Partytauglich. Das indische Topmodel Archana Akil Kumar in Zazi Vintage Foto: Stefan Dotter
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Mit ihrem Label Zazi Vintage will Jeanne de Kroon alles anders machen als große Konzerne. Sie lässt dafür farbenfrohe Kleider in Indien fertigen und ist damit erfolgreich.

Die blonde Jeanne de Kroon nimmt ihre Gäste gern mit in ihr Schlafzimmer, vor einen weit geöffneten Kleiderschrank, voll mit bunt bestickten Jacken, Blusen und Röcken, viele alt und vor langer Zeit mit viel Mühe für besondere Ereignisse wie Hochzeiten und Feste in Ländern wie Afghanistan, Iran, Indien und Guatemala handgearbeitet.

In ihrer Neuköllner Küche sagt die 23-jährige Niederländerin: Es kann ja wohl nicht sein, dass ein paar alte Leute in den Aufsichtsräten großer Modekonzerne sitzen und auf Kosten vieler Frauen Profit machen. Sie meint damit die Ausbeutung von Frauen in der Textilindustrie in Ländern wie Indien oder Bangladesch, die Verschmutzung der Umwelt und den gedankenlosen Konsum. Deshalb will sie den Prozess sichtbar machen, die Geschichte der Näherinnen erzählen, Empathie wecken.

Bin nur mal kurz die Welt retten

Jeanne de Kroon will alles anders machen. Und weil die Studentin der Philosophie und Politik voller Idealismus steckt, will sie mit ihrem Label "Zazi Vintage" auch gleich die Welt retten. Selbst wenn sie sich aufregt, strahlt sie noch: "Wenn meine Kinder auch noch Kinder bekommen sollen, dann muss meine Generation etwas ändern."

Von einer ihrer Reisen brachte sie sieben afghanische Kleider mit, um sie in Deutschland zu verkaufen. Damit gründete sie 2016 ihr Label. Bald folgten die Mäntel. In Indien lernte sie Madhu Vaishnav kennen, eine Inderin aus einfachen Verhältnissen, die es bis an die Universität Berkeley schaffte. Gerade hatte sie im abgelegenen Dorf Bhikamkor die Hilfsorganisation "Saheli-Center" gegründet. Dort sollen Frauen, die in der rückständigen Region Rajasthan sonst keine Chancen haben, Arbeit zu finden, mit Nähen ihr eigenes Geld verdienen. Mädchen bekommen Unterricht. Mehr als drei Monate hat Jeanne de Kroon im vergangenen Jahr in Bhikamkor verbracht, hier werden ihre Kleider gefertigt, aus alten Ikatstoffen Usbekistans, mit knöchel- oder knielangem Rock, in der Taille gebunden, mit überschnittenen Schultern und bauschigen Ärmeln. In Afghanistan ließ sie Mäntel fertigen, die Jimi Hendrix gefallen hätten, aus bunt bestickten Teppichen, gefüttert mit Schaffellen aus der Mongolei.

Auf ihrem Handy zeigt sie ein Video, in dem sie ihre Mitstreiterinnen vorstellt, die Organisatorin Madhu, die Dorfbewohnerin Rikya mit ihrer goldenen Kuh, die sie sich von ihrem Lohn kaufen konnte, den Schneider, der ins Dorf kommt, um den Frauen beizubringen, wie sie die Kleider nähen sollen, und Archana Akil Kumar, ein indisches Topmodel, das extra für ein Fotoshooting nach Bhikamkor kam. Und mittendrin ist immer die strahlende Jeanne de Kroon zu sehen.

Bunt ist schöner. Die Designerin will mit ihrer Kleidung das Leben feiern Foto: Stefan Dotter
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Geplant hat Jeanne de Kroon ihre Karriere als Designerin nicht. Die Schulzeit beendete sie als "Superstreber" mit entsprechenden Noten in ihrer Heimatstadt Den Haag. Mit dem Vorsatz, nicht so künstlerisch verpeilt zu werden wie ihre Eltern – ihre Mutter ist Modejournalistin, ihr Vater dreht Dokumentarfilme über niederländische Künstler – schrieb sie sich an der größten Universität der Niederlande für Mathematik und Jura ein. Was sie da als ihre Zukunft vor sich sah, gefiel ihr gar nicht: "Eine blonde holländische Juristin mit einem blonden holländischen Juristen." Da musste sie ganz schnell weg.

"Deine Augen sagen: Party!"

Mit 200 Euro zog sie nach Paris, wurde als Model entdeckt und arbeitete als "erfolglosestes Model aller Zeiten". Was vor allem mit ihrer Einstellung zu tun hatte. Sie wollte nicht alles mit sich machen lassen, nur damit sie am Ende für eine Billigmodekette fotografiert wird. "Ich sehe lieber meine Kleider in der 'Vogue' als mich", sagt sie und kichert vor sich hin. Zur Berliner Fashion Week im Juli hat die deutsche "Vogue" sie eingeladen, ihre Kleider zu präsentieren. "Verrückt, oder?" Sie unterbricht sich, fragt: "Spreche ich zu schnell? Nee?" Strahlt glücklich, als sei ihr ein Wunsch erfüllt worden und redet weiter im Stakkato über die Zufälle, die sie zur Mode brachten.

Der größte Zufall von allen war der, als sie vor zwei Jahren, schwarz gekleidet, nihilistisch und orientierungslos in Nepal unterwegs war, um sich vom kalten Berliner Winter aufzuwärmen. In Kathmandu sprach sie eine fremde Frau auf der Straße an: "Deine Augen sagen: Party! Deine Kleidung aber sagt: Nein." Ehe Jeanne de Kroon sich versah, stand sie in einem Laden voll mit glitzernden Bollywood-Kleidern – und hatte bald das bunteste von allen an.

Infos: zazi-vintage.com

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