Speicher als Markthalle? Für den Victoriaspeicher wird eine Zwischennutzung geprüft. Mit den Betreibern der nahegelegenen Markthalle Neun gibt es Interessenten mit starkem Kiezbezug. Foto: imagop

Viktoriaspeicher Bauprojekt an der Spree fällt ins Wasser

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Der Verkauf des Behala-Geländes an den schwäbischen Investoren Hans-Georg Schimmang ist geplatzt. Für den Viktoriaspeicher wird nun eine Zwischenlösung geprüft.

Es ist ein Standort für neues Wohnen und Gewerbe wie aus dem Bilderbuch. Östlich der Schillingbrücke liegt an der Köpenicker Straße ein vier Hektar großes Wassergrundstück, das momentan noch einer Gerümpelhalde gleicht. Seit geraumer Zeit beflügelt es die Fantasie der Stadtplaner. Das Gelände gehört der Berliner Hafen- und Lagerhausgesellschaft Behala, einem Tochterunternehmen des Landes Berlin. Ein erster Versuch, über einen Projektentwickler Baurecht zu erlangen, ist gescheitert.

„Drei Jahre lang habe ich mir hier die Zähne ausgebissen", sagt Investor Hans-Georg Schimmang auf Anfrage des Tagesspiegels. Er wollte hier Wohnungen bauen. „Am Ende war das meine schwerste und bitterste Niederlage“, sagt der Schwabe zu seinen Erlebnissen in Berlin. Letztlich sei er an der „Uneinsichtigkeit der Bezirkspolitik“ gescheitert.

Und so kommt es, dass vor Ort weiterhin Getränke und Gemüse gehandelt werden. Altpapierstapel bedecken große Teile des Areals. Und der historische achtgeschossige Victoriaspeicher erinnert daran, dass hier einmal Spreekähne entladen wurden. Zweifelsohne handelt es sich um ein innerstädtisches Filetstück mit glänzenden Perspektiven. Die Sache hat nur einen Haken: Gleich gegenüber an der Köpenicker Straße befindet sich eine Galvanisierwerkstatt, die mit umweltgefährlichen Stoffen arbeitet. Nach einer Richtlinie der Europäischen Union gilt das Unternehmen mit dem Firmennamen Otek als Störfallbetrieb. Im näheren Umkreis dürfen keine Wohnungen gebaut werden. Der Oberflächenveredler müsste an einen anderen Standort wechseln.

Panhoff wollte der Otek-Umsiedlung in die Oranienstraße nicht zustimmen

Der schwäbische Investor Hans-Georg Schimmang war mit seiner Spreepark GmbH & Co. KG angetreten, das Behala-Gelände für Wohnen, Gewerbe und Freizeit entwickeln zu lassen. Sein Konzept zielte auf einen eher gehobenen Standard, fand damit aber nicht das Wohlwollen der Bezirkspolitik.

Mit Otek hatte sich Schimmang bereits auf eine Teilverlagerung des Problembetriebes verständigt: „Wir waren mit der Firma Otek übereingekommen, dass sie gegen Zahlung von elf Millionen Euro den störfallrelevanten Teil ihres Betriebes bis zum 30. April 2015 in der Köpenicker Straße einstellt. Dieser Teil sollte als Zwischenlösung in die Oranienstraße verlagert werden, um dann nach Fertigstellung der neuen Betriebsstätte endgültig aus dem Bezirk Kreuzberg auszusiedeln.“

Eine solche Zwischenlösung wollte Baustadtrat Panhoff unter Hinweis auf eine Gefährdungslage für die Nachbarschaft in der Oranienstraße aber nicht akzeptieren. Schimmang versuchte noch, den Bezirk zum Einlenken zu bewegen und warnte, „welche Riesenchance er preisgibt“. Aber es half nicht. Der Projektentwickler ließ daraufhin seine Kaufoption Ende September 2014 verstreichen.

Wie geht es nun weiter? Der eh schon klamme Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain kann die Otek-Umsiedlung im Alleingang nicht stemmen. „Ich wünsche mir für das Behala-Gelände eine ausgewogene Mischung aus Gewerbe und Wohnen“, sagt Baustadtrat Hans Panhoff. Aber zunächst müssten sich, so sein Appell nach dem Fehlschlag mit Schimmang, die Senatsverwaltungen für Wirtschaft und für Stadtentwicklung „darauf verständigen, den nahegelegenen Störfallbetrieb zu verlagern“.

"Kurzfristig wird es keine Lösung geben"

Das aber ist wohl weiterhin nicht zu erwarten. Petra Rohland, Sprecherin der Behörde für Stadtentwicklung, macht unmissverständlich klar: „Dafür ist der Bezirk zuständig.“ Bisher sei nicht erkennbar, dass es sich bei dem Behala-Areal um ein Gelände „von besonderer stadtpolitischer Bedeutung“ handele. Man wisse aber, dass es sich für Wohnungsbau eignen könne. „Deshalb ist das Gelände auch Thema in der Wohnungsbauleitstelle unserer Verwaltung“, sagt die Sprecherin und dämpft zugleich übertriebene Erwartungen: „Kurzfristig wird es keine Lösung geben.“

Otek-Geschäftsführer Roman Kläke sieht im Moment auch keinen Handlungsdruck für sein Unternehmen: „Wir sind seit vielen Jahren hier. Warum sollten wir jetzt weggehen?“ Wenn jemand das Geld für eine Verlagerung geben würde, dann sähe es anders aus, lässt er durchblicken.

Stadtrat Panhoff möchte trotz aller Widrigkeiten weiterhin Baurecht für das anvisierte Quartier mit rund 600 Wohnungen schaffen. „Allerhöchste Priorität muss es haben, den Störfallbetrieb aus der Köpenicker Straße wegzubekommen“, sagte er kürzlich im Stadtplanungsausschuss. Otek liegt immer noch wie ein gordischer Knoten im Weg.

Es gibt bereits erste Interessenten für eine Zwischennutzung

Genossenschaften und städtische Wohnungsbaugesellschaften könnten nun das interessante Gelände entwickeln, so wünschen es sich die Bezirksverordneten. An dieser Stelle bremst aber der Senat. Die landeseigenen Gesellschaften seien nicht in der Lage, überall in die Bresche zu springen, heißt es dort. Doch der Bezirk will, dass sich schnell etwas bewegt. Deshalb solle für den denkmalgeschützten Victoriaspeicher eine Zwischennutzung geprüft werden.

Zumal es schon einen Interessenten mit starkem Kiezbezug gibt, nämlich die Betreiber der nahegelegenen Markthalle Neun. Da der Standort an der Eisenbahnstraße mittlerweile aus allen Nähten platzt, möchte man gern kleinere und mittlere Lebensmittelproduzenten wie Bäcker, Schlachter oder Brauer in dem altehrwürdigen Lagerhaus, Baujahr 1911, unterbringen.

Schon länger habe man nach Räumen für die standortnahe Lebensmittelproduktion gesucht, berichtet Nikolaus Driessen, einer der Macher der Markthalle, und sei schließlich auf den Viktoriaspeicher gestoßen. Das Lagerhaus ist nur zehn Minuten Fußweg von der Markthalle entfernt.

Bei der Behala gibt man sich nach dem ersten gescheiterten Verkaufsversuch für das ganze Areal entspannt. Geschäftsführer Peter Stäbleinsa sagt auf Anfrage: „Wir haben auf dem Gelände fast Vollvermietung, einen relativ guten Mietertrag, und den wollen wir ausschöpfen. Das soll so bleiben wie es ist, auch noch in fünf Jahren.“ Für den Victoriaspeicher kann sich der Behala-Chef keine andere als eine Lagerhausnutzung vorstellen: „Eine Umwandlung des Speichers für produzierendes Gewerbe kommt schon aus hygienischen Gründen nicht in Betracht.“

Schimmang prüft eine Schadensersatzklage

Carsten Joost, Architekt und mit dem Konzept „Spreeufer für alle“ Teilnehmer an einem alternativen Planungsverfahren in den Jahren 2010/2011, sieht in dem Vorschlag der Markthalle Neun dagegen einen guten Einstieg in eine Neudiskussion über die Fläche. Nach dem Rückzug des privaten Investors verspüre er eine „starke Welle“ für die Umsetzung von Ideen für ein „Kreuzberg von unten“. Joost setzt gemeinsam mit der großen Mehrheit der Bezirksverordneten dabei vor allem auf die ortsansässige Kreativwirtschaft.

Hans-Georg Schimmang hat mit dem Kapitel Berlin noch nicht abgeschlossen. Er prüft eine Schadensersatzklage gegen den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Aber nicht nur das verbindet ihn mit der Stadt an der Spree: „Ich habe weiterhin den sportlichen Ehrgeiz, in Berlin etwas zu bewegen.“ Dafür lägen Ideen in der Schublade. Mehr sagt er dazu noch nicht.

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