Bereits Anfang September 2015 sollen VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch(l.) und Konzernchef Matthias Müller über die Abgas-Affäre informiert gewesen sein, berichtet die "Bild am Sonntag". Der Automobilkonzern will sich nicht zu dem Bericht äußern. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
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Waren auch Müller und Pötsch informiert? Brisante Vorwürfe gegen VW

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Volkswagen gerät in der Abgas-Affäre weiter unter Druck. Auch Konzernchef Matthias Müller und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch sollen in den Skandal verwickelt sein.

Wenn der VW-Vorstand an diesem Dienstagvormittag zusammenkommt, dürfte die Tagesordnung vermutlich anders aussehen als geplant. Denn am Wochenende ist der Konzern in der Abgas-Affäre weiter unter Druck geraten: So soll nicht nur der frühere Volkswagen-Chef Martin Winterkorn bereits deutlich früher als bisher bekannt über den Einbau von Betrugssoftware in VW-Fahrzeuge informiert gewesen sein – sondern auch sein Nachfolger Matthias Müller und der heutige Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch.

Winterkorn soll seine Kollegen Anfang September informiert haben

Im Fokus steht die Vorstandsrunde vom 8. September 2015. Bereits an diesem Tag soll Winterkorn seine Kollegen über die Betrugssoftware informiert haben, berichtet die „Bild am Sonntag“ („BamS“). Mit am Tisch sollen auch der damalige Porsche-Chef Müller und der damalige VW-Finanzvorstand Pötsch gesessen haben, was besonders pikant wäre. Denn Müller ist ja gerade deshalb zu Winterkorns Nachfolger berufen worden, weil er angeblich nicht in den Abgas-Skandal verwickelt war.

Heikel ist auch die Rolle von Pötsch, der als Finanzvorstand damals verantwortlich dafür war, ob und wann der Konzern seine Aktionäre über Risiken informierte. Das Wertpapierhandelsgesetz schreibt vor, dass Informationen, die große Relevanz für den Aktienkurs eines Unternehmens haben, sofort weitergegeben werden. Sollten sich die „BamS“-Recherchen bestätigen, wäre das neues Futter für die Anleger, die gegen VW klagen. Sie sind der Auffassung, dass der Autokonzern zu spät über den Skandal informiert habe. Die VW-Aktie war nach dem Ausbruch des Abgas-Skandals im September abgestürzt, einige Aktionäre wollen sich ihre Verluste vom Konzern ersetzen lassen und klagen auf Schadensersatz in Milliardenhöhe.

Kann Pötsch weiter die Rolle des obersten Aufklärers einnehmen?

Am vergangenen Mittwoch hatte VW jedoch in einer Klageerwiderung seine Überzeugung mitgeteilt, „die kapitalmarktrechtlichen Anforderungen vollumfänglich erfüllt zu haben.“ Der Konzern bleibt bei seiner Position, erst am 18. September die relevanten Informationen gehabt zu haben. An diesem Tag hatten die US-Umweltbehörden EPA und CARB den Skandal publik gemacht. Zwei Tage später gab VW zu, seit 2009 in großem Stil Abgaswerte mit einer speziellen Betrugs-Software gefälscht zu haben und löste damit die größte Krise seiner Konzerngeschichte aus.

Ob der gesamte Vorstand aber bereits knapp zwei Wochen vor Bekanntwerden des Skandals in seiner Sitzung am 8. September über das Thema diskutierte, dazu wollte sich ein VW-Sprecher am Sonntag auf Anfrage nicht äußern. Die „BamS“ beruft sich in ihrem Bericht auf einen Teilnehmer der Sitzung, der sich daran erinnere, dass in der Runde niemand Alarm geschlagen habe, welche Konsequenzen das Eingeständnis der illegalen Software haben könnte, auch Pötsch soll geschwiegen haben, heißt es in der „BamS“. Der heutige Aufsichtsratschef gilt als enger Vertrauter der VW-Eigentümerfamilien Porsche und Piëch. Fraglich ist, ob er nun weiter die Rolle des obersten Aufklärers in der Affäre einnehmen kann.

VW soll früh mit drohender Milliardenstrafe gerechnet haben

Bestätigt hatte VW am Mittwoch, dass Winterkorn bereits im Mai 2014 Informationen über einen eingebauten „Defeat Device“, wie die umstrittene Software in den Dieselmotoren heißt, erhalten hat. Es sei aber „nicht dokumentiert, „ob und inwieweit Herr Winterkorn von dieser Notiz damals Kenntnis genommen hat“, heißt es in der Mitteilung. Doch offensichtlich hat der damalige Konzernchef sehr wohl das Schriftstück gelesen. So soll er damals seine Techniker um eine Einschätzung gebeten haben, ob das Problem lösbar sei, berichtet die „BamS“ unter Berufung auf eine angebliche Aussage Winterkorns bei der Befragung durch die US-Anwälte von Jones Day. Die Kanzlei ermittelt im Auftrag von Europas größtem Autobauer, wie es zu dem Skandal um weltweit elf Millionen manipulierte Dieselfahrzeuge kommen konnte.

Der Techniker soll Winterkorn versichert haben, dass das Problem lösbar sei. Im Dezember 2014 habe es dann einen Rückruf der betroffenen US-Autos gegeben. Damit habe Winterkorn das Problem als erledigt abgehakt. Auch seine Sorgfaltspflichten hätte er nicht verletzt, soll Winterkorn im Gespräch mit den Anwälten versichert haben. Doch nach Angaben der „BamS“ gibt es Unterlagen, wonach der Konzern bereits im Mai 2014 mit drohenden Strafzahlungen in Milliardenhöhe gerechnet haben soll. VW verweist darauf, in der zweiten Aprilhälfte über die bisherigen Ergebnisse der Ermittlungen informieren zu wollen.

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