Die Kieze entdecken. Ares Kalandides (Mitte) führt die Chinesin Miao You (rechts) und andere Neuberliner aus aller Welt über den Wochenmarkt auf dem Winterfeldtplatz Foto: Kai-Uwe Heinrich TSPp

Berlintour für Start-ups Change! Progress! Boom!

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Ein Gefühl für die Stadt sollen die Neuankömmlinge aus aller Welt bekommen. Unterwegs auf einer Berlintour für Start-ups.

Miao Yous Finger kreist über dem Südrand des Tiergarten, hüpft kurz hinüber zum Savignyplatz und drückt sich schließlich beim Zoo auf die Stadtkarte. „Hier sind wir!“ Der Reisebus schiebt sich am Elefantentor des Zoos entlang, Miao Yous Finger fährt auf der Karte mit. „Very chinese“, kichert sie, als sie den Pagodeneingang zum Zoo sieht.

You, 24, kommt aus China. Seit einem Dreivierteljahr lebt sie in Berlin und arbeitet hier für das Marketingunternehmen Glispa. Sie hat bereits ihre Stammkneipen, kennt Festivals und war im Tiergarten. Was You bisher fehlte: ein Gefühl für’s Ganze. Ein Gefühl für Berlin.

Genau hier setzt die Stadttour an, an der You teilnimmt. Es soll eine Tour für Neuankömmlinge aus aller Welt sein. Anders als gewöhnliche Touristenprogramme gehe es nicht um die Sehenswürdigkeiten, sondern um das Gefühl der Stadt, sagt Ares Kalandides. Um die Kieze Berlins, um den Fortschritt.

Kalandides arbeitet bei Inpolis, einem Dienstleister für urbane Entwicklung. Das Unternehmen wurde von der Wirtschaftsförderung Berlin Partners gebucht, die die neue Tour für Neuberliner aus aller Welt auf die Beine gestellt haben. Am Samstag fand die Berlintour erstmals statt. 18 Interessierte hatten sich angemeldet, ein Drittel hatte sich dann in den Regen hinausgewagt. Vor allem Personaler junger Web-Unternehmen sind gekommen, um die Pilottour für ihre Kollegen zu testen.

„Es gab solch ein Angebot bisher leider nicht“, sagt Sven Mein vom Softwareunternehmen Jesta Digital. Firmen seien weitestgehend auf sich gestellt, wenn sie ihren Angestellten die Stadt erklären wollen. Der 25-Jährige ist selbst in Berlin groß geworden. Was er seinen Kollegen mitgibt, ist die Kneipenszene der Stadt, „und ich hoffe, spätestens in Kreuzberg wird das auch noch Teil der Tour“.

Tatsächlich geht es bei der Führung zunächst viel um urbanes Wohnen. Kalandides erklärt die Berliner Mietstruktur, zeigt „highend houses“ in Mitte und weist auf architektonische Schätze in Schöneberg hin. Er navigiert die Gruppe im Reisebus durch die Stadt, vom Potsdamer Platz geht es in die City West, dann nach Tempelhof und Kreuzberg. Die Gruppe schaut auf dem Winterfeldtmarkt vorbei und stapft im Regen über das Tempelhofer Feld.

Wenn Kalandides dabei erzählt, dann nicht von Wendezeit, Nazi-Vergangenheit oder Kaiserreich – sondern vom Morgen. Er formuliert Sätze, die „change“, „progress“ oder „boom“ in sich tragen. Das heißt nicht, dass Kalandides Berlins Geschichte nicht auch erklärt. Aber bei seiner Tour wird sie zum Sprungbrett für Entwicklung. Für die Möglichkeiten, die die Stadt seinen Zugezogenen bieten soll. „Ihr seid hier unsere Gäste und nicht nur Besucher“, sagt er in die Runde, „deshalb möchte ich euch eine Idee geben, was es heißt, Berliner zu sein“.

Miao You hat bereits ihr Berlinbild sortiert. Wenn sie mit Freunden in China skypt, dann erzählt sie weniger vom „Boom“, der die Stadt ergreift. Sie spricht lieber von den Farben Berlins: „It’s green and blue.“ Grüne Wiesen und blauer Himmel. Sie hat in Hong Kong studiert. In der Sieben-Millionen-Metropole sei so etwas eine Seltenheit.



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