Bergeweise Orangen. Die Anbaugebiete der Konzerne sind so riesig, dass sie sie anhand von Satellitenbildern kontrollieren. Foto: REUTERS
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Saftige Geschäfte Unter welchen Bedingungen Orangensaft hergestellt wird

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Die Hersteller von Orangensaft stehen in der Kritik - vor allem der Arbeitsbedingungen. Das Problem: In Brasilien teilen drei Konzerne den Markt unter sich auf.

Ein Glas Orangensaft gehört zum ausgiebigen Frühstück dazu. Deutsche Verbraucher mögen den süßen, gelben Saft besonders gerne. 7,9 Liter trinkt jeder Bundesbürger jährlich im Schnitt. Nur Apfelsaft ist noch beliebter. Dennoch wissen die wenigsten, wo der Orangensaft eigentlich herkommt und wie er produziert wird. Eine Studie der Christlichen Initiative Romero (CIR) zeigt nun: Zum Teil wird O-Saft unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt.

Denn Orangensaft wird zwar weltweit verkauft und getrunken. Produziert wird das Konzentrat, aus dem die meisten Supermarkt-Säfte bestehen, jedoch zu 80 Prozent in Brasilien. Im gefrorenen Zustand wird es von dort in riesigen Saft-Tankern verschifft. Das Konzentrat ist ein begehrter Rohstoff, auf dessen Preis selbst Investoren an der Börse spekulieren. So verdienen am Orangensaft viele: Spekulanten, Hersteller, Händler. Doch die, die die schwerste Arbeit leisten, bekommen extrem wenig. Auf gerade einmal zehn Euro am Tag kommt ein Pflücker auf den Plantagen in Brasilien. Und das auch nur, wenn er es schafft, zwei Tonnen Orangen pro Tag zu ernten. Das zeigt die CIR-Studie. Die Organisation macht dafür vor allem die Marktmacht der Konzerne verantwortlich – sowohl die der deutschen Händler als auch die der brasilianischen Großbetriebe.

Die Marktmacht der brasilianischen Konzerne ist groß

Denn in Brasilien, genauer gesagt im Bundesstaat Sao Paulo, ist der Markt für Orangen fest in der Hand von drei Konzernen. Der Größte von ihnen Sucocítrico Cutrale: ein weltweit operierender Konzern, der zum Beispiel auch den Bananenproduzenten Chiquita übernommen hat. Sein Haupthandelsprodukt ist und bleibt aber der Saft. Allein Cutrale kontrolliert ein Drittel der weltweiten Orangensaftproduktion und beliefert große Getränkehersteller wie Coca Cola und Minute Maid. Seine größten Konkurrenten sind der ebenfalls in Sao Paulo beheimatete Konzern Citrosuco und das französische Unternehmen Louis Dreyfus Group.

Wegen dieser Marktmacht stehen die drei immer wieder im Verdacht der Kartellbildung und der Preisabsprachen. So sollen sie bewusst die Löhne der Orangenpflücker drücken. Organisationen wie CIR sprechen sogar von Sklavenarbeit. Tatsächlich wurden allein gegen Cutrale in den letzten sieben Jahren 286 Untersuchungen wegen Verstößen gegen das Arbeitsrecht eingeleitet.

Nur 300 Euro im Monat verdient ein Pflücker

In Brasilien werden viele Arbeiter in der Orangenindustrie nur saisonal während der Ernte zwischen Juni und Februar beschäftigt. Da es in Brasilien ein erhebliches Wohlstands- und Bildungsgefälle zwischen dem armen Nordosten und dem reichen Südosten gibt (hier liegt Sao Paulo), heuern die Orangenbauern ihre Arbeiter oft im Nordosten an. Sie können dadurch niedrigere Löhne zahlen und davon ausgehen, dass die Männer ihre Rechte nicht einfordern.

So kommt selbst ein fleißiger Pflücker nur auf umgerechnet 300 Euro im Monat – was selbst für brasilianische Verhältnisse extrem wenig ist. Langsamere Arbeiter verdienen noch weniger. Um sie anzuheuern, werdenVermittler losgeschickt, um in besonders armen Regionen des Nordostens die Männer zu überzeugen, ihnen ins entfernte Sao Paulo zu folgen. Ihre Reise müssen sie meist selbst bezahlen – obwohl das laut Gesetz eigentlich der Arbeitgeber übernehmen müsste. Das ist schon der erste Verstoß gegen das brasilianische Arbeitsrecht.

Die Konzerne zahlen immer wieder Strafen

Bei der Unterbringung geht es weiter. Im vergangenen Jahr wurden Fälle bekannt, in denen sich 20 Männer einen Raum in einer Baracke teilen mussten. Die sanitären Anlagen verstießen gegen die Hygienevorschriften. Zu den Plantagen werden die Arbeiter oft in dafür nicht zugelassenen Bussen transportiert. Bei der Arbeit auf dem Feld erhalten sie keinen Schutz gegen die Rückstände der eingesetzten Pestizide. Wollen sich die Arbeiter schützen, müssen sie die Schutzkleidung selbst bezahlen. Dazu kommen fehlende Toiletten, keine Möglichkeit zur Ersten Hilfe oder zum Ausruhen.

All das ist bekannt und wird geahndet – doch es ändert sich nichts. Die Behörde für Arbeitsrecht hat im vergangenen August allein durch unangemeldete Besuche auf Cutrale-Plantagen 90 Verstöße gegen das Arbeitsrecht festgestellt. 13 000 Arbeiter waren davon betroffen. Der Konzern musste umgerechnet 1,2 Millionen Euro Strafe zahlen. Doch die Konzerne scheinen das längst eingepreist zu haben.

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Eine Mitschuld geben die Gewerkschaft Verdi und die Initiative CIR aber auch den deutschen Handelskonzernen. Denn sie entscheiden, zu welchem Preis der Orangensaft hierzulande im Supermarkt landet – und wie viel davon bei ihnen selbst hängen bleibt. Nach CIR-Berechnungen kassieren nämlich bereits die Händler 24 Prozent des Preises. Zudem hätten sie es in der Hand, auf die Produzenten einzuwirken und bessere Arbeitsbedingungen vor Ort zu fordern, heißt es. Zwar haben Verdi und CIR bereits vor drei Jahren in einer Studie auf die schlechten Arbeitsbedingungen der Orangenpflücker aufmerksam gemacht. Doch seitdem „gab es viele Versprechen, aber keine substanziellen Verbesserungen“, sagt Sandra Dusch von der CIR.

Handelskonzerne wollen helfen - können aber nicht

Die Händler weisen die Kritik zurück. Bei Edeka heißt es, für das Unternehmen sei „die Verbesserung der Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette ein wichtiges Anliegen“. Das gelte auch für Orangensaft. Allerdings weist das Unternehmen auch darauf hin, dass der Einfluss „auf die Bedingungen vor Ort sehr eingeschränkt“ sei – eben weil die Produktion in Brasilien von wenigen Großbetrieben beherrscht werde. Zumindest für die Eigenmarke hat der Konzern die Lieferanten gebeten, die Produkte von der Business Social Compliance Initiative zertifizieren zu lassen, die die Arbeitsbedingungen kontrolliert. Auch Aldi Süd teilt mit, den Lieferanten klare Regeln vorzugeben. Dennoch sei es schwer, die Bedingungen der Orangenpflücker zu verbessern. Es gehe um „hoch komplexe politische, gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Probleme“. Das mache „eine schnelle und einfache Lösung nahezu unmöglich“.

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