Digitale Abenteuer: In der VR-Lounge am Potsdamer Platz können die Besucher in virtuelle Welten eintauchen. Foto: Georg Moritz
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Virtual Reality Flucht aus der Fantasiewelt

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In neuen Erlebniszentren können Besucher Virtual Reality ausprobieren – und müssen gemeinsam Rätsel lösen, um ihr wieder zu entkommen.

Die Konstruktion sieht aus wie ein Laufstall – nur eben für Erwachsene. Auf Hüfthöhe befindet sich ein Plastikring, der über Gurte mit dem Körper und über Stützen mit dem Sockel verbunden ist. Die Füße der Spieler stecken in Spezialschuhen, deren Sohlen so glatt sind, dass sie auf dem trichterförmigen Metallboden wegrutschen. Dazu tragen die Spieler eine Virtual-Reality-Brille, die ihnen fremde Welten vorgaukelt. All ihre Bewegungen werden aufgezeichnet und ins Spiel übertragen. Die Illusion ist fast perfekt: Sie laufen wie Hamster auf der Stelle, bewegen sich im Spiel aber durch digitale Landschaften.

Der „Laufstall“ heißt Virtuix Omni - und ist ein echter Blickfang. Immer wieder bleiben Besucher der Potsdamer Platz Arkaden stehen, um durch die Glasfenster ins Innere der „VR Lounge“ zu spähen. Die Lounge im Untergeschoss der Einkaufspassage wurde Anfang August eröffnet, seitdem lässt sie Besucher in digitale 360-Grad-Welten eintauchen.

Virtual Reality (VR) ist ein großes Thema. Auch in der Hauptstadtregion produzieren immer mehr Firmen 3-D-Welten, ob nun für Computerspiele, Architektursimulation, Medizin oder berufliche Fortbildung. Noch lässt der Durchbruch im Massenmarkt bei der Nutzung auf sich warten. Vielen sind die Brillen zu teuer oder sie sind unschlüssig, ob sich die Investition lohnt. Deswegen entstehen nun Erlebniszentren für VR, wie das am Potsdamer Platz. Deren Zielgruppe sind Einheimische und natürlich auch Touristen, die einmal die Technologie testen möchten, ohne gleiche eine Brille für hunderte Euro zu kaufen (siehe Kasten).

Die „VR Lounge“ bietet ganz unterschiedliche Digital-Abenteuer. Der „Laufstall“ Virtuix Omni ist nur eine von vielen Möglichkeiten, in die virtuelle Realität abzutauchen. Zur Auswahl stehen zahlreiche Spiele, besonders beliebt sind solche, bei denen man heranfliegende Objekte reaktionsschnell abwehren muss. Aber auch sogenannte „Experiences“ stehen im Angebot, bei denen man etwa auf dem Meeresgrund herumläuft („TheBlu“) oder die erste bemannte Mondmission nacherlebt („Apollo 11 VR“). Besucher sitzen auf einem Stuhl, tragen eine VR-Brille und navigieren per Controller durch die virtuellen Welten. In manchen kann man auch herumlaufen: Die Nutzer stehen dafür auf einer drei mal drei Meter großen Freifläche, ihre Körperbewegungen werden von Sensoren aufgezeichnet.

Vom Mond bis zum Meeresgrund

Die Lounge hat zehn VR-Kabinen, vier zum Sitzen und sechs zum Umherlaufen, außerdem eine große Freifläche. „Mittelfristig wollen wir von 250 auf 1000 Quadratmeter wachsen“, sagt Stefan Zorn, der das Start-up gemeinsam mit Detlef Heinze gegründet hat. Zorn war lange im Bereich Gesundheits-Software tätig, Heinze sammelte Erfahrung mit dem Betrieb von Bowling-Bahnen, Escape Rooms und Lasertag-Arenen. Derzeit testen sie noch, welche VR-Software zur Lounge passt. „Am besten geeignet sind Experiences, die man in der Gruppe erleben kann und die nicht lange erklärt werden müssen“, so Zorn. Auch das Verhältnis von Spielzeit zu Vorbereitungszeit müsse stimmen. Schließlich haben die meisten Besucher noch keine Vorerfahrung mit VR.

Die Lounge-Mitarbeiter helfen VR-Neulingen beim Aufsetzen der Brille und beim Auswählen der Software. So auch Marileen und Jan-Frederik, die mit ihren Eltern Berlin besuchen. Die Familie aus dem Bremer Umland ist beim Arkaden-Bummel zufällig auf die „VR Lounge“ gestoßen. Marileen ist von dem rund zwanzigminütigen VR-Ausflug begeistert. „Das sah aus wie in einer Galaxie, wie bei Star Wars“, sagt sie. Ihrem Bruder gefällt besonders die Bewegungsfreiheit, die ihn „schon ein bisschen ins Schwitzen gebracht hat“, wie er sagt.

Die Lounge ist nicht der einzige Berliner Ort, an dem man VR ausprobieren kann: Ein weiterer befindet sich in der Klosterstraße. Die Firma Exit gibt es seit 2014, sie hat sich auf Escape Rooms spezialisiert. Dabei versucht eine Gruppe von Spielern, innerhalb einer vorgegebenen Zeit den Weg aus einem verschlossenen Raum zu finden. Die Räumlichkeiten könnten kaum stimmungsvoller sein, denn Exit sitzt im Luftschutzbunker des ehemaligen DDR-Fernmeldeamtes. Die Einrichtung der sechs Escape Rooms reicht von der Mittelalter-Burg über ein englisches Landhaus bis hin zum Stasi-Gefängnis.

Teamwork ist Trumpf

Neben diesen „fühlbaren“ Escape Rooms gibt es seit Mai auch einen virtuellen Escape Room namens „Exit VR“. Das erste und bisher einzige VR-Abenteuer heißt „Huxley“ und spielt im Jahre 3007: Die Erde ist durch eine Katastrophe weitgehend unbewohnbar geworden, doch eines Tages empfangen die Bewohner einer Raumstation ein Funksignal von der Erdoberfläche. Bis zu sechs Spieler in zwei Teams machen sich auf die Suche nach des Rätsels Lösung, haben dafür aber nur maximal 44 Minuten Zeit. Jeder Spieler bekommt eine VR-Brille und einen eigenen, 25 Quadratmeter großen Raum, in dem er sich dank Sensortechnik frei bewegen kann. Die Team-Mitglieder kommunizieren über Kopfhörer und Mikrofone, außerdem sehen sie die Avatare ihrer Mitspieler. Bei der Lösung diverser Logik- und Suchrätsel ist Teamwork Trumpf. Nur wenn die Spieler gar nicht mehr weiterwissen, bekommen sie Tipps von den Exit-Mitarbeitern.

In „Huxley“ durchqueren Spieler riesige Hallen und Labyrinthe: Die sehen nicht nur fantastisch aus, sondern lassen Spieler auch tief in die Digitalwelt eintauchen. Damit die Teilnehmer bei allem Überschwang nicht gegen echte Bunkermauern laufen, blendet das Spiel eine weiße Warnlinie ein. Die Bilder für die VR-Brillen werden von Laptops berechnet, die die Spieler im Rucksack mit sich tragen. Die „Kabelungebundenheit“ erhöht noch einmal die Illusion. Nur hin und wieder muss bei den Laptops der Akku gewechselt werden. Das Team, das den Rätsel-Parcours am schnellsten löst, gewinnt.

„Exit VR“ verknüpft virtuelle mit realen Welten. Das Konzept stammt von den Exit-Gründern Rael Hoffmann und Max Mühlbach sowie von den Leitern des Berliner VR-Studios Trotzkind, Sven Haeberlein und Nico Nonne. Ein Spiel wie „Huxley“ zeigt, was die VR-Industrie der Hauptstadtregion so alles kann. Das gilt im Übrigen auch für das Western-Spiel „Duel VR“, das in der „VR Lounge“ läuft: Es wurde vom hiesigen Start-up Booster Space entwickelt.

Überblick: Technik, Brillen und VR-Zentren in Berlin

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