318421_0_584bd03f.jpg ilona Studrep

Köpenick Berliner Bürgerbräu wird von Radeberger geschluckt

Kevin P. Hoffmann Moritz Honert
0 Kommentare

Die kleinen Bürgerbräu-Biere gehören bald zu Oetker, mit der Unabhängigkeit ist es aus. Doch schon länger wird in Sachsen gebraut.

Berlin - Fast zwei Drittel seines Leben hat Harald Bösel in der Brauerei verbracht. 43 Jahre lang stellte er in Köpenick das Berliner Bürgerbräu her. Vor sechs Jahren ging der heute 70-Jährige in Rente, hielt der Brauerei aber weiter die Treue und führte regelmäßig Besuchergruppen über das imposante Firmengelände am Müggelsee. Auch am Donnerstag war er wieder unterwegs, führte Mitarbeiter von Coca Cola durchs Haus. Vielleicht zum letzten Mal. Denn am Vorabend war bekannt geworden, dass Berliner Bürgerbräu von der Radeberger Gruppe geschluckt wird. Mit allen Rezepten und den meisten Markenrechten.

Die Geschäftsführung der bisher letzten unabhängigen Berliner Industriebrauerei kündigte an, das Unternehmen zu verkleinern und künftig nur noch Biobier zu produzieren. „Verkleinern“ scheint dabei untertrieben: Von den einst 40 Mitarbeitern, die vor ein paar Jahren dort arbeiteten, waren zuletzt weniger als zehn übrig. Auch ihnen soll die Kündigung ausgesprochen worden sein.

„Ich habe das kommen sehen“, klagt Rentner Bösel. Schließlich seien über die Jahre immer mehr Mengen des angeblich Berliner Bieres im Brauhaus Hartmannsdorf bei Chemnitz in Sachsen gebraut, abgefüllt und dann per Lkw nach Köpenick gebracht worden. Ludwig Hörnlein, Geschäftsführer dieser sächsischen Brauerei sagte dem Tagesspiegel, dass er mit seinen Anlagen sogar Berliner Wasser in der spezifischen Zusammensetzung kopiert hat, mit dem richtigen Härtegrad und allem. Sollte er den Auftrag durch den Verkauf verlieren, sei das schwierig, aber wohl nicht existenzbedrohend.

All das war natürlich geheim, um das Image der Marke nicht zu beschädigen. Wenn jemand Bösel bei einer Führung fragte, warum dort kein Kessel dampfe, antwortete er, dass heute eben schlicht nicht gebraut werde. „In einer kleinen Brauerei ist das eben manchmal so.“

Bürgerbräu-Geschäftsführerin Tina Häring wird bei dem Thema ziemlich einsilbig. Die Mengen, die in Sachsen produziert wurden, seien verschwindend gering gewesen, erklärt sie. Überhaupt muss das Familienunternehmen keine Angaben über Umsatz und Gewinn machen. Auch was die Zukunft angeht, möchte sie sich nicht festlegen. Wer wann in das derzeit ungenutzte Verwaltungsgebäude einzieht, das bald Gewerbe beherbergen soll, sei noch nicht klar. Erst mal müsse umgebaut werden, dann sehe man weiter, sagt sie.

Klar ist derzeit nur, dass die Familie Häring, die die Bürgerbräu Brauerei 1992 kaufte, weiter im Geschäft tätig bleiben will – und nicht nur mit Biobier, sondern auch mit der alten Marke. Die Exportlizenz für Berliner Bürgerbräu habe man behalten, sagt Häring. Konkret bedeutet das, die Firma hat vor, in Zukunft Bier von der Radeberger Gruppe zurückzukaufen und dann nach Russland, Kanada und Japan zu verschiffen. Dort genieße das Berliner Bier einen guten Ruf.

Laut Branchenexperten folge die Übernahme der mittelständischen Brauerei durch die Radeberger Gruppe einer gewissen Logik. Generell sei es für mittelgroße Brauereien in Deutschland schwieriger geworden, sagt Michael Scherer von der Sozietät Norddeutscher Brauereiverbände. Während die Zahl der Brauereien insgesamt seit Jahren konstant bei etwa 1300 liegt, hat die Zahl der mittelgroßen abgenommen.

Das hat zum einen finanzielle Gründe. „Kleinere Betriebe haben in der Regel höhere Einkaufskosten, weil sie Rohstoffe nicht in riesigen Mengen kaufen können“, sagt Scherer. Außerdem haben die mittelgroßen bei geringerem Ausstoß und damit geringerem Gewinn fast identische Arbeitskosten. Zudem werden Brauereien bis 200 000 Hektoliter Bier pro Jahr seit 2004 höher besteuert. Auch Berliner Bürgerbräu erklärte den Verkauf mit nicht mehr rentablen Fixkosten.

In diesem speziellen Fall käme jedoch noch hinzu, dass der Berliner Biermarkt einer der härtesten in Deutschland sei, sagt Scherer. „Hier will jede Marke präsent sein, die Konkurrenz ist also groß und die Berliner waren, was ihr Bier angeht, noch nie besondere Lokalpatrioten.“

Gerade die „starken lokalen Marken“ aber führt eine Sprecherin der zum Oetker-Konzern gehörenden Radeberger-Gruppe, die nun den kompletten Berliner Biermarkt beherrscht, als Grund für die Übernahmen an. Ob wirklich alle Marken wie Rotkehlchen, Bernauer Schwarzbier überleben, könne sie nicht garantieren. „Das wird sich zeigen“, sagt sie.

Zur Startseite