Das Bauspar-Neugeschäft sah 2017 mäßig aus. Ein kräftiges Wachstum verbuchten die Kassen dafür bei der Baufinanzierung. Schwäbisch Hall übertraf sogar eigene Erwartungen. Foto: imago/Steinach
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Bausparkassen unter Druck Wetten auf die Zinsen von morgen

Wolf Dewitz
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Die aktuelle Niedrigzinsphase belastet die Branche. Dennoch können Verträge attraktiv sein.

Die Niedrigzinsphase macht den Bausparkassen weiter zu schaffen. Beim Bauspar-Neugeschäft sei 2017 das Vorjahresergebnis nach vorläufigen Zahlen nicht ganz erreicht worden, teilte der Verband Privater Bausparkassen mit. Die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) wirke „wie eine Motivationsbremse für langfristig angelegtes Sparen“.

Wegen des EZB-Kurses liegen Guthabenzinsen in Bankprodukten derzeit nahe null Prozent, dies gilt auch für Bausparverträge. Die Landesbausparkassen (LBS) sehen die Zinssituation ebenfalls kritisch. So monierte die LBS Südwest, das Betriebsergebnis werde wegen der EZB „massiv belastet“.

Die ganze Branche ist unter Druck: Recht hoch verzinste Altverträge vermiesen gute Geschäfte, zumal die Kunden im Rahmen dieser Verträge keine Darlehen abrufen – weil der vor Langem festgelegte Kreditzins für sie hoch und damit unattraktiv ist. Das hemmt den Geldkreislauf im Geschäftsmodell Bausparen, bei dem die Kunden zunächst Geld als Guthaben geben, sich dann aber Geld als Kredit leihen sollen.

In Deutschland gibt es 20 Bausparkassen. Zum Verband Privater Kassen gehören Branchenprimus Schwäbisch Hall, Wüstenrot und BHW sowie kleinere Institute wie die Aachener Bausparkasse. Hinzu kommen die Landesbausparkassen, von denen die LBS Südwest die größte ist. Diese LBS vermeldet für das Bausparen 2017 ein Neugeschäft auf Vorjahresniveau, Wüstenrot spricht immerhin von einem kleinen Plus.

Die Hoffnung auf höhere Zinsen trägt die ganze Branche

Wie geht es weiter – kommt eine Zinswende in Sicht und damit auch eine bessere Zeit? Darauf hoffen die Banker. So rechnet Wüstenrot-Chef Bernd Hertweck für 2018 mit einem leichten Zinsanstieg am Finanzmarkt, der sich 2019 verstärken könnte. Dies werde Auswirkungen auf seine Branche haben. „Den Kunden wird bewusst, dass die Zinsen wieder steigen könnten“, sagt Hertweck.

Die Hoffnung auf höhere Zinsen am Finanzmarkt trägt die ganze Branche. So heißt es vom Verband Privater Bausparkassen: „In dem Moment, in dem die Zinswende nach oben auf breiterer Front wieder spürbar wird, dürfte das Zinsabsicherungsargument an Bedeutung wieder deutlich gewinnen und sich dann auch im Neugeschäft niederschlagen.“ Denn der Darlehenszins ist bis zur Rückzahlung des letzten Euros fix – auch wenn die Kapitalmarktzinsen zwischenzeitlich (deutlich) gestiegen sein sollten.

Bausparen sei eigentlich nichts anderes als eine Versicherung, sagt auch Bodo Gut, der das Online-Portal bausparkassen-vergleich.de betreibt. „Es ist ja so, dass man nicht in die Zukunft schauen kann, aber es sind die Zinsen der Zukunft, die man sich sichert.“ Und die sind aktuell niedrig und können wesentlich länger in Anspruch genommen werden als bei einem Hypothekendarlehen. Mit keinem anderen Finanzierungsprodukt lassen sich bis zu dreißig Jahre im Voraus Zinsen festlegen.

"Ein Bausparvertrag ist ein Tilgungsersatzinstrument"

Auf jeden Fall gilt es, die Konditionen genau zu vergleichen. Die Bausparkassen zum Beispiel geben sich im Grundbuch mit der Absicherung im zweiten Rang zufrieden, sagt Alexander Nothaft, Sprecher des Verbandes der Privaten Bausparkassen e.V. (Berlin): „Ihre Zweitrangkondition ist quasi eine Erstrangkondition. Wenn man dies berücksichtigt, sieht der Vergleich (zwischen Hypothekendarlehen und Bausparvertrag, d. Red.) schon ganz anders aus – und dann versteht man auch besser, warum die Angebote von Bausparkassen bei der Stiftung Warentest oft sehr gut wegkommen.“

Hertweck geht davon aus, dass 2018 mehr Kunden einen Bausparvertrag abschließen, um sich den aktuell noch niedrigen Darlehenszinssatz zu sichern. „Es wird auch mit den Ängsten des Bauwilligen gespielt“, sagt Gut: „Deshalb hat die Bausparbranche letztlich schon einhundert Jahre überlebt.“ Ein Bausparvertrag, den man sofort zum Bauen verwenden wolle, mache „keinen Sinn“, sagt der Portalbetreiber Gut: „Ein Bausparvertrag ist eher ein Tilgungsersatzinstrument.“ Wie Aktien oder eine Lebenversicherung, die fällig wird.

Das Bauspar-Neugeschäft sah im abgelaufenen Jahr mäßig aus. Bei niedrigen Zinsen ist der Verkauf dieses Produktes schwer. Schnell entsteht durch die fällige Abschlussgebühr ein negativer Zins. Dennoch verbuchte die Branche ein kräftiges Wachstum in einem für die Kassen neuen Geschäftszweig: der Baufinanzierung. Diese Kreditvergabe ist den Kassen erst seit zwei Jahren im großen Stil möglich, damals sprang der Gesetzgeber der angeschlagenen Branche bei und erweiterte ihr Geschäftsfeld.

Junge Familien sind die Verlierer beim Bauboom

Hier läuft es gut: Schwäbisch Hall übertraf eigene Erwartungen, die LBS Südwest sprach von einer deutlichen Steigerung – beide Institute nannten keine Zahlen. Wüstenrot berichtet für 2017 von einem Zuwachs im Baufinanzierungs-Neugeschäft in Höhe von etwa fünf Prozent. Der Grund: Kunden brauchen Geld für Investitionen in Immobilien.

Doch auch hier gibt es Sorgen. Denn durch den Bauboom und steigende Immobilienpreise erhöht sich zwar die Nachfrage nach Krediten. Aber: „Für uns ist das eher Fluch als Segen“, sagt der Wüstenrot-Chef. Denn wegen der Niedrigzinsphase fließe immer mehr Kapital in Immobilien, dadurch wiederum würden viele Häuser und Wohnungen für junge Familien unbezahlbar. Solche jungen Familien seien aber nun mal das Stammklientel der Bausparkassen – auf lange Sicht sei das in vielerlei Hinsicht eine kritische Entwicklung, sagte Hertweck.

Der Banker appellierte an die Politik, auf der Kostenseite endlich für Entlastung zu sorgen. Hilfreich wäre es zum Beispiel, wenn Ersterwerber von Immobilien – also häufig junge Familien – keine Grunderwerbsteuer zahlen müssten. „Die Hürden, um an dem Wohneigentumsboom teilzuhaben, sind viel zu hoch – man kommt gar nicht in den Genuss von eigenen vier Wänden, weil man das aufgrund der gestiegenen Kosten und Preise nicht schafft.“

Senioren treiben mit Bausparverträgen Vorsorge

Schwierigkeiten, Kredite zu bekommen haben nicht nur junge Menschen, sondern auch ältere. Der Anteil junger Bausparer bis 30 Jahre lag zuletzt (2016) bei den privaten Bausparkassen bei 25,9 Prozent. Vor zehn Jahren waren es nach Angaben des Verbandes der Privaten Bausparkassen e. V. 25,7 Prozent. Älter als sechzig Jahre beim Neuabschluss eines Bausparvertrages waren 2016 15,3 Prozent, 2006 13,8 Prozent. Viele Senioren treiben mit Bausparverträgen Vorsorge für einen altersgerechten Umbau oder sparen sich so einen Betrag zusammen, um keinen Kredit aufnehmen zu müssen.

Knapp 30 Millionen Bausparverträge gibt es nach Branchenangaben hierzulande. Das heißt, dasss fast jeder zweite Haushalt mindestens einen Bausparvertrag hat.  Ein Auslaufmodell sind Bausparverträge also offenbar nicht.

(mit dpa)

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