Aufbruchstimmung. Manch schöner Hofeingang in der Nachbarschaft von „Neue West“ in der Potsdamer Straße lädt zu einer Entdeckungstour ein. Foto: Kai-Uwe Heinrich
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Potsdamer Straße Im alten Westen was Neues

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Das Projekt „Neue West“ in der Potsdamer Straße soll Berliner Kreative in den Kiez locken.

An der Potsdamer Straße, schräg gegenüber dem Wintergarten-Varieté, drehen sich die Betonmischer. Eines der ältesten Gebäude in Tiergarten-Süd, das Haus mit der Nummer 91, wird denkmalgerecht saniert. Mit der Rekonstruktion will die ANH Hausbesitz gegen Ende 2015 fertig sein. Für das 1533 Quadratmeter große Grundstück werden „kunstnahe Nutzungen“ angestrebt.

Isabel Mattmüller, die Leiterin des Berliner Büros der ANH, ist begeistert von dem Kiezflair in der Potsdamer Straße, von Ortsansässigen gern auch „Potse“ genannt. Der Gebäudekomplex Hausnummer 91, erbaut in den 1860er Jahren, ist für Mattmüller ein Kleinod der Berliner Gründerzeit. Seit Sommer 2013 ist die ANH dessen Eigentümerin und hat ambitionierte Pläne für das Projekt mit dem klangvollen Namen „Neue West“. „Mit dem Erhalt dieser schönen Bausubstanz möchten wir die Urbanität des Standorts und die Nähe zu Kunstbetrieben nutzen, um hier einen Ort für Kreative zu schaffen“, sagt Isabel Mattmüller.

Die Potsdamer Straße hatte nicht immer den besten Ruf. Billige Absteigen säumten die stark befahrene Verkehrsachse, Prostituierte die benachbarte Kurfürstenstraße. Bis heute sind diese Begleiterscheinungen des Trubels in der Großstadt nicht verschwunden. Aber die Potsdamer Straße ist seit einiger Zeit dabei, sich neu zu entdecken. Im einstigen Tagesspiegel-Gebäude gleich neben dem ANH-Projekt sind Galerien, Modelabels und eine Casting-Agentur eingezogen. Rings um den Wintergarten gibt es Läden für Bürobedarf, Imbiss-Angebote, Kult- Cafés, Nachtschwärmerlokale und, auch das, einen Devotionalienhändler.

Beim Bezirk stoßen die Pläne auf offene Ohren

Die Ansammlung von kleinen Galerien ist schon jetzt unverkennbar. Isabel Mattmüller möchte, dass es noch mehr werden. „Die Gegend braucht ein Umfeld mit Gastronomie und Künstlern.“ So sind denn in der Potsdamer Straße 91 in den oberen Etagen auch Ateliers und Lofts zum Arbeiten und Wohnen für Kreative geplant. Der Hof soll ein belebter Ort werden, an dem man nach dem Galeriebesuch die frisch gewonnenen Eindrücke austauschen kann.

Mit modernem Flair. Das Haus in der Potsdamer Straße 91 wird bis Ende 2015 denkmalgerecht saniert. Insgesamt soll das Ensemble später rund 3 500 Quadratmeter Nutzfläche bieten. Foto: Promo
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Dort stehen auch noch zwei alte Werksgebäude aus den Jahren 1872 und 1883, die für eine Druckerei genutzt wurden, eines davon mit einer Ziegelfassade. Hinzu kommt ein dreigeschossiges Wohnhaus, das in jüngerer Vergangenheit auch schon als Hotel diente. Insgesamt soll das Ensemble später rund 3500 Quadratmeter Nutzfläche bieten. Beim bezirklichen Quartiersmanagement am Magdeburger Platz stoßen die Vorstellungen für den Gebäudekomplex auf offene Ohren. Auch dort ist man schon seit Jahren bemüht, Galerien und Künstler für das Gebiet zu gewinnen. „Wir sehen das Projekt durchaus positiv und finden die geplante Mischung ganz gut. Es tut sich was“, sagt Jörg Krohmer vom Quartiersmanagement.

Zumal damit auch ein Denkmal erhalten wird, das Zeuge für die bewegte Geschichte dieses Stadtteils ist. „Alter Westen“ wurde der Flecken einst genannt. Von 1860 bis 1890 galt das Areal als „feinste Wohngegend in Berlin“, geschätzt von Gutsituierten und Kunstliebhabern. Mit zunehmender Industrialisierung setzte dann aber eine Abwanderung der damaligen High Society nach Westen ein. Und an der Potsdamer Straße kristallisierte sich eine neue Nutzungsmischung heraus, die bis heute Spuren hinterlassen hat. Auf den Hinterhöfen wurden Lithografische Fabriken angesiedelt, Druckereien und Buchhandel fassten Fuß – mit sprunghaftem Anstieg der Mobilität. Die Potsdamer Straße war wohl schon in den 1920er Jahren dem Verkehrskollaps nahe.

"Kunst und Kultur sind nachhaltige Faktoren"

Nach dem Krieg schwand die einstige Bedeutung dahin. Der Mauerbau degradierte die Straße mehr oder weniger zur Sackgasse. Als dann ab den 1960er Jahren das Kulturforum mit der Neuen Nationalgalerie, Philharmonie und Staatsbibliothek entstand, war ein Ansatz gefunden. Die jetzt, 50 Jahre später, an die Potsdamer Straße zuwandernden Galerien nehmen diesen Gedanken auf, zumal der inzwischen wieder in voller Blüte stehende Potsdamer Platz mit seiner breiten Entertainment-Palette auch nur einige hundert Meter entfernt ist.

Das Unternehmen ANH, nun im weiteren Umfeld in der Potsdamer Straße aktiv, hat seinen Hauptsitz in Arnsberg im Sauerland und ist eigentlich auf den Bau von Einkaufszentren spezialisiert. 2008 wurde die Berliner Niederlassung mit den Büros in der Friedrichstraße 40 gegründet. Von dort aus hat die gelernte Architektin Isabel Mattmüller als Regionalleiterin ihr Faible für außergewöhnliche Bauvorhaben schon mehrfach in erfolgreiche Projekte umgesetzt.

Eins davon ist die Rekonstruktion des Stettiner Vorortbahnhofs an der Julie- Wolfthorn-Straße in Berlin-Mitte, heute gastronomisch vom Restaurant „Two Buddhas“ genutzt. Auf dem denkmalgeschützten Schlachthof in Prenzlauer Berg ließ ANH ein Einkaufscenter errichten. Und schließlich besitzt auch das Haus Friedrichstraße 40 mit seinen vorspringenden Erkern aus hohen Glasflächen eine architektonische Sonderausstattung. Eine PR-Agentur und eine Firma für Modedesign haben sich dort eingemietet.

Isabel Mattmüller gibt gern zu, dass sie ein wenig vernarrt in die Berliner Kreativen ist. „Kunst und Kultur sind vor allem nachhaltige Faktoren“, sagt sie. Da müsse sich nicht immer gleich alles rechnen.

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