Verein Deutscher Ingenieure auf der Expo 2000 in Hannover

Gideon Heimann
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Die Technik, bisher gleichsam ein still schweigendes, ausführendes Organ der Wirtschaft, macht gesellschaftliche Forderungen geltend. Es geht um die Themenbereiche Umwelt, Klima und Gesundheit. Dies ist einer von fünf Schwerpunkten des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), der zum Weltingenieurtag (vom 19. bis 21. Juni als technischer Auftakt der Expo 2000) in Hannover lädt. Die Politik jedenfalls, so hieß es auf einem Pressegespräch am Dienstag, sei nicht in der Lage, angemessen auf die Probleme zu reagieren, deshalb nun der Vorstoß der Ingenieur-Vertretung.

Die Umweltprobleme stellen sich zur Jahrtausendwende anders dar als noch vor 20, 30 Jahren. In den entwickelten Industrieländern sind die sichtbaren Sorgen weitgehend beseitigt, Schornsteine qualmen nicht mehr, dem Wasser geht es - mit Einschränkungen - auch wieder gut. Bis auf Ausnahmen lassen sich also keine örtlichen Verschmutzer finden und anklagen. Damit jedoch sind die Probleme - in veränderter Form - nur verlagert, und zwar auf die globale, nicht mehr so gut fassbare Ebene. Nun geht es um Schadstoffe, die allenthalben freigesetzt werden (Kohlendioxid, Methan), Substanzen, die klimawirksam sind.

Derweil ist das Bevölkerungswachstum in den armen Ländern der Welt zwar etwas gebremst, aber dennoch steigend. Nahrungsmittel, Konsumgüter und Energie müssen für immer mehr Menschen bereitgestellt werden, und dies geschieht fast ausschließlich mit veralteten Techniken, die die Umwelt viel stärker als nötig belasten.

Was liegt da näher, als in den Industrieländern darauf zu verzichten, sich noch um das letzte Quäntchen Schadstoffe zu kümmern (zumal dies bei kleiner werdenden Mengen immer teurer wird), und das so gesparte Geld dort einzusetzen, wo man mit vergleichsweise wenig Aufwand erheblich mehr erreichen kann? Dies jedenfalls macht zum Beispiel Detlev Möller geltend, der an der TU Cottbus Luftchemie und Luftreinhaltung lehrt.

Nun ist die Idee nicht gerade neu, selbst die darauf fußende Debatte um Umweltzertifikate - also die Möglichkeit, nicht in Anspruch genommene "Verschmutzungskontingente" auf dem Weltmarkt anzubieten - ist ja nicht vorangekommen. Das mag aber vor allem daran gelegen haben, dass die armen Länder (wohl nicht ganz zu Unrecht) einen Öko-Kolonialismus befürchteten. Dieses Problem jedoch lasse sich nach Ansicht des früheren Umweltbundesamts-Chefs, Heinrich von Lersner, durchaus lösen. Die von Klaus Töpfer geleitete UN-Umweltorganisation Unep müsste mit Kontrollfunktionen ausgestattet werden. In diesem Gremium bestehe für die armen Länder keine Gefahr, übervorteilt zu werden.

Dennoch, etwas richtig Neues war am Dienstag nicht zu hören, auch nicht in Bezug auf das Thema Energieversorgung. Sie ist der Inhalt eines eigenen Fachkongresses auf dem Weltingenieurtag; was jetzt dazu aber unter Umweltaspekten vertreten wurde, klang stark nach einer Beschwörung der Kernenergie als Retter aus dem CO2

Debakel. Erst am Rande der Veranstaltung war zu erfahren, dass eine solche Ansicht nicht von allen VDI-Mitgliedern getragen wird, und dass es inzwischen auch eine sich formierende Vertretung für die regenerativen Energieformen geben soll.

Beim Pressegespräch freilich wurde den regenerativen Energien allenfalls eine Chance von zehn Prozent der globalen Bedarfsdeckung gegeben. Aussichtsreiche Entwicklungen (Stichworte: Geothermie, Hochtemperatur-Sonnen- sowie Wellenkraftwerke) fehlten in der Betrachtung völlig.

Immerhin ist in dieser Organisation offenbar eine erste Diskussion in Gang gekommen. Und bis zum Juni ist ja noch Zeit für fruchtbaren Streit.

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