Für Paradiesvögel. Die Mode von Rianna + Nina. Foto: promop

Vintagemode Rianna + Nina sind Aushängeschilder der neuen Vintagebewegung

Sophia Steube
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Nicht nur Inspiration, sondern auch Material lässt sich aus der Vergangenheit schöpfen. Dabei entstehen Unikate, die nachhaltig sind und eine Geschichte erzählen. Dieser Mode haben sich drei Berliner Labels verschrieben.

In ihrem ersten Leben waren die Taschen Seidentücher, sehr sehr bunte Seidentücher. Genau wie die, die hinter dem gläsernen Schreibtisch in großen Bilderrahmen an der Wand hängen. Auf einem steht Hermès Paris, es ist vor lauter Pink, Orange und Blau alles andere als unauffällig und passt wie ein Puzzleteil in den Laden des Labels Rianna + Nina in der Torstraße.

Farbe! Das ist der erste Gedanke, der einem durch den Kopf schießt, wenn man durch die Glastür hineintritt. Wenn man die sorgfältig angeordneten Taschen auf dem marmorierten Tisch entdeckt, die großen Lampen mit bunten Schirmen, die gemusterten Kimonos, die Jacken, Röcke, Blusen und Mäntel. Nina Kuhn passt gut in diesen Laden. Sie trägt einen glänzenden Midi-Rock, dazu Schnürstiefeletten und einen grasgrünen Pullover. 2014 haben sie und Rianna Nektaria Kounou das Label Rianna + Nina gegründet. Produziert wird in Berlin und in Riannas Heimat Griechenland. Ihren Laden nennen die beiden auch Cabinet de Curiosités. Warum? Die Frage erübrigt sich quasi, sobald man ihn betritt. Angela Missoni jedenfalls sei sehr überrascht gewesen, als sie bei einem Besuch einen mehr als 40 Jahre alten Missoni-Stoff auf einem Lampenschirm entdeckte, erzählt Nina Kuhn.

Egal ob Lampenschirm oder Kissen, Kimono oder Kleid, jedes Teil in der Boutique ist ein Einzelstück und hat eine Geschichte. Denn für ihre Mode, die Accessoires und Interior-Artikel verwenden Rianna Nektaria Kounou und Nina Kuhn ausschließlich Vintage-Stoffe, aus vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten, aus Europa und der ganzen Welt. „Wir lieben diese Schatzsuche, das Gefühl, etwas Besonderes zu entdecken. Sobald wir einen tollen Stoff finden, wollen wir sofort etwas Neues daraus machen“, sagt Nina Kuhn. So wird ein alter Teppich aus Ungarn Teil eines Mantels, afghanische Ikat-Stoffe aus den 60ern werden zu Kissenhüllen oder eben Seidentücher zu Handtaschen.

"Die heutige Wegwerfgesellschaft ist uns zuwider."

Wiederverwenden statt wegwerfen, Unikate statt Massenware. Ob das die Antwort auf Fast Fashion, übermäßigen Konsum und die Arbeitsbedingungen in bangladeschischen Textilfabriken ist? „Es ist nicht so, dass wir unbedingt ein nachhaltiges Label sein wollen. Bei der Arbeit mit Vintage-Stoffen ist das einfach ein Nebeneffekt“, sagt Nina Kuhn. „Auf eine gewisse Art und Weise ist uns aber auch die heutige Wegwerf-Gesellschaft zuwider. Wir wollen zeigen, wie wertvoll Vergangenes ist.“ In Berlin sind sie da nicht die Einzigen.

Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi haben bereits für ihr Diplomprojekt an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee mit getragener Kleidung gearbeitet. Ihr Label SchmidtTakahashi haben sie 2010 gegründet, die erste Kollektion damals hieß „Reanimation“, Wiederbelebungsmaßnahmen. Kein anderes Wort könnte das Konzept der Designerinnen wohl besser beschreiben: Sie sammeln Altkleidung, zerlegen sie und kreieren daraus ihre eigenen Designs. Aus Alt mach Neu: „Upcycling“ sagt man in der Modebranche dazu.

Das Berliner Duo Schmidttakahashi macht Mode aus alter Kleidung. Foto: promop

Das Atelier von SchmidtTakahashi in der Chausseestraße sieht aus wie ein Archiv. Auf den Regalen, die bis zur hohen Decke der Räume reichen, könnten genauso gut Bücher stehen. Doch hier erzählen Stoffe die Geschichte: Pullover, Jeans, Shirts und Blusen stapeln sich auf den Brettern. Nur mit einer Leiter gelangt man an die Sachen in den Fächern ganz oben.

Bevor aus diesen Kleidungsstücken etwas Neues entsteht, werden sie zunächst fotografiert und alle vorhandenen Informationen festgehalten. Jede fertige Kreation versehen die Designerinnen dann mit einer Nummer, über die man den „Lebenslauf“ der Kleidungsstücke einsehen kann. Löcher und andere Gebrauchsspuren stören die beiden bei ihrer Arbeit kein bisschen. Im Gegenteil: Sie sehen die „Alterserscheinungen“ als ästhetische Elemente und heben sie in ihren Kreationen bewusst hervor.

Design ist wichtiger als Nachhaltigkeit.

Bis auf ihre Zweitlinie lassen auch Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi ihre Kleidung in Berlin herstellen. Die Kollektionen hängen in Paris, in London und kommen besonders in Japan gut an. Dabei sollte man meinen, dass auch in Deutschland Nachhaltigkeit mittlerweile nicht mehr sofort mit Jutebeuteln und mausgrauen Leinen-Tuniken in Verbindung gebracht wird.

Eugenie Schmidt glaubt, dass der internationale Erfolg des Labels viel mehr mit dem Design zusammenhängt als mit dem Nachhaltigkeitscharakter. „Wir wollten nie öko sein. Wir sind langsam kritisch geworden“, sagt sie. „Ich hoffe aber, dass dieses Jahrzehnt einen Umbruch bedeutet und die Leute anfangen, bewusster zu konsumieren.“

Nicht so minimalistisch wie die Designs von SchmidtTakahashi, eher so farbenfroh wie die von Rianna + Nina sind die Kleidungsstücke des Labels Zazi Vintage. Genau genommen sehen sie aus wie hübsche Souvenirs. Und irgendwie sind sie das auch. Die gebürtige Niederländerin Jeanne Zizi Margot de Kroon hat Zazi Vintage im Sommer 2016 gegründet. Sie lebt seit dreieinhalb Jahren in Berlin. Doch eigentlich hat sie in jedem der rund 30 Länder, die sie bereist hat, ein Stückchen Heimat gefunden – und wunderschöne Kleidung.

Reich bestickt, mit Perlen und kleinen Münzen verziert sind etwa die alten Kleider afghanischer Kuchi-Nomaden, die Jeanne de Kroon in Indien entdeckt und schließlich gekauft hat. Die Idee für Zazi Vintage war geboren: Die Wahlberlinerin will traditionelle Kleidung aus aller Welt anbieten und dabei einheimische Frauen unterstützen. Diese suchen Vintage- Schätze für Zazi und erhalten dafür einen Teil des Verkaufspreises sowie einen höheren Stundenlohn als in einer Textilfabrik. „Kleidung ist dazu da, Frauen stark zu machen. Da kann es nicht sein, dass die Frauen, die Kleidung herstellen, das für wenig Geld und unter schlechten Bedingungen tun“, sagt Jeanne de Kroon.

Für ihr Label Zazi Vintage sammelt Jeanne de Kroon traditionelle Kleidung. Foto: promop

Mittlerweile hat sie ihr Netzwerk ausgebaut und arbeitet auch mit Nichtregierungsorganisationen zusammen, die sich für Menschen in anderen Ländern einsetzen. In Indien etwa sammelt sie alte Stoffe, die von Frauen vor Ort zu Jacken vernäht werden. Von dem Geld, das eine Jacke einbringt, kann ein Mädchen in Indien ein Jahr lang zur Schule gehen.

Was mehr oder weniger als Online-Shop für alte traditionelle Gewänder aus aller Welt begonnen hat, entwickelt sich gerade zum innovativen Modelabel. Jeanne de Kroon arbeitet in ihrem Atelier in Neukölln an Entwürfen, die zum Teil aus traditioneller Kleidung bestehen und aus übrig gebliebenen Stoffresten, quasi dem Müll großer Modekonzerne. Der füllt in Indien ganze Hallen. De Kroon glaubt fest an die Zukunft fair hergestellter und nachhaltiger Kleidung: „Ich will beweisen, dass man in der Modebranche bestehen kann, ohne etwas Neues zu produzieren.“

Rianna + Nina Boutique, Torstr. 62, Berlin Mitte

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