Ein Kindskopf in einem zu großen Körper. Jerry Lewis im Jahr 2013 bei den Festspielen in Cannes. Foto: REUTERS/Regis Duvignaup

Zum Tod von Jerry Lewis Das Kind, der Clown und der Liebhaber

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Er war der größte Komiker seiner Zeit, ein Filmpionier - und ein Humanist. Nun ist Jerry Lewis mit 91 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Das Leben ist lächerlich. Das Beste ist, man lacht darüber. Aber weil jeder Mensch genügend Gründe hat, die Sache nicht ganz so lustig zu finden, gibt es Komiker.

Jerry Lewis war einer der großartigsten. Der "letzte amerikanische Clown", wurde er genannt. Oder auch: "Hollywoods erfolgreichster Idiot". Sein Einfluss reicht bis in die Gegenwart. Die Karrieren von Eddie Murphy, Robin Williams, Jim Carey und Martin Short wären ohne ihn nicht denkbar gewesen. Jerry Seinfeld lobte ihn als Komiker schlechthin. Und Woody Allen wollte, dass Lewis seine ersten Filme drehte.

Dessen Manifest "Total Film-Maker" gilt unter amerikanischen Filmstudenten bis heute als Pflichtlektüre. Er war einer, der alles selbst erledigte, das Drehbuch schrieb, Regie führte, Geld auftrieb, die Vermarktung regelte und sein eigener Hauptdarsteller war. Er kaperte das Studiosystem Hollywoods und spannte es in seine Obsessionen ein. Es war der seltene Fall, dass einer umfassende Macht erhielt - und dabei witzig blieb.

Am Sonntag ist Jerry Lewis an Herzversagen gestorben, er wurde 91 Jahre alt. Obwohl es zuletzt still um ihn geworden war, steht er in einer Reihe mit Giganten wie Charlie Chaplin, Buster Keaton, Laurel und Hardy, den Marx Brothers die ihren Ruhm wie er dem Kino verdankten. Aber im Gegensatz zu denen war das Komische für Lewis ein Trick. Er spielte den in einem zu großen Körper gefangenen Kindskopf, der in seinem Eifer so viel Chaos um sich herum verbreitete, dass die Dinge ihm am Ende in die Hände spielten. Aber am Grund von Lewis’ Humor lauerte die Traumatisierung.

Jerry Lewis bei Proben zu einer Galaveranstaltung in Montreux in der Schweiz im Mai 1976. Foto: dpap

Als er gegen Ende seines Lebens aufhörte, Scherze zu machen, weil er die Maskierung nicht mehr brauchte, da trat die Tragödie in der scharfen und verletzenden Kontur des störrischen Kindes zutage. Etwa als er dem „Hollywood-Reporter“ im Dezember 2016 ein spektakulär verunglücktes Interview gab. Der Journalist hatte schon beim Betreten von Lewis‘ Villa in Las Vegas ein ungutes Gefühl. Der betagte Star „sah wütend aus“.

Viele Leute arbeiten noch mit 90 Jahren. Haben Sie je darüber nachgedacht, sich zur Ruhe zu setzen?

Warum?

Äh - Gab es nie den Moment, dass sie dachten, jetzt sollte ich besser aufhören?

Warum?

Sie entstammen der älteren Generation Bob Hopes, George Burns', Frank Sinatras, die Sie kannten. Viele von denen sind auch nie von der Bühne abgetreten. Sehen Sie Ähnlichkeiten?

Keine.

Nicht? Was treibt sie alle an weiterzumachen?

Dass wir es gut machen.

Was hat sich für Sie, wenn Sie heute auf die Bühne gehen, verändert verglichen mit der Zeit vor 20 Jahren?

Nichts.

Gar nichts?

Gar nichts.

Wie schaffen Sie es, Ihr Material für sich selbst frisch zu halten?

Indem ich daran arbeite.

Sie hatten mehrere Krankheiten in den vergangenen Jahren zu überstehen ...

... das tut ja wohl jeder mit 90.

Hält die Arbeit sie gesund?

Nein.

Es waren erst zwei Minuten der Befragung vergangen, weitere fünf sollten noch folgen. Doch gesprächiger würde Jerry Lewis nicht mehr werden. Das war nicht lustig. Die Reaktionen auf dieses „peinliche Interview“ fielen entsprechend aus. Ein Witzbold, der nicht mehr komisch war - konnte es etwas Schlimmeres geben? Wohin hatte ihn sein Humor da bloß geführt? Sein Alter war keine Entschuldigung. Jedenfalls keine, die er selbst hätte gelten lassen.

Anerkennung. Mit Goldie Hawn 2005 in Berlin nach der Verleihung der Goldene Kamera. Foto: Peer Grimm/dpap

Seit er als Teenager durch halbseidene Burleske-Theater getingelt und vor „Männern mit Zeitungen auf dem Schoß“ aufgetreten war, die ihn von der Bühne buhten, um die Stripperinnen zu sehen, hatte er verinnerlicht, wie man einen Lacher provoziert. "Ich wurde immer besser darin, meine schlaksigen Glieder zu verdrehen", schrieb er einmal über seine Anfänge. "Und ich übte vor einem Spiegel so lange Grimassen zu schneiden, bis ich mich selbst nicht mehr einkriegte. Gott hatte mich nicht ansehnlich gemacht, aber er hatte mir etwas mitgegeben, dessen ich mir sicher war: funny bones."

Daraus sprach das Drama einer verlorenen Kindheit. Ein Spiegel war zum besten Freund des Jungen geworden. Während sein Vater Danny Levitch in Varietés und Bars als Unterhalter auftrat, begleitet am Klavier von seiner Frau Rae Rothberg, wurde der Sohn zu Tanten und Großmüttern abgeschoben. Er war gerade erst fünf, da ließen sie ihn seine Eltern einem Sommercamp "Brother, Can You Spare A Dime?" singen. "Für sie war es die höchste Form familiären Zusammenseins, mich in einen ihrer Auftritte einzubauen."

Woraus sich für Jerry die simple Frage ergab: Würde sein Humor ihn aus der Einsamkeit des Spiegelbildes herausholen? Wohin würde das Lustige ihn führen?

Zunächst deutete wenig darauf hin, dass Joseph Levitch aus Newark, New Jersey, zum größten Spaßmacher der Nachkriegszeit geboren war. In der Schule tat sich der Junge schwer, kam nicht mit. Als seine Lieblingsgroßmutter, die ihn aufzog, starb, entwickelte der Elfjährige eine Essstörung und kapselte sich ab. Später, die Schule hatte er abgebrochen, fand er Anstellung als Hotelpage und Kartenabreißer im Kino. Seine Freunde begeisterte er mit einer Synchron-Pantomime, bei der er zu Songs von der Schallplatte ulkige Verrenkungen vollführte, eine "geniale Lösung", wie er fand, für sein Problem, viel zu scheu zu sein, um sich auf einer Bühne zu präsentieren. Nummern wie der Typewriter oder der Dirigent sollten zeitlebens Paraderollen bleiben.

Es war ein stummer Spaß, mit dem er bald durch Kaschemmen tingelte. Ihm rasten ständig lustige Bemerkungen durch den Kopf, doch fürchtete er, den Mund aufzumachen. Er schämte sich für seine nasale Kinderstimme. "Ich war nur halbwegs lustig", wusste er und suchte nach der anderen Hälfte.

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