Die "alte" Nutella: Wer Glück hat, findet noch ein Glas im Supermarktregal. Man erkennt sie zum Beispiel am Magermilchpulver-Prozentwert in der Zutatenliste: Bisher waren es 7,5 Prozent Milchpulver, jetzt sind es 8,7 Prozent. Foto: Marcus Brandt/dpa
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Neue Rezeptur So kommt Nutella nicht mehr auf den Tisch

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Die neue Nutella enthält mehr Zucker, weniger Kakao: Solche Rückschritte müssen wir uns nicht gefallen lassen. Ein polemischer Boykott-Aufruf

Verbraucherschützer aus Hamburg haben es bestätigt: Mehr Magermilchpulver, mehr Zucker, weniger Kakao im Glas. Zwar konnten sie noch nicht aufs Milligramm genau rekonstruieren, wie der italienische Ferrero-Konzern die Rezeptur für seine Nuss-Nougat-Creme Nutella hierzulande verändert hat. Doch die Farbe ist objektiv heller, die Zutaten offenbar noch billiger, das Produkt insgesamt noch ungesünder.

Wie bitte? Nutella war immer schon viel zu süß, zu fett, der Massenkonsum ist ein Fall für die WHO, die neckischen Spielchen der DFB-Jungs mit der braunen Paste im Werbespot echt zu peinlich? Ja, schon. Und, ja, man kann in einer freien Marktwirtschaft auch Nudossi, Nusspli oder das palmölfreie Produkt dieses impulsiven Veganer-Gurus Attila Hildmann aus Berlin kaufen. Aber wer will das schon? (Lesen hier die Ergebnisse einer Blindverkostung der Tagesspiegel-Redaktion)

Blindverkostung von Nuss-Nougat- und Haselnusscremes in der Tagesspiegel-Redaktion. Foto: Thilo Rückeis
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Der, die oder das Nutella (der Streit um Genus und Genuss beschäftigt deutsche Frühstückstische seit der Markteinführung im Jahre 1962) ist DER Standard – in dieser Produktgruppe gilt das übrigens auch in China oder den USA, in Italien sowieso. Fast kein Lebensmittelhändler konnte es sich bisher leisten, den Ferrero-Suchtaufstrich nicht im Sortiment zu haben. Sonst gehen Kunden eben woanders hin für den gesamten Wocheneinkauf. Kurzum: Die Creme ist quasi Weltkulturerbe, der Zugang zu ihr de facto Menschenrecht!

Es geht nicht um Fortschrittsverweigerung

Gleichwohl braucht es Regeln, gerade in Familien mit Kindern: In der Wohnung des Autors dieser Zeilen zum Beispiel gibt es, nein, gab es Nutella nur an Wochenenden und Feiertagen, sofern die Kleinen zuvor eine Brötchenhälfte mit etwas anderem bestrichen hatten. Sonst würden sie kaum etwas anderes essen. Nun aber haben die zwei Stimmberechtigten der insgesamt vier Familienmitglieder mit knapper, aber doch fast absolut sicherer Mehrheit entschieden, dass Nutella nicht mehr auf den Tisch kommt. Boykott!

Keramik-Figuren von Trump und Kim, entdeckt im Schaufenster einer Fabrik im spanisch-katalanischen Torroella de Montgri: "In Zeiten in der Herrscher von Ankara über Moskau, Damaskus bis Pjöngjang Unruhe stiften, Leid bringen – in so einer Welt müssen ein paar Dinge streichfest bleiben". Foto: AFP/Josep LAGO
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Es geht nicht um Fortschrittsverweigerung. Man muss offen sein für Neues. Aber diese Änderungen in der Rezeptur hin zu mehr Zucker und billigeren Rohstoffen sind ein Rückschritt. Wenn es Veränderungen gibt, verlangen wir Verbraucher hart erarbeitete Fortschritte – wie im Energiesektor (mehr Erneuerbare), bei Autoherstellern (weniger Stickoxid und Kohlendioxid), in der Finanzpolitik (weniger Steuerschlupflöcher).

In einer Welt der Despoten müssen ein paar Dinge streichfest bleiben

Hier aber wird ein Produkt, das in fast jedem Haushalt verstrichen wird, zum Ausdruck von Profitgier, auch zum Symptom für eine Welt im Chaos. Ferrero glaubt wohl, das geht im Trubel unter. In einer Zeit, in der der Führer der freien Welt täglich seine psychische Instabilität demonstriert, in einer Zeit, in der Herrscher von Ankara über Moskau, Damaskus bis Pjöngjang Unruhe stiften, Leid bringen – in so einer Welt müssen ein paar Dinge streichfest bleiben, dürfen nur besser werden, niemals schlechter.

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