Kein Mensch lebt hier, und doch liegen Tonnen von Plastikmüll am Strand. Foto: Jennifer Lavers/dpap

Müllsammelprojekt Kampf gegen Plastik-Pest soll noch 2017 im Pazifik starten

Barbara Barkhausen
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Forscher finden 38 Millionen Plastikteile auf einer unbewohnten Insel im Südpazifik. Ein junger Niederländer will noch in diesem Jahr beginnen, den Unrat zu beseitigen.

Nicht viele Inseln sind einsamer gelegen als die Pitcairninseln. Rund 5000 Kilometer sind es bis nach Neuseeland und 5700 Kilometer bis nach Südamerika. Nur eine der Inseln des britischen Überseegebietes ist besiedelt: Pitcairn selbst. Dort leben die Nachfahren der „Bounty“-Meuterer. Andere wie Henderson Island sind so abgelegen, dass sie nur alle fünf bis zehn Jahre von Forschern besucht werden.

Wer sich Henderson Island wie ein unberührtes Südseeparadies mit weißem Sandstrand, Palmen und tiefblauem Wasser vorstellt, geht fehl. Diese Szenerie gibt es auch – Henderson gehört zum Unesco-Weltnaturerbe. Bei ihrem aktuellen Besuch stieß eine Gruppe von Forscher jedoch auf den traurigen Beweis dafür, wie sehr unsere Ozeane bereits verschmutzt sind. Im Umkreis von Tausenden Kilometern gibt es keinerlei Industrie, die wichtigen Schifffahrtsrouten führen weit an Henderson vorbei. Und doch sind einige der Strände eine einzige Müllkippe, auf der 38 Millionen Plastikteile liegen. Ein solcher Grad der Verschmutzung wurde nirgendwo anders auf den Weltmeeren festgestellt. Der Grund für diese Müllkonzentration ist der „Südpazifische Wirbel“, eine der großen Meeresströmungen dieses Ozeans.

Jennifer Lavers, Naturschutzbiologin am Institut für Meeres- und Antarktisforschung an der Universität von Tasmanien, zählte 671 Müllteile pro Quadratmeter. 68 Prozent der Teile lagen in den ersten zehn Zentimetern unter der Sandoberfläche. Alles, was tiefer lag, ging nicht in die Zählung ein. „Was auf Henderson Island passiert ist, zeigt, dass selbst die einsamsten Orte unserer Meere nicht mehr der Verschmutzung durch Plastik entkommen können“, sagt sie. Die Insel sei ein schockierendes, aber typisches Beispiel dafür, wie Plastikmüll die Umwelt in globalem Maße beeinträchtige.

Der größte Teil des Mülls stammt aus Südamerika

Die Forscherin hat den Fund gemeinsam mit ihren Kollegen im US-Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ dokumentiert. Der größte Teil des Mülls stammt aus Südamerika oder wurde von Fischerbooten über Bord gekippt, heißt es in dem Bericht der Wissenschaftler. Auch Teile aus Asien konnten nachgewiesen werden.

Größere Plastikteile treiben oft in riesigen Strudeln in den Ozeanen. Im Nordpazifik gibt es mittlerweile einen Strudel, der so groß ist wie Zentraleuropa. Noch problematischer aber sind die kleineren Teilchen. Weil sie sich mit Plankton vermischen, werden sie von Seevögeln, Schildkröten, Quallen und Fischen gefressen. Nicht selten verenden die Tiere danach qualvoll. Sogar in Muscheln konnte man schon Plastikteilchen nachweisen. Die Miniaturteile sind so klein, dass sie von den Forschern auf Henderson Island erst gar nicht erfasst werden konnten. Aber es gibt sie mit Sicherheit auch an dieser – zusätzlich zu dem anderen Müll. „Die Forschung hat gezeigt, dass über die Hälfte aller Seevögel in die Gefahr gerät, Plastik zu fressen. Betroffen sind rund 200 Arten, darunter auch zwei, die auf Henderson Island gefunden wurden”, heißt es in dem Bericht der Biologin Lavers.

An manchen Stellen gibt es schon heute sechsmal mehr Plastik als Plankton im Meerwasser. Jedes Jahr werden weltweit über 300 Millionen Tonnen Plastik nicht recycelt. Unklar ist, wie viel von diesem Müll ins Meer gelangt. Geht die Entwicklung so weiter, könnten bis 2050 mehr Plastikteile als Fische in unseren Ozeanen schwimmen, meinen die Experten der Universität von Tasmanien in ihrer Studie.

Seit Jahren tüftelt der junge Niederländer Boyan Slat an einer Methode, den Plastikmüll aus den Meeren zu fischen. Jetzt soll seine mithilfe von Crowdfunding finanzierte Erfindung schon bald in die Praxis umgesetzt werden. Slat kündigte in dieser Woche in Utrecht die nächste Etappe seines Projekts Ocean Cleanup an. Noch in diesem Jahr will er mit der Müllbeseitigung im Südpazifik starten.

Schwimmende Barrieren sollen den Unrat auffangen

Slat will die Meeresströmung, die den Müll zusammentreibt, nutzen. Schwimmende Barrieren sollen den Unrat auffangen. Beginnen will er sein Projekt zwischen Hawaii und der Küste Kaliforniens, wo weltweit der meiste Plastikmüll im Meer treibt. In fünf Jahren soll die Hälfte des dortigen Mülls eingesammelt sein. Ein kleiner Prototyp des Systems wurde im Juni vor der holländischen Küste getestet. Finanziert wurde der 1,5 Millionen Euro teure Test durch Crowdfunding und Spenden. Auch die niederländische Regierung beteiligte sich an der Finanzierung.

Die ursprüngliche Idee, eine 100 Kilometer lange V-förmige Barriere im Wasser auszulegen und am Meeresboden zu verankern, wurde aufgegeben. Stattdessen soll es nun eine große Barriere zusammen mit vielen kleineren Barrieren geben. Dies sei effektiver und zugleich kostengünstiger, sagte Slat. Jede der bis zu 30 kleineren Barrieren wird ein bis zwei Kilometer lang sein. Sie sollen nicht am Meeresgrund verankert sein, sondern von einem Anker gehalten werden, der langsam mit derselben Geschwindigkeit wie die Plastikteile von Wind und Strömung durch das Meer getrieben wird. Plastik wird äußerst langsam abgebaut. Slat präsentierte in Utrecht eine intakte Plastikflasche aus dem Jahr 1977, die im vergangenen Jahr aus dem Pazifik gefischt wurde. (mit AFP/dpa)

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