Der Baubeginn für die „Ringbahnhöfe“ ist für 2019 geplant. Grafik: Wehrhahn Architekten
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Neuer Turm an der Karl-Marx-Straße Neukölln will hoch hinaus

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Auf dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofs läuft das Bauvorhaben „Neue Ringbahnhöfe“ an.

Ein Hochhaus an der Karl-Marx-Straße mitten in Neukölln könnte schon bald die Silhouette des alten Arbeiterbezirks nachhaltig verändern. Das Berliner Büro Wehrhahn Architekten plant einen 100 Meter hohen Turm mit 25 Geschossen für Hotel und Wohnungen. Insgesamt sollen auf einer knapp zwei Hektar großen Teilfläche des einstigen Neuköllner Güterbahnhofs zwischen Karl-Marx- und Hertastraße entlang der Ringbahnstraße bis zu 700 Wohnungen entstehen.

Das Projekt „Neue Ringbahnhöfe“ am S-Bahnhof Neukölln stößt im Bezirk auf Zustimmung. Wohnungen werden gebraucht. Die entwidmeten ehemaligen Bahnanlagen eignen sich gut als Bauland. Baustadtrat Jochen Biedermann sagt: „Das vorliegende Konzept bietet die Chance für die Realisierung eines eigenen, günstig erschlossenen Stadtquartiers und kann dazu beitragen, einen städtebaulichen Missstand durch die Wiedernutzbarmachung ehemaliger Bahnflächen zu beheben.“

Jede vierte Wohnung wird günstig vermietet

Das stattliche Bauvorhaben kommt auch deshalb so gut an, weil sich die potenziellen Investoren von der Projektgesellschaft Ringbahnstraße 2-14 GmbH und der Enca Group Berlin schon vorweg bereit erklärt haben, gemäß dem Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung jede vierte Wohnung in dem neuen Stadtquartier günstig zu vermieten. Nur einige wenige Apartments im Hotel-Hochhaus sollen einzeln verkauft werden.

Die Architekten Hans Wehrhahn und Stephan Niewolik wollen ein Ensemble schaffen, das Wohnen, Arbeiten, Nachbarschaft und Tourismus miteinander verbindet. So sind neben den 200 Hotelzimmern auch Studenten-Apartments vorgesehen. Die meisten Wohnungen fallen relativ klein aus, um die Mietkosten überschaubar zu halten. „Wir bieten aber vielfältige Wohnungsgrundrisse an, sodass Singles, Familien und Wohngemeinschaften unter einem Dach leben können“, verspricht Niewolik. Knapp 40 000 Quadratmeter sind für Wohnungen gedacht. Auf den Etagen soll es zudem Gemeinschaftsflächen geben. Ein Clou könnten für die Allgemeinheit zugängliche Aussichtsterrassen auf den begrünten Dächern werden.

Ein „Neuköllner Tor“ mit 100 Metern Höhe würde inmitten des Häusermeers eine städtebauliche Dominante setzen und vielleicht auch einen Imagewandel nach sich ziehen. Stadtrat Biedermann sieht für die Hochhaus-Pläne noch Diskussionsbedarf, möchte den Wolkenkratzer aber nicht isoliert betrachten. Er setzt auf das Gesamtkonzept für das Quartier.

Mehr als 1000 Menschen könnten hier ein Zuhause finden

Neben dem Turm an der Karl-Marx-Straße soll ein etwa halb so hohes Gebäude an der Hertabrücke den westlichen Abschluss bilden. Diese Idee hat Biedermann noch nicht überzeugt. „Beim geplanten Hochhaus an der Hertabrücke überwiegt bei mir die Skepsis“, gibt er zu.

Die zwischen den beiden Türmen geplanten Wohnhäuser orientieren sich an der Berliner Traufhöhe. „Um nicht ein Riesengebäude zu entwerfen, sondern eine Maßstäblichkeit zu erreichen, die nach Neukölln passt, haben wir uns für sechs umbaute Höfe entschieden“, sagt Architekt Stephan Niewolik.

In den Hochhäusern sollen Singles, Familien und Wohngemeinschaften unter einem Dach leben. Grafik: Wehrhahn Architekten
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Wenn der Plan realisiert wird, erhält jedes Haus eine eigenständige Gestaltung. Die Neubauten sollen an der Ringbahnstraße fünf Geschosse und ein zusätzliches Staffelgeschoss bekommen. Das Laubenganghaus an der Nordseite dient als akustische Abschirmung gegen die stark befahrene Bahntrasse.

Für die Versorgung im Quartier, in dem einmal mehr als 1000 Menschen ein Zuhause finden könnten, sind Ärztehaus, Büros, Restaurant, Bäcker und Kita angedacht. Die Tiefgarage für das Gewerbe befindet sich an der Karl-Marx-Straße. Stellplätze für die Bewohner gibt es in einer zweiten Tiefgarage an der Hertabrücke. Dazu kommen Ladestationen für E-Autos, reservierte Parkzonen für Carsharing und Räume für Fahrräder.

Verdichtung ist angesagt – mit Fragezeichen

Für die neue Zweckbestimmung Wohnen und kiezbezogene Dienstleistungen musste der alte Bebauungsplan überarbeitet werden. Seit dem Frühjahr läuft das Verfahren. Die frühzeitige Bürgerbeteiligung ist bereits abgeschlossen. Ziel ist, wie das Bezirksamt in einer Beschlussvorlage formulierte, „eine verträgliche, kerngebietstypische Mischnutzung von Einzelhandel, Wohnen und Gewerbe an der Karl-Marx-Straße sowie eine Wohngebietsentwicklung entlang der Ringbahnstraße“.

Die erforderlichen Gutachten zu Verkehr und Lärm stehen kurz vor dem Abschluss, ebenso die Umweltverträglichkeitsprüfung. „Schattenstudien ergeben, dass mit den Gebäudehöhen und den großzügigen Höfen angenehme Wohnverhältnisse entstehen“, sagt Architekt Niewolik. Die beiden Hochhäuser würden ihre Schatten im Wesentlichen auf die Bahnanlagen werfen.

Auf der Brachfläche erinnert wenig an den Güterbahnhof. Eine Zeile von Speditionsschuppen ist noch übrig geblieben – eine Kulisse einer vergangenen Zeit. Dort tut sich nicht mehr viel. Ein Hausmeister überprüft gelegentlich die Schlösser der Tore auf der Ladestraße. Statt der Kohlewaggons sollen nun Kinderspielplätze und viele, viele Wohnungen den Standort prägen. Verdichtung ist angesagt – mit Fragezeichen. Stadtrat Biedermann sieht Chancen für den nördlichen Bezirksteil zwischen Karl-Marx-Straße und Hermannstraße, möchte aber auch sicherstellen, „dass dieses neue Stadtquartier nicht als Fremdkörper wahrgenommen wird“.

Die Architekten Hans Wehrhahn und Stephan Niewolik sind schon lange in Berlin an Bauvorhaben beteiligt, etwa an der Wasserstadt in Spandau und dem Columbiaquartier am Tempelhofer Flughafen. Weil sie mit ihrem aktuellen Projekt „hoch hinaus“ wollen und das Vorhaben über Neukölln hinaus eine gesamtstädtische Bedeutung hat, soll es nun am 5. Dezember 2017 im Berliner Baukollegium um Senatsbaudirektorin Regula Lüscher besprochen werden.

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