Das ist doch die Höhe. Auf Initiative von Handelsblatt, Handelsblatt Global, Wirtschaftswoche, Die Zeit und Tagesspiegel trafen sich dieser Tage auf dem Alpengipfel am Gaislachkogel (Tirol) in über 3000 Meter Höhe Vordenker der Digitalisierung. Sebastian Muth
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Giga-Gipfel in Sölden Digitale Zukunft gestalten

Hans-Peter Siebenhaar Matthias Kamp
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Vorstandschefs, Internetpioniere und Zukunftsforscher beraten auf einem Berg über ein digitales Manifest fürs 21. Jahrhundert.

Während in Berlin, 30 Meter über dem Meeresspiegel, die Jamaika-Koalitionäre verhandeln, treffen sich in Sölden, auf 3048 Metern, Entscheider, Gestalter und Visionäre, um die digitale Zukunft in Deutschland und Europa zu diskutieren und neu zu schreiben. Denn die Digitalisierung bestimmt die Zukunft wie kein anderes Thema. Doch im Wahlkampf und bei der Regierungsbildung spielte das Thema eine bescheidene Rolle. Weitsicht und Überblick sind bei den komplexen Herausforderungen für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gefragt.

Deutschlands Leitmedien, „Die Zeit“, „Tagesspiegel“, „Wirtschaftswoche“ und das „Handelsblatt“, trieben daher das Thema in dem alpinen Ferienort in Tirol quasi auf die Spitze. „Wir wollen als Bewegung eine digitale Agenda schreiben, damit sich Deutschland bei der Digitalisierung an die Spitze setzt“, sagte Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart.

Der legendäre Ice Q – bekannt aus dem letzten James Bond-Film – mit seinem imposanten Panorama von Österreich bis nach Deutschland und Italien bildete den Austragungsort für den Giga-Gipfel. Das Ziel der 50 Visionäre, darunter Vodafone-Chef Hannes Ametsreiter, Siemens-Personalvorstand Janina Kugel, VW-Digitalchef Johann Jungwirth, Kuka-Chef Till Reuter und Daimler-Zukunftsforscher Alexander Mankowsky, ist ein digitales Manifest, um die Zukunft neu zu schreiben. Unter den Teilnehmern waren auch die Microsoft-Managerin Magdalena Rogl, Christophe Hocquet, Gründer, Miteigentümer und Chef von Brille 24, der das stationäre Geschäft von Fielmann angreift, Alexander Schütz, Aufsichtsrat der Deutschen Bank und Gründer von C-Quadrat, Twitter-Deutschlandchef Thomas de Buhr und der Digital-Vordenker der Lufthansa, Ferdinand Wiegelmann.

Deutschland hat nicht einmal einen Digital-Beauftragten

Der Befund zum digitalen Standort Deutschland fällt besorgniserregend aus: In Ländern wie Indien gibt es ein Ministerium für Elektronik und Informationstechnologien und in Kanada ein Innovationsministerium. In Deutschland hingegen hat die Regierung nicht einmal noch einen Digital-Beauftragten im Kanzleramt. In der Liste der attraktivsten Standorte für Start-up-Unternehmer liegt Berlin nur auf dem bescheidenden Platz sieben. Die deutsche Hauptstadt ist abgeschlagen hinter dem Silicon Valley, New York, London, Peking oder Tel Aviv zu finden. China und Russland die besten Softwareentwickler der Welt. Danach folgen Polen, Schweiz, Ungarn, Japan, Frankreich und Italien, wie eine Untersuchung von HackerRank belegt. Deutschland landet hinter der Ukraine und Bulgarien nur auf Platz 14. In Deutschland sind noch immer wie im 19. Jahrhundert Tafel und Kreide beliebte Instrumente in der Schule. In Ländern wie Australien über Norwegen bis nach Liechtenstein benutzten die Schüler bereits vor fünf Jahren zu über 90 Prozent einen Computer in der Schule. Selbst Jordanien brachte es auf 80 Prozent. In Deutschland waren es damals nur 69 Prozent.

Ohne kreative Zerstörung geht es nicht

Das Mantra des Giga-Gipfels gab Hannes Ametsreiter aus. Der Vorstandschef von Vodafone fordert statt frustrierender Pilgerfahrten zu Google und Apple ins Silicon Valley, sich endlich auf die Stärken der Industrie in Deutschland zu besinnen und sie in die digitale Zukunft zu überführen. „Gehe Deinen eigenen Weg. Baue auf Deine Stärken in Europa“, fordert Ametsreiter. Nach Meinung des früheren Chefs der Telekom Austria lässt sich das Ziel nicht ohne kreative Zerstörung und eine klaren Zukunftsvision erreichen, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht. „Innovation, Disruption, Destruktion sind seit Schumpeter nicht neu“, sagt Ametsreiter.

Der Tagungsort, das Restaurant Ice Q bei Sölden, ist bekannt aus dem James-Bond-Film „Spectre“ . Foto: Sebastian Muth
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Diese Position unterstützt auch Johann Jungwirth, Chief Digital Officer der Volkswagen AG. Der Vordenker fordert: „Wir müssen unsere Stärken mit den Stärken von Silicon Valley, China und Israel verbinden.“ Die Zukunft sei, die richtigen Partner in einer vernetzten Welt zu finden und Ökosysteme zu schaffen. Der Wettbewerb mit dem Silicon Valley könne aber nur gelingen, wenn die Autobahn für den digitalen Transport ohne Schlaglöcher und Geschwindigkeitsbegrenzungen auskommt. Zur digitalen Zukunft gehört auch das neue Verhältnis zwischen Mensch und Maschine. „Human first“, formulierte Jungwirth als Regel. Der Individualverkehr werde sich mit Künstlicher Intelligenz grundlegend zum Vorteil der Menschheit verändern. Autonomes Fahren führe nicht nur zu mehr Sicherheit und weniger Verkehrstoten, sondern verringere auch die Flächen, die in den Städten beispielsweise für Parkplätze notwendig sind. „Ich bin zutiefst überzeugt, dass die Automobilindustrie die Branche ist, wo man derzeit sein sollte“, sagt der VW-Manager mit großem Optimismus.

Amerikaner fangen mit dem Traum an, nicht mit dem Plan

Die Digitalisierung verändert auch die Politik. Der Kampagnen- und Strategieberater Julius van de Laar gibt im Gespräch mit Christoph Amend, Chef des „Zeit-Magazins“, einen Einblick. Er half 2012 US-Präsident Barack Obama, die Präsidentschaftswahl mit Hilfe von Facebook zu gewinnen. „Wir wussten, dass mit einer 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit ein Toyota-Prius-Fahrer Obama wählt. Das Problem war nur, dass es nicht so viele Prius-Fahrer gab“, sagt der Experte. Van de Laar fordert statt konkreter Pläne, eine Vision für die digitale Zukunft. Schließlich hätte Martin Luther King gesagt: „I have a dream. Er hat aber nicht gesagt: I have a plan.“ Er ergänzt: „Die Amerikaner fangen nicht mit Plan an. Sie sagen zuerst, wo wollen wir hin.“

Auf erste Thesen hat sich die digitale Bewegung im Söldener Ice Q auf über 3000 Meter Höhe bereits verständigt: Es braucht ein kollektives Grundrecht auf digitale Versorgung. Dazu gehören der schnelle Ausbau des Glasfaser-Netzes, die Förderung von Start-ups durch Venture Capital und digitale Bildung von Beginn an. Im Bereich Politik unterstreicht die Agenda von Sölden die Notwendigkeit eines visionären Narrativs, wozu unter anderem eine Big Data getriebene Empathie und ein auf den Menschen ausgerichtetes Design gehören. Die Erklärung hebt außerdem die Bedeutung der Kooperation zwischen Mensch und lernender Maschine sowie die Notwendigkeit eines neuen, industriellen Ökosystems an Partnerschaften hervor. Weitere wichtige Eckpunkte der Agenda sind die Unterstützung überforderter Mitarbeiter, neue Jobdefinitionen, Experimentierfreudigkeit und die Forderung nach digitaler Teilhabe. HB

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