Zugpferde der Markthändler: Hundekarren mit Kartoffeln und Früchten, um 1911. imago/Arkivip

Geschichte der Hundehaltung in Berlin Vom Königshof zum Hinterhof

Christoph Stollowsky
2 Kommentare

Leinenzwang, Maulkorbverordnung - alles schon mal da gewesen. Der Hund war bereits im 18. und 19. Jahrhundert das umstrittenste Wesen Berlins, aber viele Berliner hatten auch schon damals ein Herz für jede Schnauze. . Stadtgeschichte(n) mit Schmusekugeln, Streunern, Karrenkötern, Clownshunden und vierbeinigen Grenzgängern. Ein Streifzug durch mehr als 250 Jahre Hundeleben in Berlin.

"Lebe glücklich, lebe froh, wie der Mops im Paletot"

Berliner Kinderreim, um 1870 (paletot, aus frz. = Pelzjacke)

Meyers Konversationslexikon verkündete 1895 rundheraus, er führe ein Schmarotzerleben. Tierforscher Alfred Edmund Brehm bezeichnete ihn 1864 als »abscheuliches Geschöpf«.Und immer wieder wurde er als eine gelungene Mischung zwischen Ochsenfrosch und Löwe beschrieben, irgendwo mit einem Marzipanschwein in der Ahnenreihe. Besonders Aristokratinnen wie die Großmutter Friedrichs des Großen, Sophie Charlotte, beschäftigten sich schon früh mit dem kleinsten Verwandten der Dogge, nachdem er um 1680 aus China nach Europa gekommen war. Aber sie sah ihn noch als recht »garstig« an, was ihre Tochter Sophie Dorothea, die Mutter des Alten Fritz, nicht davon abhielt, sich später in Schloß Monbijou in der Mitte Berlins an den mopsfidelen Tierchen und ihrem Posthornringelschwanz zu erfreuen. Das war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der Mops - ein Modehund im alten Berlin.

Der wilde Jäger brauste mit seiner Meute über die Jungfernheide

Doch bis die Damenwelt auf den Mops gekommen war und ihm Süßigkeiten zuschob, hatten Hund und Mensch schon einen langen gemeinsamen Weg zurückgelegt. Immerhin begleiten uns die wedelnden Vierbeiner schon seit rund 20.000 Jahren, die Katze kam erst vor 7000 Jahren hinzu. Bei den Germanen war der Hund zwar kein heiliges Tier, aber er genoss hohes Ansehen, weil er die Geister und Götter erkannte und lauthals verbellte.

In Märchen und Sagen bewachen Hunde Schätze mit ihren feurigen Augen, doch an der Spree wurde offenbar nichts dergleichen von ihnen verlangt. Im Berliner Sagenschatz zeigt der Hund auf andere Weise, was er in seiner langen Haustierkarriere gelernt hat: Er lärmt als Helfer des Wilden Jägers über die Jungfernheide in Tegel. »Es ist ein Bellen und Brausen in der Luft, ein Giff-Gaff und Gejuche, das einem die Haare zu Berge stehen«, schilderten Hirten den Geisterzug um Mitternacht.

Die Sauhatz war im Wald rund um Berlin Jahrhunderte lang des Hundes edelste Aufgabe. Aber er hopste auch zu allen Zeiten und fast überall auf den Schoß der Damen, schon in ägyptischen Pharaonen-Palästen 1500 Jahre vor Christus und nicht minder eifrig im späten Mittelalter, als der Doktor der Arznei, Jacobus Horscht 1579 den Hund als »liebstes Tierlein des Menschen« pries.

Im Barock waren die Seidenhündchen en vogue

Dieses Tier wurde bereits damals vielfältig gezüchtet und so weit wie möglich »als Luxusspielzeug für Frauen« geschrumpft, wie ein englischer Hundeexperte um die gleiche Zeit feststellt.
"Es ist noch eine kleine Rasse Hunde unter uns«, schreibt er, »je kleiner sie sind, desto vollkommener sind sie für den Zweck, auf dem Busen, im Schlafzimmer oder auf Händen getragen zu werden.«

Im Zeitalter des Barock (bis ca. 1730) waren dies in Berlin die Seidenhündchen; der Mops mit seinen rundlichen Formen entsprach später dem beschwingten Lebensgefühl des Rokoko.

Vor der Epoche des Mopses genossen die zutraulichen Seidenhündchen, vor allem italienische Bologneser und englische Spaniels, die Gunst europäischer Fürstentöchter. Doch auch Feldmarschälle und Grandseigneurs in Pluderhosen ließen sich mit den weißen und schwarzen Zwerghunden in Öl abbilden. Friedrich der Große hängt ebenfalls in dieser Galerie: Der Berliner Hofmaler Antoine Pesne porträtierte ihn als Kind, zu seinen Füßen die Trommel, auf dem Tisch ein Spaniel wie eine Plüschpuppe. Seine 1758 gestorbene Schwester Wilhelmine Friederike Sophie ließ er später im Freundschaftstempel zu Sanssouci mit einem Bologneser im Arm in Stein hauen, obwohl der Mops schon im Trend war.

Immer dabei am Fürstenhof: Ausschnitt eines Gemäldes aus den Kindertagen Friedrich II. Repro: Tspp

Friedrich führte die Schlesischen Kriege, baute Kanäle und machte das Oderbruch urbar, während seine Mutter in Schloß Monbijou den Mops liebkoste. Dessen Aussehen passte vermutlich recht gut zum Stil der bequem gewordenen Matrone. Sein eigenwilliger Charakter stürzte sie allerdings oft in helle Aufregung. Denn im Grunde ist der Mops ja gar nicht so, wie ihn Wilhelm Busch und andere Zeichner immer wieder dargestellt haben: ein mit Zuckerzeug gemästetes, träges Dickerchen. Das haben die Damen in ihren Boudoirs aus ihm gemacht. Seine Kugelaugen sind eine Tarnung.

Tatsächlich mopst er sich, was er will und läuft auch gerne auf Freierspfoten in die Stadt hinaus: Am 23. Januar 1736 ist Sophie Dorothea ein solcher Liebling abhanden gekommen, und im Sommer des folgenden Jahres wiederholte sich das Malheur. Glücklicherweise war es damals üblich, den Hundchen kleine Schellen an den Hals zu binden, weshalb bald mitgeteilt wurde, daß »der vom Kgl. Schloß verloren gewesene Mobs-Hund sich angefunden hat«. Gewiß rubbelte die glückliche Königin danach das Fell ihrer kleinen Leidenschaft mit einem Seidentuch und verlieh ihm wiederden mopstypischen Glanz.

Der "Kleine Schuft" aus der Mauerstraße ging 1805 auf Trebe

Walter Stengel, von 1922 bis 1955 Direktor des Märkischen Museums in Berlin, hat solche Verlustmeldungen des 18.und frühen 19. Jahrhunderts gesammelt und herausgefunden, daß die aschegrauen Wesen mit den schwarzen Köpfen auch im Großbürgertum neben anderen Schmuserassen bis 1860 en vogue waren. 1805 folgt einer ausgerissenen läufigen Möpsin Minette aus der Schützenstraße ein Rassegenosse aus der Mauerstraße, der nicht zu Unrecht Fripon, zu deutsch: kleiner Schuft, genannt wird. Doch beide kehren zurück, ebenso wie ein auf Abwege geratener Mungo aus dem Hause Unter den Linden 56, der allerdings wenig später erneut "auf Trebe« geht (herumstreunt). Und am 8. Oktober 1812 bittet ein Knabe in rührenden Worten, ihm seinen Oglu, einen blaß gelben Mops, zurückzubringen.

Zur Startseite