Abgeerntet. Agrarrohstoffe wie Weizen, Soja, Reis oder Mais dienen nicht nur als Lebensmittel, sondern spielen auch eine Rolle in vielen Anlageprodukten. Foto: picture alliance / dpap

Spekulation Wenn Investoren ernten

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Die Spekulation mit Lebensmitteln ist in Verruf geraten. Einige Institute steigen aus, auch wegen schlechter Renditen. Aber viele machen weiter.

Die Deutsche Bank, die Commerzbank und einige andere haben nach massivem öffentlichen Druck die Spekulation mit Nahrungsmitteln eingeschränkt – doch viele andere namhafte deutsche Finanzinstitute halten an dem lukrativen Geschäftsmodell fest. „Wir haben nicht vor auszusteigen“, sagte ein Sprecher von Allianz Global Investors dem Tagesspiegel. Und auch die Fondstochter der Volks- und Raiffeisenbanken, Union Investment, betreibt ihren Rohstofffonds, in dem Agrarprodukte enthalten sind, zunächst weiter.

Allerdings zeigt auch hier die öffentliche Diskussion Wirkung. Die Fondsgesellschaft will ihre Aktivitäten im Bereich Agrarrohstoffe „gründlich prüfen, um so die verantwortungsvolle Investitionspolitik in unseren Rohstofffonds sicherzustellen“, sagte ein Sprecher dem Tagesspiegel. Das Investment in Weizen, Mais, Reis oder Soja ist in Verruf geraten, weil Kritiker der Finanzindustrie vorwerfen, mit ihren Spekulationen die extremen Preisschwankungen für Grundnahrungsmittel zu verstärken.

„Die Banken verschärfen die Hungerkrise“, sagt Foodwatch-Sprecher Martin Rücker. Vor einem halben Jahr hat seine Organisation einen Bericht vorgelegt, wonach Anlagen in Agrarrohstoffe zu einem Anstieg der Lebensmittelpreise führen und in den Entwicklungsländern Hunger verursachen. „Wenn die Menschen dort schon zu normalen Zeiten 80 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen, können sie sich steigende Preise nicht leisten“, sagt Rücker. Foodwatch und andere Nicht-Regierungsorganisationen fordern daher Banken und Fondsgesellschaften auf, das Investment in Agrarrohstoffe aufzugeben.

Der Druck zeigt Wirkung. Die Commerzbank hatte sich bereits Ende vergangenen Jahres entschieden, keine neuen Finanzderivate auf die wichtigsten Grundnahrungsmittel zu emittieren. Dann erklärte die Deutsche Bank, einer der großen Akteure am Markt, in diesem Jahr keine neuen Anlageprodukte mehr aufzulegen, die auf dem Handel mit Grundnahrungsmitteln basieren. Auch die Fondstochter DWS werde keine entsprechenden Fonds auflegen, berichtet Banksprecher Christoph Blumenthal. Bestehende Produkte biete man in der Kundenberatung nicht mehr aktiv an. Eine Arbeitsgruppe soll klären, warum die Preise für Agrarrohstoffe steigen und welche Auswirkungen damit verbunden sind. So lange gilt das Moratorium. Und dann? Bei der Bank ist man skeptisch: „Dass Spekulationen ursächlich für den Hunger in der Welt sind, ist auch bei Experten umstritten“, sagt Blumenthal.

Jetzt hat auch die Fondstochter der Sparkassen, die Deka-Bank, Konsequenzen aus dem wachsenden Druck gezogen. Im Fonds „Deka-Commodities“ werde man künftig auf Weizen, Soja und Vieh verzichten, schrieb Manfred Karg, Leiter der Abteilung Strategie und Kommunikation, Anfang des Monats an Foodwatch-Chef Thilo Bode. Zwar sei der Vorwurf eines langfristigen Einflusses von Finanzinvestoren auf die Lebensmittelpreise nicht hinreichend und abschließend belegt, gibt Karg zu bedenken, „allerdings können und wollen auch wir uns nicht einer Debatte um Preiseinflüsse und mögliche Auswirkungen entziehen“, heißt es in dem Brief, der Mitte der vergangenen Woche bekannt wurde. Die Entscheidung dürfte Karg und seinen Mitstreitern durch die Entwicklung an den Rohstoffmärkten erleichtert worden sein. Die Preise gehen bergab. Weizen kostet heute ein Drittel weniger als im vergangenen Jahr, Kakao ist wieder auf dem Niveau von Ende 2008 angekommen. Entsprechend durchwachsen ist auch die Kursentwicklung der Commodities-Fonds, die in Rohstoffe investieren. So steht der Deka-Fonds heute schlechter da als vor fünf Jahren, Gleiches gilt für den „Allianz Commodities Strategy-Fonds“ und den Union-Fonds „UniCommities“, der heute 25 Prozent weniger wert ist als 2007.

Hinzu kommt: Die Summen, die die Fonds in Agrarrohstoffe stecken, sind relativ gering. Von den 280 Milliarden Euro, die Allianz Global Investors verwaltet, stecken gerade einmal 20 bis 30 Millionen Euro in Nahrungsmitteln. Am „UniCommodities“, Fondsvolumen 328 Millionen Euro, haben Nahrungsmittel, Fleisch, Pflanzenöl und Getreide einen Anteil von gut 37 Prozent. „Das große Rad drehen nicht wir, sondern die Banken und Hedgefonds“, heißt es bei Allianz Global Investors. So legen die Kreditinstitute beispielsweise ETCs, Exchange Traded Commodities, auf – börsengehandelte Wertpapiere, die Anlegern Investitionen in Rohstoffe ermöglichen.

Dass ihre Investitionen für den Hunger in der Welt mitverantwortlich sind, bestreiten die Finanzinstitute. Sie machen die wachsende Weltbevölkerung und die steigende Nachfrage nach Energiepflanzen für die immer wieder einsetzenden Preisschübe verantwortlich. Zudem bräuchten Erzeuger die Terminmärkte, um ihre Preise langfristig abzusichern. Und auch die Anleger verlangten nach solchen Investments, um ihr Portfolio breiter aufstellen zu können. „Wir werden zu Unrecht an den Pranger gestellt“, ärgert man sich bei der Allianz.

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