Eine auffällige Architektur und ein roter Außenanstrich prägen das Projekt „Am Lokdepot“ nahe dem Gleisdreieck. Foto: Wolfram Steinberg / picture alliancep

WohnungsneubauPostindustrielle Romantik

von Paul F. Duwe2 Kommentare

Das Schöneberger Quartier „Am Lokdepot“ bietet unverbaubaren Gleisblick. Soeben wurde es mit dem Deutschen Architekturpreis ausgezeichnet. Ebenfalls preisgekrönt ist Südlicht 11, ein Genossenschaftsprojekt in Alt-Lichtenrade.

Wie eine rote Wand erhebt sich das Quartier „Am Lokdepot“ zwischen den Gleisanlagen der Anhalter Bahn und dem Kreuzberg. In der herbstlichen Nachmittagssonne leuchten die Fassaden aus Glas, eingefärbtem Sichtbeton und Metall in einem warmen Ton. Die ersten fünf Häuser an der Monumentenbrücke sind fertig gestellt. Jetzt wird der Wohnriegel zur Kolonnenbrücke hin verlängert. Insgesamt entstehen im Rücken der Eylauer Straße 16 Häuser mit rund 200 Wohnungen.

Der Komplex, entworfen von der Berliner Architektengemeinschaft „Robertneun“ und soeben mit dem Deutschen Architekturpreis 2015 ausgezeichnet, wirkt nicht nur mit seiner Farbgebung außergewöhnlich. Die Fassaden sind abwechslungsreich gegliedert. Das üppig einfallende Licht durchflutet die mit Loggien und Balkonen versehenen Lofts.

Der Entwickler des Projekts, die Berliner UTB GmbH, spricht von einer „postindustriellen Romantik“. Und in der Tat: Der rötliche Fassadenton erinnert an traditionelle Backsteinbauten in den Gewerbehöfen. Und unten an den Gleisen vermitteln die Hallen der Eisenbahndepots frühindustrielle Entwicklungsgeschichte. Von Zeit zu Zeit rollen die Loks auf dem eigens eingerichteten Gleis hin zum Deutschen Technikmuseum am Landwehrkanal.

Die schöne Lage hat ihren Preis

Die Lage der „roten“ Wohnungen auf dem 21.000 Quadratmeter großen Areal ist nicht nur wegen der Lichtverhältnisse top. Viktoriapark und das Südgelände befinden sich gleich vor der Haustür. Noch näher dran liegt der inzwischen verlängerte Park am Gleisdreieck, ein beliebtes Refugium für Erholung suchende Großstädter. Jogger, Kindergruppen und Yogaanhänger bevölkern das Gelände. Manchmal hört man Flötenspiel aus dem Unterholz zwischen alten Schienensträngen. Der Fahrradweg von Berlin nach Leipzig verläuft entlang der Bahntrasse.

Innerstädtisches exklusives Wohnen mit freier Sicht auf Bahnschneisen und exzellenter Anbindung an weitläufige Parks – das hat seinen Preis. Die 45 bis 165 Quadratmeter großen Eigentumswohnungen in veränderbarer Modulbauweise kosten pro Quadratmeter im Mittel 3500 Euro, wie UTB-Geschäftsführer Thomas Bestgen berichtet. Obwohl das Projekt erst 2016 abgeschlossen sein wird, ist schon alles verkauft. „Wir sind durch“, erklärt der Entwickler.

Wo es Gewinner gibt, sind auch Verlierer. Als solche fühlten sich die Kreuzberger Bestandsmieter aus dem Quartier an der Eylauer Straße. Sie durften sich jahrzehntelang über den Blick auf das wild umwucherte Bahngelände freuen. Jetzt haben sie Nachbarn vor die Nase gesetzt bekommen.

„Was wir hier machen, ist Upgrading, nicht Gentrifizierung“

Die Investoren sehen ihr Neubauprojekt dagegen als städtebaulich sinnvolle Blockrandschließung und Ergänzung für das Quartier. Bestgen: „Was wir hier machen, ist Upgrading, nicht Gentrifizierung.“ Es sei die Erbengeneration, die ins Wohneigentum dränge, im Kiez bleiben und ihn kreativ mitgestalten wolle.

Der UTB GmbH ist wichtig, soziale Träger einzubeziehen. Deshalb hat das Unternehmen der gemeinnützigen Stiftung Trias ein Grundstück geschenkt, auf dem ein „Haus der Parität“ als Begegnungsort entstehen soll. Der Erste Spatenstich wurde vor wenigen Wochen getan. Dort soll später eine Kita einziehen, 36 Wohnungen stehen für Menschen mit Behinderungen bereit. Auch eine Alten- WG ist geplant. Und im „Repair Café“ können Nachbarn ihr defektes Fahrrad oder den quietschenden Kinderwagen mit ehrenamtlicher fachkundiger Unterstützung wieder fit machen und nebenbei noch einen Espresso trinken.