Der Schulbesuch ist in Tansania eine wichtige Lebenschance. Wer schwanger wird, hat sie verspielt. Foto: imago/robertharding
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Tansania Schwanger oder Schule

Paul Starzmann
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Tansanias Präsident verbietet werdenden Müttern die Teilnahme am Unterricht. Eine Maßnahme, die Menschenrechtler entsetzt.

Der Schulweg ist für viele Kinder im ostafrikanischen Tansania eine Strapaze. Die Jungen und Mädchen aus den Dörfern des Landes müssen lange vor Sonnenaufgang das Haus verlassen. Stundenlang marschieren sie auf steinigen Pfaden, stapfen über endlose Wiesen, durchqueren Hirsefelder und Bananenplantagen. In Schuluniformen trotten sie staubige Pisten entlang und weichen in den Straßengraben aus, wenn ein Lastwagen oder Reisebus vorbeidonnert.

Trotz dieser täglichen Anstrengung ist der Schulbesuch in Tansania ein Privileg. Bildung ist für viele in dem armen Land die einzige Hoffnung auf einen sozialen Aufstieg.

Der wird immer mehr Mädchen allerdings verwehrt – weil es die Regierung so will: „Solange ich Präsident bin, wird keine schwangere Schülerin in die Schule zurückkehren dürfen,“ sagte Staatschef John Magufuli im Juni 2017. „Wenn du schwanger wirst, dann war’s das für dich.“

Offiziellen Angaben zufolge ist in Tansania jede vierte Minderjährige bereits Mutter. Mit dem Schulverbot will der Präsident die hohe Schwangerenrate bei Teenagern senken. Der Gedanke: Die schwangeren Mädchen könnten einen schlechten Einfluss auf Mitschülerinnen ausüben. Deshalb sollen sie ihre Ausbildung abbrechen, meint Magufuli, der vor seiner politischen Karriere als Mathe- und Chemielehrer gearbeitet hat.

Im Distrikt Tandahimba, im Süden des Landes, geht nun sogar die Polizei gegen Schwangere vor. Anfang Januar wies Bezirkschef Sebastian Waryuba seine Beamten an, fünf schwangere Minderjährige und deren Eltern festzunehmen. Offenbar zur Abschreckung: Allen anderen Mädchen im Bezirk sollte die Verhaftung „eine Lehre sein“, sagte er. Die Väter der ungeborenen Babys wurden zur Fahndung ausgeschrieben, die jungen Frauen und ihre Eltern gegen Kaution entlassen.

In die Schule zurückkehren dürfen die Mädchen nicht – eine schlechte Nachricht für die werdenden Mütter: Ohne Englisch oder richtig Lesen und Schreiben gelernt zu haben, gibt es für junge Menschen in Tansania keine Aufstiegschancen. Sie bleiben in der Armut gefangen, müssen schon als Kinder auf den Feldern der Eltern oder gegen einen Hungerlohn als Haushaltshilfen schuften. Viele landen auf der Straße.

In Tansania können sich viele keine Verhütungsmittel leisten

Menschenrechtler sind deshalb entsetzt über die Praxis, schwangere Mädchen aus dem Unterricht zu verbannen. Ungefähr 8000 junge Frauen würden pro Jahr aus der Schule gedrängt, sagt Elin Martínez von der Organisation Human Rights Watch. Sie hat die Situation der Teenager-Mütter untersucht und Interviews mit Betroffenen geführt. „Sie bringen alle Mädchen ins Krankenhaus und machen bei jeder einzelnen einen Schwangerschaftstest“, berichtet die 20-jährige Mercy aus ihrer Schulzeit. „Wenn ein Mädchen schwanger ist und sie das herausfinden, wird sie von der Schule geworfen.“

In Tansania können sich viele keine Verhütungsmittel leisten, häufig fehlt es an Aufklärung. Auch werden zahlreiche Mädchen Opfer sexueller Ausbeutung. Schwangerschaft ist laut Human Rights Watch nicht selten die Folge einer Vergewaltigung. Dessen ungeachtet besteht Präsident John Magufuli darauf, dass die Betroffenen ihre Schullaufbahn abbrechen – denn die kostenlose Bildung im Land sei nur für jene, „die wirklich lernen wollen“, lautet der konstruierte Widerspruch.

Laut einer Umfrage sind 70 Prozent der Bevölkerung Tansanias gegen das Schulverbot. Die Regierung behauptet jedoch, die Praxis entspräche den „traditionellen Gesetzen“. Human Rights Watch verweist hingegen auf eine Reihe internationaler Abkommen, in denen sich Tansania verpflichtet habe, die Diskriminierung im Bildungswesen abzuschaffen. Nicht einmal mit den Gesetzen des Landes selbst sei das Schulverbot vereinbar. Die tansanische Regierung bleibt jedoch bei ihrer harten Linie. Und damit ist sie nicht die einzige: Im westafrikanischen Sierra Leone werden schwangere Schülerinnen ebenfalls systematisch vom Unterricht ausgeschlossen, obwohl lokale Gesetze das verbieten.

In Tansania mobilisiert die umstrittene Praxis inzwischen die Gegner des Präsidenten. Viele sprechen sich in den sozialen Medien gegen das Schulverbot für Schwangere aus. Ihr Forderung fassen sie mit dem Hashtag #arudishule zusammen – Swahili für: „Sie soll in die Schule zurückkehren.“

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