Haus Meeresblick. Die Wohnanlage direkt am Strand wurde 1997 erbaut. Viele Gebäude, vor allem in der Ostseeallee, zeigen sich in ursprünglicher, nach der Wende restaurierter Bäderarchitektur. Foto: Ekkehart Eichlerp

Kühlungsborn Bühne frei für die Ostsee

Ekkehart Eichler
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Kühlungsborn hat die längste Strandpromenade Deutschlands. Wer jetzt hinfährt, hat Platz und kann sich gut durchpusten lassen.

Der Strand ist verschwunden. Wo sonst ein 20 Meter breiter Sandstreifen die Ostsee von der Düne trennt, wüten heute gefräßige Wogen. Ein steifer Nordnordwest peitscht sie unablässig ans Ufer, wo sie am Land nagen. Gischt schwappt bis auf die Promenade von Kühlungsborn und bespritzt die wenigen Mutigen, die sich hinausgetraut haben. Selbst die sturmerprobten Möwen suchen heute Schutz auf den Holzfiguren vor der Kunsthalle und spektakeln lautstark über das Wetter. Mit anderen Worten: Es ist ein toller Tag an der See. Wo sonst kann man so unmittelbar entfesselte Natur erleben? Wo das dramatische Wechselspiel von Wolken und Wasser so intensiv genießen? Sich durchpusten lassen. Durchlüften bis in die Seele. Durchfrieren bis auf die Knochen. Umso wohliger fließt anschließend unterm Reetdach wahlweise Grog oder heiße Nougatmilch mit Rum durch den fröstelnden Körper.

All das kann man im Winter bis Ende März an der Ostsee haben – und eben auch in Mecklenburgs größtem Seebad Kühlungsborn. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ganzjährig geöffnet. Ob einfache Ferienwohnung oder anspruchsvoller Wellnesstempel, ob simples Heringsbrötchen oder Gourmet-Fischpfanne, ob schlichte Keramik oder ausgefallener Bernsteinschmuck – selbst in der schwächsten Nebensaison halten viele Hotels, Restaurants, Cafés und Boutiquen Türen und Tore geöffnet.

Die Stadt Kühlungsborn entstand erst 1938 durch Zusammenschluss der Orte Brunshaupten (heute Kühlungsborn-Ost) und Arendsee (Kühlungsborn-West), so dass es hier vieles doppelt gibt: zwei Zentren mit zwei Geschäftsstraßen fürs Bummeln, Essen und Einkaufen; zwei Konzertgärten für Kultur, Kino und Musik; zwei Bahnhöfe für die nostalgische Schmalspurbahn „Molli“, die seit mehr als 120 Jahren zischend und fauchend nach Heiligendamm und in die Kreisstadt Bad Doberan schnauft.

Dazu existieren, passend für jedes Wetter, drei unterschiedliche Verbindungen zwischen den Ortsteilen. Erstens der sechs Kilometer lange Sandstrand. Wer an der Seebrücke in Ost zum Spaziergang startet, bekommt eine einstündige Sauerstoff-Therapie in jodhaltiger Salzluft gratis und hat dabei stets zwei schöne Landmarken im Blick: den markanten Turm vom 1997 erbauten „Haus Meeresblick“ und das „Schloss am Meer“. Kein anderes Hotel steht hier so exponiert am Wasser und ist zudem ein Unikat der Bäderarchitektur: weißer Putz und dunkles Fachwerk, Pfeiler und Gesimsbänder aus unverputztem Backstein sowie über Eck gestellte Loggien und Balkone.

Weg Nummer zwei führt über Deutschlands wohl längste Strandpromenade. In leichtem Bogen folgt sie der Uferlinie unmittelbar hinter dem dichten Dünengrasbewuchs und erlaubt dabei unverstellte Blicke auf Meer und Strand, bevor sie nach exakt 3150 Metern in Kühlungsborn-West in den Baltic-Platz mündet.

Die Ostseeallee schließlich ist die städtische Flaniermeile. Getrennt und geschützt von Promenade und Strand durch einen schmalen Streifen Wald, reihen sich an ihr alte Villen entlang. Etliche wurden fein restauriert, so dass Jugendstil- und Bäderarchitekturfassaden wie anno 1920 erstrahlen.

Egal also, wo und bei welchem Wetter man sich aufhält in Kühlungsborn, man hat immer und sofort eine Möglichkeit zur Einkehr und zum geordneten Rückzug bei miserablem Wetter. Doch all das allein reicht nicht, um die immerhin 18 000 Gästebetten zu füllen. „Wenn an der Ostsee immer Sommer wäre, müsste ich keinen Cent in die Hand nehmen“, beschreibt Uwe Sieblist, Geschäftsführer der Touristik Service GmbH, das Problem, das so alt ist wie der Fremdenverkehr an der Küste. Wenn folglich kein Sommer ist, müssen attraktive Köder ausgelegt werden. Wellnessangebote etwa sind diesbezüglich ein Dauerbrenner, ausgesuchte Klassik-Konzerte, Jazz-Abende, Lesungen und Vorträge tun ein Übriges.

Trotz solcher Leuchttürme sieht Sieblist aber noch Potenzial: „Wir müssen Familien mit Kindern auch außerhalb der Saison definitiv mehr bieten“, wünscht er sich und tüftelt bereits an Piratenfesten und einer qualifizierten Kinderbetreuung nach dem Vorbild der großen Ferienclubs. Für Gäste mit gehobenem Anspruch bräuchte es mehr hochwertige Kulturangebote und auch die zu DDR-Zeiten gebaute und seinerzeit höchst populäre Meerwasserschwimmhalle wäre ein unschätzbarer Magnet. Doch die liegt seit vielen Jahren verwaist, eine Reanimation scheitert bislang an der Finanzierung.

Dennoch: All das ist und bleibt nur Begleitmusik im großen Schauspiel, das die Ostsee täglich aufführt und deren einzige Konstante der stete Wechsel ist. Der Sturm ist inzwischen abgeflaut, am Strand weht nur noch ein laues Lüftchen. Sanft wie in einer Lagune plätschern die Wellen ans Ufer. Die sinkende Sonne zaubert goldene Flecken in das Wasser der Priele und Senken. Eine einsame Lachmöwe zeigt eingemummelten Touristen, wie elegant sie durch die Luft segeln kann.

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