Vor zwei Jahren ist Torsten Hinrichs von Standard & Poor’s zu Scope gewechselt, vom Tanker zum Speedboat, wie er sagt. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Gegen die Macht von Moody's und Co. Berliner Institut will US-Ratingagenturen Konkurrenz machen

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Drei Ratingagenturen aus den USA teilen sich die Macht über die Bewertung von Firmen und Staaten. Die Berliner Agentur Scope will sie nun angreifen. Ihr Chef, Torsten Hinrichs, hat hohe Ziele.

Um seine früheren Kollegen macht Torsten Hinrichs derzeit lieber einen Bogen. Zu schnell entsteht der Eindruck, er wolle wieder Mitarbeiter abwerben. Das erzählt er und schmunzelt. Selbstbewusst sitzt Hinrichs in seinem Büro im neunten Stock unweit vom Potsdamer Platz. Durch die bodentiefen Fenster blickt er auf Tiergarten und Reichstagskuppel.

Erst vor zwei Jahren ist Hinrichs von Frankfurt am Main nach Berlin gezogen – und hat dabei nicht nur die Stadt, sondern auch die Seiten gewechselt. Vom Großkonzern zum Newcomer. Vom Tanker zum Speedboat, so beschreibt er es selbst. Bis vor zwei Jahren war Hinrichs Deutschland-Chef bei Standard & Poor’s, einer der drei größten Ratingagenturen der Welt. Heute leitet er deren Angreifer Scope: eine junge Berliner Ratingagentur, die den Amerikanern Konkurrenz machen will.

Die Ambitionen sind groß. Deshalb mag man es bei Scope auch nicht so gerne, wenn man sie als Berliner Ratingagentur bezeichnet. Das klingt so lokal, so national. Dabei sitzen Hinrichs Mitarbeiter neben Berlin längst auch in Frankfurt, London, Madrid, Paris und Mailand. Hinrichs spricht deshalb lieber von einer europäischen Ratingagentur mit Hauptsitz in Berlin. Von der Zentrale in der deutschen Hauptstadt profitiere Scope, weil sich Fachkräfte aus dem Ausland hier eher hinlocken ließen als nach Frankfurt.

Scope will den großen drei US-Agenturen Konkurrenz machen

Die Berliner Agentur sehen Hinrichs und seine bald 110 Kollegen als europäische Antwort auf die „Big three“. Die großen drei, das sind die amerikanischen Ratingagenturen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch: Sie teilen den Markt für die Bewertung von Staaten und Firmen bislang fast vollständig untereinander auf. Manche bezeichnen sie als die heimlichen Herrscher der Wall Street. Heimlich, weil ihre Macht nicht so offensichtlich ist wie bei den Investmentbanken, die täglich Millionensummen bewegen.

Anders als sie handeln Ratingagenturen nicht mit Geld, sondern mit Daten – was ihren Einfluss jedoch nicht schmälert, im Gegenteil. Jeden Tag sammeln die Analysten alle Informationen über Firmen, Länder und Märkte, die sie bekommen können. Dann heben oder senken sie den Daumen: Halten sie einen Konzern oder Staat für kreditwürdig oder steht er vor der Pleite? Investoren vertrauen ihrem Urteil oft nahezu blind. Letztlich hängt es also von den Ratingagenturen ab, ob Konzerne und Staaten sich verschulden können, ob jemand ihre Aktien kauft, ihre Anleihen.

Für die Ratingagenturen ist das ein lukratives Geschäft. Denn Unternehmen bekommen überhaupt nur dann Geld von Investoren, wenn sie sich von einer Ratingagentur durchleuchten lassen – und dafür zahlen. Doch so einträglich das für Agenturen ist, so schwer haben es Neulinge in diesem Markt. „Das ist das Henne-Ei-Problem“, sagt Hinrichs. Um ernst genommen zu werden, braucht sein Institut möglichst viele namhafte Firmen, die bei ihm ein Rating bestellen. Die tun das aber nur, wenn die Agentur bereits eine gewisse Größe und Reputation hat. Deshalb gibt es auch bislang kaum Ratingagenturen, die mit den großen US-Instituten mithalten können. Versuche, nach der Finanzkrise eine europäische Ratingagentur zu gründen, scheiterten bislang alle.

Neuere Agenturen spezialisieren sich stattdessen auf Nischen: etwa auf das Rating von Mittelständlern oder europäischen Banken. Auch Scope, 2002 gegründet, führte anfangs solch ein Nischendasein. Für Hinrichs kommt dieses Spezialistentum langfristig aber nicht infrage. „Sie brauchen als Ratingagentur ein Komplettangebot, um im Markt ernst genommen zu werden“, sagt er. Und ernst genommen werden, das will er.

Die Agentur will über Fusionen weiter wachsen

Bleibt das Henne-Ei-Problem. Wie gewinnt man Kunden und Reputation, wenn man das eine braucht, um das andere zu erlangen? Lösen will Hinrichs das, indem er zum einen renommierte Analysten von der Konkurrenz abwirbt und zum anderen kleine Ratingagenturen aufkauft. Zum 1. August übernimmt Scope zum Beispiel Feri Eurorating. Die Agentur aus Bad Homburg stuft unter anderem Investmentfonds und Staaten ein.

Gerade Letzteres ist für Scope wichtig. Zwar verdienen Ratingagenturen mit Staaten kaum Geld – nur wenige Länder sind bereit dafür zu zahlen, um von einer Agentur gesagt zu bekommen, wie kreditwürdig sie sind. Doch dafür ist die Aufmerksamkeit bei solchen Ratings besonders groß – vor allem in Krisenzeiten wie nach dem Brexit. Erst das Rating von Staatsanleihen verschafft den Agenturen Ansehen und Respekt. Hinrichs sagt: „Wenn Sie mit den großen Ratingagenturen mithalten wollen, gehört das Rating von Staaten einfach dazu.“

Dieses Streben nach Höherem lernt man vermutlich, wenn man für ein Institut wie Standard & Poor’s arbeitet. Hinrichs hat für die Amerikaner das Geschäft in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Skandinavien aufgebaut, er hat für sie Büros in Moskau, Dubai und Istanbul eröffnet. Das Neue, Unbekannte scheint ihn zu locken. Auch deshalb ist er wohl jetzt der Konkurrent der Amerikaner – und stolz darauf. In drei Jahren, sagt Hinrichs, soll Scope so weit sein, dass die Berliner Agentur wie die US-Institute alle Bereiche des Ratingmarktes abdeckt. Deshalb will er auch nach der Übernahme von Feri Eurorating weiter auf Einkaufstour gehen. „Das wird nicht der letzte Zukauf gewesen sein“, sagt er.

Das Geld kommt von Privatinvestoren wie Stefan Quandt

Konkurrenten, die ebenfalls den Amerikanern nennenswerte Marktanteile abluchsen wollen, sieht er nicht. „Wenn ich in den Rückspiegel schaue, ist da nichts.“ Vermutlich ist da allein schon deshalb nichts, weil ein solches Wachstum viel kostet. Wer kann sich schon eine Ratingagentur nach der anderen kaufen und noch dazu den großen Instituten Mitarbeiter abwerben?

Allein in den letzten drei Jahren hat Scope 20 Millionen Euro investiert – jüngste Übernahmen wie die von Feri Euroratings sind da noch gar nicht eingerechnet. „Wir sind stark in Vorleistung gegangen“, bestätigt Hinrichs. Finanzieren kann er dieses Wachstum nur mithilfe von Privatinvestoren. Neben Scope-Gründer Florian Schoeller ist so seit vergangenem Jahr zum Beispiel auch BMW-Erbe Stefan Quandt an der Berliner Ratingagentur beteiligt.

Auszahlen wird sich dessen Einsatz allerdings nur, wenn es Hinrichs und seinen Kollegen nun auch gelingt, große Kunden zu gewinnen. Kunden wie das Förderinstitut KfW oder die Schweizer Großbank UBS, die sich schon jetzt von Scope beurteilen lassen. Hinrichs will ihnen eine Alternative zu den US-Instituten bieten, die seit der Finanzkrise stark in der Kritik stehen: Viel zu lange haben die amerikanischen Ratingagenturen verbriefte Hypothekenkredite als unbedenklich eingestuft, weshalb institutionelle und private Anleger massenhaft Papiere kauften, die 2008 plötzlich nahezu wertlos waren. Damals fiel besonders stark auf, wie oft die US-Institute zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommen. Nicht weil sie beieinander abschauen – sondern schlichtweg, weil sie ähnlich arbeiten.

Scope will bei Rating anders vorgehen als die Amerikaner

Die Berliner wollen deshalb bewusst manches anders machen. Zumal sie zu vielen Dinge ohnehin eine andere Einstellung haben. Da ist etwa die Frage, wie man es bewertet, wenn Firmen  Geld für schlechte Zeiten zurücklegen. In angelsächsischen Ländern bekommt ein Konzern beim Rating dafür keinen Pluspunkt – Gewinne sollen an die Aktionäre ausgeschüttet, nicht zur Seite gelegt werden, so sehen es die Amerikaner. „Wir halten es dagegen für sehr sinnvoll, wenn Unternehmen finanziell vorsorgen“, sagt Hinrichs.

Auch die Sicht auf die grundsätzliche Ausrichtung von Unternehmen unterscheidet sich. So sind Mischkonzerne, die gleich in mehreren Branchen unterwegs sind, in Europa üblicher als in den USA. Hier honoriert man eine breite Aufstellung der Konzerne, weil sie das weniger anfällig für Krisen in einzelnen Sektoren macht. In den USA können die großen Unternehmen dagegen bei Aktionären punkten, wenn sie sich spezialisieren – was sich entsprechend aufs Rating auswirkt. Scope will da bewusst gegenhalten: „Wir wollen die europäische Stimme am globalen Ratingmarkt werden“, sagt Hinrichs. Seine Analysten sollen nicht mit der US-Brille auf die Welt schauen, sondern nationalen Besonderheiten mehr Gewicht geben.

Mitreißen will Hinrichs seine Mitarbeiter, indem er ihnen Freiraum gibt. Sie sollen nicht nur Daten auswerten, sondern sich auch eine eigene Meinung bilden. „Bei amerikanischen Ratingagenturen werden persönliche Meinungen oft aus Analysen herausredigiert“, sagt Hinrichs. „Uns ist die eigene Einschätzung dagegen sehr wichtig.“ Dazu verspricht er flache Hierarchien, kurze Entscheidungswege – mehr wie ein Start-up als ein Konzern. Mit jungen Gründern eint ihn auch das Streben nach Wachstum. Zehn Prozent Marktanteil weltweit in zehn Jahren, sagt Hinrichs, das halte er für realistisch.

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