audre Lorde es zu ihren Lebzeiten nicht geschafft, die herrschende Ungerechtigkeit zu „zerlegen“. Dennoch ist ihr Einfluss in Deutschland spürbar.

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