Winnetou und Old Shatterhand zählen zu den bekanntesten Figuren der Romane Karl Mays. Foto: dpa
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Zum 175. Geburtstag von Karl May Der Friedensprediger

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Karl May ist bis heute der erfolgreichste deutschsprachige Autor. Und seine Abenteuergeschichten sind in einer Welt kultureller Konfrontationen wieder aktuell. Ein Geburtstagsständchen

Er war ein guter junger Lehrer, als er aus dem Schuldienst flog. Man hatte ihm einen Diebstahl angehängt. Später würde er sich an der Gesellschaft rächen, allerdings mit harmlosen Betrügereien, bei denen er sich als Amtsperson ausgibt. Die Waffe, die er einmal bei einer Verhaftung bei sich hat, ist nicht geladen. Und die Geschichten, die er der Polizei auftischt – er sei der Sohn eines reichen Mannes aus Übersee – sind erfunden. Er wird eingesperrt. Vier Jahre Zuchthaus im sächsischen Waldheim.

Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi: ein und dieselbe Figur

Das Strafmaß war überzogen. Aber auf seine Weise hat Karl May hinter Gittern sein Glück gemacht. Er liest wie ein Besessener und entwickelt erste Pläne für ein großes schriftstellerisches Werk. Geboren in Hohenstein-Ernstthal am Erzgebirge, kam er aus armen Verhältnissen, der Knast war seine Universität. Später würde er einen Doktortitel tragen, den er nie erworben, und über Länder schreiben, die er nie gesehen hat. Bis heute ist Karl May nicht nur der erfolgreichste deutschsprachige Schriftsteller, sondern auch der beliebteste Serientäter. Winnetou, Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi kämpfen fortgesetzt für das Gute. Wobei es sich bei Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi um ein und dieselbe Figur handelt, in unterschiedlicher Verkleidung.

Und da wir gerade Karneval und Fasching feiern: Der Held des Westens und der Meister der Wüste sind Masken ihres Schöpfers Karl May, der mehr und mehr in seiner Traumwelt aufging. Am Ende war er Old Shatterhand, trat vor seinen Fans im Kostüm auf, gab vor, etliche indianische Sprachen zu sprechen und ein halbes Dutzend arabischer Dialekte. Seine kleine kriminelle Energie wuchs sich zu einer künstlerischen Dauerexplosion aus. Er produzierte mit hoher Geschwindigkeit ungeheure Textmassen.

Karl May wurde am 25. Februar 1842 im sächsischen Ernstthal geboren. Foto: dpa
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Karl May, der erste Popstar der Literatur. Es gibt Fan-Clubs schon zu seinen Lebzeiten (1842-1912), die Zeitschriften bringen Home Storys aus seiner Residenz in Radebeul, zu seinen Auftritten auf Lesereisen kommen hunderte, tausende begeisterter Leser. Die Weltauflage seiner Bücher wird auf 200 Millionen Exemplare geschätzt. Da sind nur Joanne K. Rowling und ihr „Harry Potter“ besser.

Karl May ist ein Wiedergänger. An diesem Samstag feiern die treuen Leser seinen 175. Geburtstag, und zu Weihnachten 2016 gab es bei RTL die Winnetou-Filme von Philipp Stölzl. Sie waren voller Ehrfurcht vor den Horst-Wendlandt-Kinoproduktionen der Sechzigerjahre, die unser Winnetou-Bild geformt haben. Pierre Brice ist 2015 gestorben, doch sein Geist ritt auch bei Stölzl mit. Schließlich wurde die Neuverfilmung wieder an den alten Schauplätzen in Kroatien gedreht.

Ach, Winnetou. Als Kind im Kino gewesen und bitter geweint. So ging es vielen Menschen. Winnetou wurde zu einer lebenslangen „Love Story“. Karl May hat den Apachenhäuptling als androgyne Christusfigur der Neuen Welt gezeichnet. Dorthin war ein Deutscher ausgewandert, der erst bei der Eisenbahn als Landvermesser arbeitet und dann die Seiten wechselt: Old Shatterhand. Als junger Mensch hatte Karl May selbst einmal daran gedacht, nach Amerika zu gehen.

Die Schauplätze des Orientzyklus' sind heute Kriegsgebiet

Das Thema Migration spielt in seinen Büchern eine große Rolle. Er hat eine Konstante der Menschheitsgeschichte beschrieben: den Gang in die Fremde. Die Suche nach einer neuen Heimat, neuen Freunden. Die Hoffnung, gastfreundlich aufgenommen zu werden. Die friedliche Begegnung der Kulturen und Religionen war sein höchstes Anliegen. Und da wird er plötzlich wieder aktuell. Mossul im heutigen Irak zum Beispiel: Die Schauplätze des Orientzyklus sind hundert Jahre nach Karl Mays Tod Kriegsgebiet.

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg stellt er sich als glühender Pazifist gegen den Strom. Sein wenig bekannter Roman „Und Friede auf Erden“ (1901) attackiert brutale Missionare und Kolonialherren in Südostasien. Karl May gehört zu den wenigen Schriftstellern im Kaiserreich, die sich nicht von der zunehmenden Militarisierung mitreißen ließen.

Der Band „Von Bagdad nach Stambul“ beginnt mit einem Abriss arabischer Geschichte. Er reflektiert über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Glaubensrichtungen. Karl May predigt Versöhnung und Gewaltlosigkeit. Solche Passagen klingen jetzt wieder fast utopisch. Karl May ist ein Autor fantastischer Geschichten. Die Beschäftigung mit seinem Spätwerk fördert Erstaunliches hervor. Inzwischen ist Karl May ein seriöses Thema für Literaturwissenschaftler.

In „Winnetou IV“ kommen Indianerstämme zu einem Gipfeltreffen zusammen – am Mount Winnetou. Der Berg findet sich auf keiner Karte. Winnetou erscheint als Friedensgeist in einer riesigen Lichtshow. Noch weiter geht es in dem Doppelroman „Ardistan“ und „Dschinnistan“. Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar reisen zu einem Planeten, der „mit unserer Erde viel gemeinsam“ hat. Dort entwickelt sich großes Kino, Riesen reiten auf gepanzerten Elchbüffeln. Kein Frieden, nirgends. Auch die Außerirdischen ziehen in den Krieg. Es kommt zum Endkampf zwischen Gut und Böse.

Von Rüdiger Schaper erschien 2011 im Siedler Verlag die Biografie „Karl May: Untertan, Hochstapler, Übermensch“.

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