Ob Brot oder Salat: Sehr viele Lebensmittel werden in Plastik verpackt. Foto: Diane Labombarbe/iStock
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Konsum und Kunststoff Verbraucher verabschieden sich vom Plastik

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Weil immer mehr Plastik ins Meer gelangt, ist Kunststoff in Verruf geraten. Viele versuchen deshalb, darauf zu verzichten. Auch Konzerne reagieren.

Am Tag danach plätschert die Nordsee vor sich hin. Kaum vorstellbar, dass noch zwölf Stunden zuvor der Orkan „Sebastian“ hier mitten im September das Wasser bis auf die Promenade gepeitscht hat. Abzulesen ist die Macht der Sturmflut nur noch am Strandgut. Neben Algen und Muscheln hat das Meer so einiges an Müll am Strand der Insel Föhr ausgespuckt: zerquetschte Plastikflaschen, zerrupfte Tüten, verformte Verpackungen. Nach dem Sturm wird sichtbar, was sonst alles im Wasser treibt. Vor allem: eine ganze Menge Plastik.

Was Urlauber erstaunt, ist für die Insulaner kein neuer Anblick. Sie machen sich schon länger Gedanken über das „Plastikproblem“. 20 000 Tonnen Müll landen Schätzungen zufolge jährlich in der Nordsee. Das meiste sind Plastikteile, die Jahrzehnte brauchen, um sich zu zersetzen. Schilder am Strand weisen darauf hin. Eine Plastiktüte braucht 20 Jahre, eine Plastikflasche sogar 450 Jahre, um sich aufzulösen. Das bleibt nicht ohne Folgen: Vögel, Fische und Robben verletzen sich am Plastik oder verwechseln es mit Nahrung, viele verenden daran.

Mehr Plastik als Fische in 2050

Auf Föhr haben sich daher Fischer, Händler, Naturschützer und Touristiker zusammengetan: Sie säubern die Strände, werben für Jutebeutel statt Plastiktüten, setzen auf unverpackte Lebensmittel und reduzieren die Plastikartikel in Ferienwohnungen. „Plastikfrei wird Trend“ haben die Insulaner ihre Initiative genannt – und liegen damit selbst im Trend. Denn auch abseits der Küsten versuchen Verbraucher wie Unternehmen ihren Verbrauch zu reduzieren. Galt Plastik lange als Wundermittel, ist es inzwischen in Verruf geraten, weil so viel davon in die Umwelt gelangt. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos sorgte unlängst eine Studie für Aufsehen, laut der es 2050 mehr Plastik als Fische im Ozean geben könnte.

Eine Entwicklung, mit der man im 19. Jahrhundert kaum gerechnet hat, als man froh war über jeden Kunststoff, den Forscher entdeckten. Nicht selten konnte man erst durch Plastik einen raren Rohstoff ersetzen. Bevor John Wesley Hyatt 1868 Zelluloid entwickelt hat, hat man etwa Billiardkugeln noch aus Elfenbein hergestellt. Nylon wurde als Seidenersatz für die Strumpfhose erfunden.

Kunststoff begleitet uns von früh bis spät

Inzwischen haben Plastikartikel jedoch Überhand genommen. Der Kunststoff begleitet uns von früh bis spät. Die Zahnbürste ist aus ihm geformt ebenso wie die Flaschen für Shampoo und Duschgel. Im Kühlschrank stehen Plastikbehälter mit Butter, Käse und Joghurt. Als Polyester, Polyamid oder Viskose steckt Plastik in unserer Kleidung, als Polyurethan in Matratzen oder Küchenschwämmen. Ohne Kunststoffe auszukommen, scheint also kaum möglich. Und doch gibt es immer mehr Verbraucher, die sich bemühen, ein möglichst plastikarmes Leben zu führen. Manche gehen sogar soweit, dass sie so gut wie keinen Müll mehr produzieren wollen. „Zero Waste“ nennt sich die Bewegung. Möglichst auf Plastik zu verzichten, wird so gesellschaftsfähig. Und zwar auch, weil es immer mehr Anbieter gibt, die das ermöglichen.

Angefangen hat das mit den ersten Geschäften, in denen man Waren unverpackt einkaufen kann. Nudeln, Müsli, Öl oder Gewürze füllen die Kunden dort in Dosen oder Gläser. In Berlin und Kiel eröffneten 2014 die ersten Unverpackt-Läden – inzwischen gibt es sie bundesweit. Die New York Times schreibt bewundernd über die „Anti-Verpackungsbewegung“ hierzulande. Manchen Verbrauchern reicht es jedoch nicht mehr, Reis oder Müsli unverpackt einzukaufen. Auf Blogs teilen sie Rezepte für selbstgemachten Badreiniger, erklären wie man aus Kastanien Waschmittel herstellt oder testen Haarseife, um die Plastikflaschen zu meiden. Drumherum hat sich eine Industrie aus Firmen gebildet, die plastikfreie Produkte anbieten: Zahnbürsten aus Bambus,  Brotboxen aus Zucker und Wachs, Teebeutel aus Stoff oder Strohhalme aus Glas. Es gibt immer mehr Onlineshops, die ausschließlich solche plastikfreien Produkte verkaufen.

Konzerne wollen Plastikeinsatz reduzieren

Zwar sind diese Anbieter noch klein, doch auch der Druck auf die Konzerne wächst. 40 von ihnen haben sich im vergangenen Jahr verpflichtet, weniger Plastik einzusetzen – unter ihnen sind Coca-Cola, Danone, Henkel und L’Oreal. Der Konzern Unilever, zu dem Marken wie Dove, Knorr und Langnese gehören, will ab 2025 nur noch Kunststoffe einsetzen, die komplett recyclebar sind. Procter&Gamble lässt für die Marke Head&Shoulders in Frankreich Shampooflaschen aus Plastikmüll herstellen, der dort am Strand eingesammelt wurde. Auch in Deutschland sollen die Flaschen demnächst in den Regalen stehen. Überhaupt scheint es derzeit angesagt zu sein, Plastikmüll als Ressource zu nutzen. So stellt Adidas aus Plastikmüll vom Strand Sportschuhe her. H&M fertigt für seine „Conscious Exclusive“-Kollektion Kleider aus Shampooflaschen. Naturschützer sehen das jedoch skeptisch. „Produkte aus Plastikmüll zu fertigen, löst nicht unser Problem“, sagt Angela Ottmann vom BUND. Zum einen sammle sich im Plastik, das im Meer schwimmt, Schwermetall an. Zum anderen ist die Aufbereitung energieintensiv. „Die einzig sinnvolle Alternative ist, möglichst viel Plastik zu vermeiden“, sagt Ottmann.

Auch Supermärkte reagieren

Für Konsumenten, die im Supermarkt um die Ecke einkaufen, ist das jedoch noch schwer. Natürlich kann man Milch in der Flasche und Joghurt im Glas kaufen. Doch Bio-Obst und -Gemüse ist oft in Plastik verpackt oder mit Aufklebern versehen, um es von konventionell Angebautem zu unterscheiden. Immerhin: Erste Versuche, das zu ändern, gibt es bereits. So testen Penny und Rewe, wie man das Bio-Logo in die Haut einer Avocado oder einer Süßkartoffel einlasern kann. Natural Branding nennt sich das.

Auch an der Frischetheke tut sich etwas. Sucht man dort scheibenweise Wurst und Käse aus, wird bislang jede Sorte einzeln eingeschlagen. Mitgebrachte Tupperdosen dürfen die Mitarbeiter aus Hygienegründen nicht annehmen. Einige Händler testen jedoch, wie sich die Vorgaben umgehen lassen. In einzelnen Rewe- und Edeka-Läden hantieren die Mitarbeiter mit Tabletts. Auf denen stellt der Kunde seine mitgebrachte Dose ab, der Verkäufer legt die Wurst herein und reicht das Tablett zurück über die Theke. So kann der Mitarbeiter die Dose befüllen, ohne sie berühren zu müssen. Es braucht also manchmal ein paar Tricks, um die Plastikverpackung zu umgehen. Oder staatlichen Druck.

Erst werden Tüten, dann Strohhalme verboten

Schon jetzt haben einige Länder die Nutzung bestimmter Plastikprodukte verboten oder eingeschränkt. Hierzulande betrifft das die Plastiktüten, deren Verbrauch bis Ende 2025 eingeschränkt werden soll. Dann soll jeder EU-Bürger im Schnitt maximal 40 Tüten pro Jahr verwenden. Damit das erreicht wird, müssen Kunden in vielen Geschäften hierzulande bereits eine Gebühr für Plastiktüten zahlen. Vorreiter sind die Deutschen damit aber nicht. In Kenia ist es zum Beispiel schon verboten, Plastitiktüten zu produzieren oder zu nutzen. Wer sich daran nicht hält, muss im schlimmsten Fall mit einer Haftstrafe rechnen. Frankreich will neben Plastiktüten künftig auch Einweg-Geschirr aus dem Verkehr ziehen. Und in der US-Stadt Seattle sollen ab dem nächsten Sommer selbst Strohhalme aus Plastik verboten werden. Der Grund: Auch von denen landen noch immer viel zu viele in den Weltmeeren.

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