Los geht's! Die Entwürfe von Last Heirs sind wie zum Arbeiten gemacht Foto: promop

Trends von der Berlin Fashion Week Arbeit für alle

Ann-Kathrin Riedl Grit Thönnissen
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So direkt hat sich die Mode schon lange nicht mehr an der klassischen Berufkleidung bedient: Müllmannhosen, Kappen wie beim Lieferservice und Blaumänner. Aber auch Asien, Knallfarben, und Mäntel hatten die Berliner Designer im Sinn.

Work hard play hard

Nein, der Mann links hat sich nicht durch Zufall auf die Fashion Week verirrt. Arbeitskleidung, wie sie zum Beispiel Müllmänner tragen, ist auf einmal auf dem Laufsteg zu sehen. Seit das Label Vetements in Paris mit einer sehr speziellen Mischung aus Work- und Streetwear die Modewelt in Aufregung versetzte, ist diese raue Ästhetik überall zu sehen, auch in Berlin. Da zeigte Ivanman am Dienstag Blaumänner und Hausmeister-Kittel, das Label Atelier About ließ seine Models mit Schirmmützen und grellgelben Oberteilen aussehen wie Lieferando-Fahrer. Und auch bei Sadak trugen sie weite Latzhosen über T-Shirts und sahen aus, als ob sie gekommen wären, um den Abfluss zu reparieren. Das Designerkollektiv Last Heirs, das bei dieser Fashion Week zum ersten Mal zeigte und aus deren Kollektion das Outfit links stammt, ging sogar noch einen Schritt weiter und ließ die Models während ihrer Präsentation Siebdrucke herstellen. Die Mode hat ein neues Arbeitsfeld gefunden. Denn klassische Berufskleidung ist als Inspirationsquelle noch relativ unverbraucht. Zuletzt wurde sie so massiv in den neunziger Jahren von den Designern verarbeitet. Den Reiz macht das Spiel mit dem Hässlichen aus.

Kimono reloaded

Der Koi ist ein sehr wertvolles Tier, in Asien kostet so ein japanischer Spitzenkarpfen schon mal mehr als 200 000 Euro. Deshalb passt es auch, dass Dawid Tomaszewski diese Fische als Druck auf seiner Kleidung verwendete. Aber nicht nur das, auch seine Kleider erinnerten an die Gewänder von Geishas, bodenlang und um die Brust gewickelt. Nicht nur Tomaszewski ließ sich in dieser Woche von Asien für seine aktuelle Kollektion für Frühjahr/Sommer 2018 beeinflussen. Kleider im Kimonostil sah man auch bei Antonia Goy. Die Designerin entwickelte aus dem traditionellen Gewand ein Hemdblusenkleid, dass sie in vielen Varianten über den Laufsteg schickte. Dabei stand immer wieder die gegurtete Taille im Mittelpunkt. Auch William Fan, der sich in seiner letzten Kollektion noch direkt auf seine Heimat Hong Kong bezog, zeigte viele Anleihen an den asiatischen Stil. Aber überhaupt passt die schlichte und strenge Linie der asiatischen Kleidung gut zu vielen Berliner Designern.

Dawid Tomaszewski kleidete seine Models wie moderne Geishas Foto: promop

Farben mit Ausrufezeichen

Es knallte bei der Fashion Week. Und zwar in Orange, Gelb, Babyblau und schreiendem Pink. So derart grell sind die Farben, dass sie beinahe in den Augen wehtun. Besonders wenn sie auch noch zusammen getragen werden, so wie bei Marc Cain, wo giftgelbe Overknees unter pinkfarbenen Kleidern einen beim Anblick beinahe erschlagen. Solche Kleidungsstücke sind wie ein Ausrufezeichen. Schau mich an! Bei Antonia Goy wird der Knalleffekt sparsamer eingesetzt, etwa in Form eines orangfarbenen Mantels, der über einem cremefarbenen Pullover getragen wird. Ivanman hingegen setzt auf knallblaue Komplett-Outfits. Aber auch bei vielen anderen Designern wurden richtige Farben wenisgtens als Akzent zu ansonsten schlichten Outfits eingesetzt, besonders gerne als Socken wie bei Dawid Tomaszewski. Klassischerweise schön ist das alles eher nicht. Hier zeigt sich der gleiche Gedanke wie bei dem Trend Arbeitskleidung. Was uns einst abgestoßen hätte, wird nun gefeiert.

Gut ummäntelt

Bei einer Fashion Week, die eigentlich Mode für den Sommer 2018 zeigt, über Mäntel zu sprechen, mag vielleicht irritierend scheinen. Aber längst hat sich in der Mode ein jahreszeitloser Ansatz breit gemacht, das haben wir auch schon bei der vergangenen Berliner Modewoche beobachten können. Die leichten Sommermäntel, wie sie nun gezeigt wurden, sind aber auch zu schön, um sie nur die Hälfte des Jahres zu tragen, kaum eine Kollektion kam ohne sie aus. Oft hatten sie dreiviertel lange Ärmel, Bindegürtel, die lang herabhingen und große Revers, wie bei Antonia Goy. Bei Michael Sontag waren sie aus weichem Leder, oft kimonoartig geschnitten. Bei William Fan waren sie rosafarben oder hellblau, sie glitzerten oder wirkten wie chrombeschichtet. Und sie wurden von Männermodels gezeigt. Nicht nur bei William Fan wurden wieder einmal die Geschlechtergrenzen überwunden. Die meisten Mantelmodelle, die auf der Fashion Week zu sehen waren, können von beiden Geschlechtern gleichermaßen getragen werden. Und so ein Mantel ist immer ein guter Schutz in unsicheren Zeiten.

Viel Stoff - ein Entwurf der DfT-Gewinnerin Lara Krude Foto: promop

Kleidung auseinandergenommen

Apropos unsichere Zeiten: Es ist eine alte Sitte unter Designern, wenn die Welt Kopf steht, wird Kleidung gerne deskonstruiert. Um so diesen Gemütszustand auch nach außen hin sichtbar zu machen. Mode wird auseinandergenommen, zerstört, zerlegt und neu zusammengebaut. Bis nichts mehr dort ist, wo es klassischerweise einmal hingehört hat. Bei Lara Krude, die den Nachwuchspreis „Designer for Tomorrow“ gewann, heißt das, an die Schulter einer Bluse wird einfach eine zweite genäht. Oder zwei Mäntel werden zu einem verhackstückelt. Vladimir Karaleev, ohnehin der Berliner Großmeister der Dekonstruktion, verkehrt unten nach oben und oben nach unten und setzt Blusen und Jacken so frei aus Stoffteilen mit unklarer Form zusammen, dass sich der ein oder andere bestimmt fragt, wo genau denn nun der Arm durch muss. Und Michael Sontag schneidet in seine Kleider kreisrunde Löcher und lässt wie als Symbol für die Verstümmelung deren ausgefranste Ränder einfach am Kleidungsstück hängen.

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