Vierbeiniger Türöffner. Der Roboter des US-Unternehmens Boston Dynamics hat sogar Manieren und hält einem anderen Roboterhund die Tür auf. Foto: Screenshot Youtube/Boston Dynamics
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Boston Dynamics Keine Angst vor dem Roboterhund

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Eine Türen öffnender Metallvierbeiner verbreitet Angst und Schrecken, dabei zeigt er nur wie beschränkt Maschinen eigentlich sind.

Das US-Unternehmen Boston Dynamics gilt als einer der fortschrittlichsten Roboterbauer der Welt. Der neueste Coup der Entwickler aus dem Bostoner Vorort Waltham treibt jedoch manchem Beobachter den Angstschweiß auf die Stirn. „SpotMini“ heißt der gelbe Roboter, der mit seinen vier Beinen wie ein mechanischer Hund ohne Kopf aussieht. In einem kürzlich auf Youtube veröffentlichten Video ist zu sehen, wie der Hunderoboter zu einer verschlossenen blauen Tür läuft. Dann kommt ein zweiter Roboter, der einen zusätzlichen Greifarm auf dem Rücken hat. Damit drückt er die Klinke nach unten, schiebt die Tür auf und hält sie für seinen Kumpan geöffnet.

Mehr als fünf Millionen Menschen haben sich die kurze Szene in nur drei Tagen angesehen. Doch die Reaktionen sind weitgehend gleich. „Das ist so gruselig“ oder „Bitte stoppt den Irrsinn“ lautet ein Großteil der fas 25 000 Kommentare. Manch einer fürchtet gar das Ende der Welt heraufziehen: „So beginnt der Untergang der Menschheit“, schreibt ein finnischer Nutzer. Viele andere fühlen sich an die Science-Fiction-Serie „Black Mirror“, erinnert, in der die Protagonistin in einer apokalyptischen Welt von einem ziemlich ähnlich aussehenden Roboterhund verfolgt wird. Kein Wunder: Schließlich hatten frühere Geschöpfe von Boston Dynamics die Macher der Science-Fiction-Serie inspiriert.

Doch was ist an den Befürchtungen dran? Bringt uns der rasante Fortschritt nun Szenarien wie in den „Terminator“-Filmen näher, in denen Maschinen in den Kampf gegen Menschen ziehen? Haben womöglich Stephen Hawking oder Tesla-Chef und Tausendsassa Elon Musk mit ihren Warnungen vor den Gefahren Künstlicher Intelligenz doch Recht?

„Im Gegenteil“, sagt Tamim Asfour, Professor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), der dort schon seit 20 Jahren humanoide Roboter entwickelt. Er freut sich über den Fortschritt, schließlich könnten solche Roboter in Katastrophengebieten wie Fukushima oder bei der Suche nach Verschütteten einmal wertvolle Dienste leisten.

Warum Roboter keine Türen öffnen können

Vor allem aber zeigt das Video eigentlich eher, wie weit Roboter noch von menschlichen Fähigkeiten entfernt sind. Eine Tätigkeit wie das Öffnen von Türen, die schon Kleinkinder beherrschen, ist für Metallkameraden auf zwei Beinen eine enorme Herausforderung. Das zeigte beispielsweise die letzte Darpa-Robotics-Challenge 2015, ein Wettbewerb der Forschungsbehörde des Pentagons. Auch da war eine der Aufgaben für die Roboter das Türen öffnen, doch die Probanden scheiterten gleich reihenweise daran und kippten teilweise einfach um. „Das Gleichgewicht zu halten ist für humanoide Roboter unglaublich anspruchsvoll“, sagt Asfour. Mit komplexen Algorithmen berechnen sie die Wirkung der Erdanziehung. Doch an der Wechselwirkung mit einer Tür scheitern fast alle. Insofern hat es sich Boston Dynamics mit dem Hunderoboter leichtgemacht. „Mit vier Beinen vereinfacht man das Problem natürlich enorm“, sagt Asfour.

Er entwickelt mit seinem Karlsruher Team eine Roboterfamilie namens Armar, die beispielsweise trainiert wird, in der Küche zu helfen. Die Roboter können Tische abwischen, Gegenstände aus dem Kühlschrank nehmen oder in den Geschirrspüler stellen. „Armar-III kann seit mehr als zehn Jahren Türen vom Kühlschrank oder der Spülmaschine öffnen“, sagt Asfour stolz. Allerdings läuft der Roboter dabei nicht, sondern fährt, das Balanceproblem fällt damit weg.

Die Experten am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung ringen ebenfalls mit dem Türenproblem. Seit sechs Jahren tüfteln sie am Serviceroboter Care-o-Bot, der in Flughäfen, Hotels oder Museen eingesetzt werden soll. Seit Ende vergangenen Jahres fährt er beispielsweise im Berliner Saturn-Markt im Europacenter herum und fragt Kunden, ob sie Beratung brauchen. Künftig soll der Care-o-Bot zudem auch in Krankenhäusern oder Pflegeheimen eingesetzt werden, denn dafür wurde er ursprünglich konzipiert. Der Roboter soll dabei den Pflegern vor allem viel Lauferei abnehmen, schmutzige Wäsche transportieren oder Essen bringen. Doch als größte Hürde stellen sich dabei oft Türen, Treppen oder Fahrstühle heraus. Trotzdem wollen die Fraunhofer-Experten dem Care-o-Bot nicht das Klinkendrücken beibringen. „Oft können die bestehenden Abläufe durch geringfügige Anpassungen so gestaltet werden, dass der Roboter seine Stärken ausspielen kann, ohne für Roboter immer noch relativ komplexe Aufgaben wie das Öffnen von Türen lösen zu müssen“, sagt Projektleiter Ulrich Reiser. Trotz solcher Schwierigkeiten gab es in den letzten Jahren große Sprünge bei der Bilderkennung und auch Mechatronik. Daher ziehen nun zunehmend Roboter in Privathaushalte ein, beispielsweise zum Staubsaugen oder Rasenmähen. „Der Weg zum universalen Assistenten, der vielseitige Aufgaben zuverlässig und sicher ausführen kann ist jedoch noch Dekaden entfernt“, sagt Asfour.

Google wollte Boston Dynamics nicht

Auch Boston Dynamics hat sich bisher schwer getan, tatsächlich Einsatzmöglichkeiten für seine Geschöpfe zu finden. So hatte das Unternehmen einen größeren Roboterhund entwickelt, der als Lastenträger für das Militär gedacht war. 32 Millionen Dollar hatten die Streitkräfte in das Projekt gesteckt, doch 2015 entschied das Marine Corps Warfighting Laboratory nach ausgiebigen Tests, dass die Roboterhunde für den Fronteinsatz ungeeignet seien. Denn die Metalltiere waren schlicht zu laut, die Marines fürchteten sie könnten ihre Position verraten.

Google hatte das ursprünglich am Massachusetts Institute of Technology entstandene Unternehmen 2013 gekauft. Doch richtig glücklich war der Internetkonzern mit den Robotern nicht. Denn irgendwann sollten die teuren Entwicklungen der Tochter auch Einnahmen generieren, die waren nach dem Platzen des Armee-Deals jedoch nicht in Sicht. Zudem sorgte sich die Google-Mutter Alphabet, die Aktivitäten der Roboterbauer könnten negativ auf das eigene Image abstrahlen. Denn schon damals erzeugten die Videos von Boston Dynamics bei vielen Zuschauern Angst. Doch auf die Diskussionen über die furchterregenden Roboter hatte die PR-Abteilung der Google-Mutter keine Lust mehr, wie interne Mails zeigten. Und so wurde Boston Dynamics 2016 zum Verkauf gestellt, ein Abnehmer fand sich erst ein Jahr später mit dem japanischen Technologiekonzern Softbank.

Wann Roboter Unbehagen auslösen

Doch auch wenn die Roboter eigentlich noch so harmlos und eingeschränkt sind, wird sich das Grundproblem in der Wahrnehmung so schnell allerdings nicht lösen. „Dass hochgradig lebensechte Roboter furchterregend, ja häufig sogar gruselig wirken, ist in der Forschung seit langem bekannt“, sagt die Psychologin Martina Mara. Die Österreicherin arbeitet am Ars Electronica Futurelab in Linz und forscht seit langem über die psychologischen Wirkungen von Robotern. Ein starker Auslöser für Unheimlichkeit liege im Zweifel darin, ob ein lebloser Gegenstand nicht doch beseelt sei. Seit längerem ist daher das Phänomen des „uncanny valley“ (Unheimliches Tal) bekannt. Es bezeichnet eine Akzeptanzlücke beim Umgang mit humanoiden Robotern: Je ähnlicher diese Menschen werden, desto mehr Unbehagen lösen sie aus. „Ein ähnlicher Eindruck kann auch durch besonders organische Bewegungen hervorgerufen werden“, sagt Mara. So wie bei den Robotern von Boston Dynamics. Die tierhaften Bewegungen stünden dabei im Kontrast zum mechanischen Aussehen. „Wir bekommen also widersprüchliche Hinweisreize“, sagt Mara, „einerseits klar Maschine, andererseits scheinbar doch so lebendig, insgesamt fast eine Art Kippbild“. Und das erzeuge das Unbehagen bei vielen Betrachtern.

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