Coffee-to-go-Becher verschmutzen die Umwelt. Deswegen soll er aus dem Stadtbild verschwinden. Foto: picture alliance / dpa
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Kaffee ohne Abfall Was Berlin gegen die Pappbecher tun will

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Wegwerf-Kaffeebecher verursachen jedes Jahr tonnenweise Müll. Die rot-rot-grüne Koalition will nun ein verbraucherfreundlichen Mehrwegsystem einführen. Pilotmodelle gibt es schon.

Im Café Cutie Pie in Kreuzberg gibt es ihn schon – den Mehrweg-Coffee-to-go-Becher. Für vier Euro bekommt der Kunde seine Dosis Koffein nicht mehr im Pappbecher, sondern in einem wiederverwendbaren Bambus-Modell. „Boodha – just swap it“, heißt das Projekt, das in Kreuzberg und Neukölln ein Mehrwegbecher-Pfandsystem testet. Zurückgeben kann man den Becher in den Cafés, die mitmachen. Gerade haben die Initiatoren von „Just swap it“ das Projekt um zwei Monate verlängert. „Wir haben mit fünf Cafés angefangen. Mittlerweile sind es 16“, erzählt Clemens Pech, der gemeinsam mit Ulrike Gottschau das Unternehmen startete. Sie stellen den Cafés die Becher zur Verfügung, holen sie ab und verteilen sie, falls ein Laden zu viele oder zu wenige hat. Wer wissen will, wo er den Becher abgeben kann, schaut online nach.

„Just swap it“ ist das einzige Projekt seiner Art in Berlin. Und damit ein Vorreiter für ein System, das es in den rot-rot-grünen Koalitionsvertrag geschafft hat. „Die Koalition wird gemeinsam mit Handels- und Umweltverbänden ein Mehrwegbechersystem einführen“, heißt es dort. 170 Millionen To-Go-Becher landen jedes Jahr im Berliner Müll, das ist zu viel, findet die Regierung. In den USA sind die Einwegbecher bereits verboten. New York verbannte Wegwerfbecher aus Styropor 2015 aus dem Stadtbild. Weitere Städte wie San Francisco zogen nach. In Berlin sind die Parteien sich zwar einig, dass etwas geschehen muss.

Der "Just swap it"-Pfand-Becher. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Ein solches Verbot verstieße in Deutschland aber gegen EU-Recht. Als Vorschlag hatten SPD und CDU vor einigen Jahren eine Steuer oder Zwangsabgabe ins Gespräch gebracht. „Gutachten sagen, dass so etwas möglich wäre", sagt der umweltpolitische Sprecher der SPD, Daniel Buchholz. Aber man hat sich für einen anderen Weg entschieden, in Berlin will man zunächst auf freiwilliger Basis versuchen, den Verbrauch zu reduzieren.

SPD hat Antrag beschlossen

Dafür setzt die neue Koalition auf ein Mehrwegsystem. Die umweltpolitische Sprecherin der Grünen Silke Gebel sagt: „Die Reduktion von Müll funktioniert über Mehrweg.“ Das Pfand-System soll eine Alternative bieten, die die Bequemlichkeit des Coffee-To-Go für den Bürger erhält. Dazu müsse es aber möglich sein, die Becher an möglichst vielen Stellen abzugeben, zum Beispiel an Bahnhöfen. Zwang durch eine Abgabe sei dann nicht nötig, meint Gebel.
Die SPD ist sogar schon einen Schritt weiter. „Die Fraktion hat den Antrag fürs Abgeordnetenhaus bereits beschlossen“, sagt Buchholz. Zwei Punkte sind laut Buchholz in diesem Antrag zentral. Zum einen sollen die Verkaufsstellen einen Rabatt von 20 Cent pro Kaffee anbieten, den sie in einem wiederverwertbaren Becher anbieten. Zum anderen soll in der ganzen Stadt das Mehrwegsystem etabliert werden, das im Koalitionsvertrag steht. „Wir wollen den Berliner Mehrweg-Becher haben“, meint Buchholz. Der müsse allerdings die richtige Höhe haben, um unter handelsübliche Maschinen zu passen, und spülmaschinenfest sein. Bereits im nächsten Jahr will Buchholz das System in Berlin umsetzen. „2016 war Vorbereitung“, sagt er. Bei den Wirtschaftsverbänden, die man unbedingt in die Umsetzung miteinbeziehen will, sei die anfängliche Skepsis größtenteils verflogen.

Becher bestehen zu fünf Prozent aus Polyethylen

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) begrüßt, dass die neue Regierung mit den Verbänden zusammen arbeiten will. Die Umweltschützer wünschen sich zusätzlich eine Abgabe von 20 Cent auf die Einwegbecher, um damit die Kosten für die Beseitigung zu decken. Die Kampagne „Becherheld“, die die DUH seit 2015 führt, zielt nur darauf ab, auf die Alternative aufmerksam zu machen.

Das sogenannte Individualbechersystem – der Kunde bringt seinen Becher selbst mit – ist für die gastronomischen Betriebe zwar leicht umzusetzen, aber nicht verbraucherfreundlich. „Sie erreichen damit nicht die breite Masse“, sagt Thomas Fischer von der DUH. Deswegen zieht die Umwelthilfe ein Pfand-System vor, das in der ganzen Stadt einheitlich ist. Nur so könnte der Verbraucher seinen Becher schnell wieder loswerden.

„Die Einweg-Becher sind nicht nur Pappe, sondern bestehen zu fünf Prozent aus Polyethylen“, erklärt Fischer. Und das verrottet nicht. Wenn also Kaffeetrinker ihre Becher in der Umwelt entsorgen, bleiben Mikroplastikpartikel zurück. „Wir sollten auf jeden Fall weg vom Becher", sagt Fischer. „Und wir müssen den Kunden so viele Option wie möglich sichtbar anbieten.“ In vielen Cafés ist es nämlich bereits heute möglich, seinen eigenen Becher mitzubringen. Nur weiß das kaum einer. Hygienebedenken gebe es nicht, sagt Fischer. Die örtlichen Hygieneämter kämen zwar zu unterschiedlichen Einschätzungen, wie die Wiederbefüllung zu handhaben ist. Das Be- und Nachfüllen der Becher sei aber nicht verboten.

Kunden behalten Pfand-Becher

Dem Einweg wird also der Kampf angesagt. Mit Unterstützung der Berliner. Denn die Hauptstädter stören sich auf jeden Fall an dem Müll. Nach einer repräsentativen Umfrage der DUH sagen 85 Prozent, dass weggeworfene Kaffeebecher die öffentlichen Papierkörbe und verschmutzen Plätze und Parks überlasten. In anderen Städten wie in Freiburg und in Rosenheim ist ein Pfandsystem bereits gestartet. Die Hamburgische Bürgerschaft hat im letzten Monat eine ähnliche Initiative beschlossen.

Die neue Berliner Regierung will nachziehen. „Wir stehen bereit mit unseren Erfahrungen“, sagt „Just swap it“-Gründer Clemens Pech. Erste Erfahrungen aus Kreuzberg und Neukölln zeigen, dass ein einheitliches System nötig ist, damit man möglichst viele Rückgabestationen hat, berichtet Pech. Auch im Café Cutie Pie sieht man noch Verbesserungsbedarf. Denn viele der Becher kommen nicht zurück, Kunden behalten ihn.

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