Sehr schmuck. Beim alljährlichen Treffen der Volksstämme am Mt. Hagen machen sich – dem Anlass angemessen – auch die Herren der Schöpfung besonders fein. Foto: Monika Hippep

Papua-NeuguineaSchön für alle guten Geister

von Monika Hippe0 Kommentare

In Papua-Neuguinea treffen sich alljährlich Dutzende Volksstämme, um ihre uralten Rituale lebendig zu halten.

Am Sepik steht die Zeit still

Erschröcklich. Die „Schlammmänner“ jagten einst den Feind in die Flucht. Foto: Monika Hippep

Im Hochland flöten Paradiesvögel wie Opernsänger. Ihre Federn sind lang wie Abendkleider. Je prächtiger, desto lauter der Gesang. Von der Kumul Lodge aus kann man sie gut beobachten. Dort schleicht Inhaber Paul Arut auf Zehenspitzen durch die Lobby, tippt den Gästen an die Schulter und flüstert ihnen den Namen des Paradiesvogels ins Ohr, den er gerade draußen gesehen hat. Leise folgen sie ihm auf die Terrasse, wo er die gefiederten Schönheiten mit Obst anlockt: ein Rotkopfpapagei, ein Schmalschwanzparadieshopf.

Gerade landet ein Aschbrusthonigfresser auf einer Mango. „Er kann seine Augenfarbe ändern“, erklärt Paul. Mit genügend Ausdauer sieht man auch einen Raggiparadiesvogel – das Wahrzeichen des Landes und Symbol auf dem Staatswappen.

Am Sepik kreisen Silberreiher am Himmel. Der Fluss windet sich knapp 1200 Kilometer durch den dampfenden Regenwald. Hier mutet das Leben wie vor 100 Jahren an. Für eine oder mehrere Nächte können sich Besucher in einem Dorf am Ufer einquartieren. Die Schlafstatt befindet sich in einer auf Pfählen gebauten Holzhütte. Die nächste Straße ist kilometerweit entfernt. Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser. Dafür wachsen ringsum Kokospalmen, Papaya und Mangobäume. Im Klohäuschen ersetzen Palmblätter das Toilettenpapier.

Bäume fällen gehört zum Schulunterricht dazu

In aller Frühe weckt der Hahn das gesamte Dorf. In der frühen Morgensonne ziehen die Frauen auf den Fluss und werfen ihre Netze aus. Dank des Fischreichtums hüpft manchmal ein Exemplar aus Versehen von selbst ins Boot. Für die Bewohner der Uferdörfer ist der Sepik die unverzichtbare Lebensader. Er dient als Supermarkt, als Badewanne und Waschmaschine. Und natürlich als Transportweg.

In der Regenzeit steht das Wasser so hoch, dass die Schüler im Einbaum direkt bis vors Klassenzimmer paddeln können. An diesem Tag hat jeder eine Machete dabei. Auf dem Stundenplan steht – neben Englisch – das Fach „Selbstversorgung“, also Bäume fällen, Kartoffeln pflanzen, manchmal auch Schlangen sezieren.

Doch erst einmal hallt ein Rüffel durch den Schalltrichter, denn die Jugendlichen sind mal wieder eine ganze Stunde zu spät. „Zeit ist Geld, bläuen wir ihnen immer wieder ein. Aber das Erbe deutscher Missionare von Pünktlichkeit und Ordnung schwindet leider“, sagt der kahlköpfige Lehrer Matthew Kame, während er gemächlich mit den Händen auf dem Rücken zu den Kartoffelpflanzen schreitet, um das Ergebnis seiner Schüler zu begutachten.

Schnelligkeit zeigt seine Klasse dagegen beim Kanurennen, das jedes Jahr am Unabhängigkeitstag stattfindet. Erst 1973 gewann Papua-Neuguinea von Australien seine politische Eigenständigkeit, wird jedoch weiterhin zum australischen Kontinent gerechnet, während der westliche Teil der Insel Neuguinea zu Indonesien gehört.

Krokodilhaut auf dem Rücken

Am Nachmittag sitzen die Männer des Dorfes gemeinsam im Geisterhaus auf einer aus Bast geflochtenen Empore. Sie kauen Betelnüsse, lassen die Beine baumeln und die Haut vom Wind kühlen. Die Feuerstelle riecht nach kalter Asche. „Bei unseren Zeremonien nimmt hier der Flussgeist Platz“, erklärt Richard Naman – ein Mann mit Zottelbart und freundlichem Lächeln. Er zeigt auf einen wohl 100 Jahre alten Holzthron, mit Schnitzereien reich verziert.

Normalerweise haben Frauen keinen Zutritt in die Geisterhäuser, doch bei Touristinnen wird schon mal eine Ausnahme gemacht. Schließlich kaufen sie hin und wieder eine der bemalten Masken oder Trommeln, die Richard und seine Verwandten schnitzen und hier ausstellen. Ob Masken, Feder- oder Muschelschmuck, kunstvoll bemalte Töpfe – die meisten Artefakte dienen religiösen Zeremonien.

Eine besondere Feier ist die sogenannte Initiation. Dabei verpasst der „Messermann“ den pubertierenden Jungen eine „Krokodilhaut“. Er ritzt ihnen hunderte Schnitte in den Rücken und reibt sie danach mit Kokosöl und Holzkohle ein, damit sich schöne Narben bilden. „Mein Vater war schon sehr alt. Aber er wollte es noch miterleben und hat mich schon mit zehn Jahren zur Initiation geschickt“, sagt Richard.

„Es tat höllisch weh. Aber danach war ich sehr, sehr stolz!“ Krokodile werden als spirituelle Schöpfungswesen verehrt. Sie symbolisieren Kraft und Männlichkeit. Jeder Junge in Palimbei wird durch diesen Körperschmuck zum Mann. Die Krokodilhaut dient als Zeichen für das, was in Papua-Neuguinea über allem steht: die Zugehörigkeit zu einem Volksstamm.