Der Maßkonfektionär Andreas Weidlich rät der Kanzlerin, die Hose mal gegen ein Etuikleid einzutauschen. Foto: Illustrationen für Andrews & Martin von Michele Ormas
p

Politiker und Mode Der schöne Schein der Politik

Ann-Kathrin Riedl
0 Kommentare

Noch nie waren Äußerlichkeiten im Wahlkampf so wichtig wie in diesem Jahr. Das liegt nicht nur an der Selbstinszenierung von Christian Lindner.

Spätestens nach diesem Wahlkampf dürfte dem letzten Spitzenkandidaten klar geworden sein, dass es in der Politik nicht nur um Inhalte geht. Es ist eben nicht nur wichtig, was ein Politiker zu sagen hat, sondern auch, wie er oder sie dabei aussieht.

Dass in Deutschland darauf geachtet wird, was Politiker tragen, hat auch mit dem Ausland zu tun, dem österreichischen Außenminister Sebastian Kurz, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und dem kanadischen Premier Justin Trudeau. Alle im besten Alter, mit charmantem Lächeln und mit gut sitzenden Anzügen ausgestattet. So attraktiv sind die beiden Staatschefs Macron und Trudeau, dass sie die Fantasie einer wachsenden Fangemeinde beflügeln. Ein Profil auf Instragam @macrontrudeauship dichtet ihnen sogar eine Romanze an. Neben Bildern, auf denen die beiden zu sehen sind, stehen Texte wie dieser: „Hier sieht man, dass Macron den Kanadier zum Reinbeißen findet.“ Das ist natürlich scherzhaft gemeint. Aber würde es einen solchen Account zu deutschen Politikern geben? „Schulzlindnership“?

In Deutschland herrscht immer noch die Grundannahme, dass mit jemandem, der sich zu sehr für sein Äußeres interessiert, etwas faul sein muss. Das hat zum einen mit einer Unsicherheit in stilistischen Fragen zu tun, zum anderen darf man auf keinen Fall besser aussehen als der Durchschnitt oder fürs Aussehen mehr Geld ausgegeben haben. Andreas Weidlich, Chef der Maßkonfektion Andrew & Martin, glaubt, das habe mit der Neigung der Deutschen zur Rechthaberei zu tun: „Wenn du einen Maßanzug trägst, gehörst du nicht zu uns.“

Er empfiehlt Martin Schulz weniger Schulterpolster und schräge Taschen für die Dynamik. Foto: Illustrationen für Andrews & Martin von Michele Ormas
p

Damit begründete auch SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz, warum er kein Interesse habe, etwas an seinem Aussehen zu ändern. Nicht an seinem fusseligen Bart, dem etwas zu großen Anzug, dem Kassengestell. Weil die meisten Menschen ihre Anzüge von der Stange kaufen und ein Kassengestell tragen, bleibt auch er dabei. Er will diese Leute nicht verprellen wie seinerzeit Gerhard Schröder im Brioni-Mantel. Der Look von Martin Schulz hat also durchaus eine Aussage: Ich kümmere mich nicht um meine Anzüge, sondern um die wirklich wichtigen Dinge. Das macht mich vertrauenswürdig.

Christian Lindner hat sich dagegen ganz bewusst entschieden, dass der kleine Mann nicht sein Wähler sein soll. Er setzt auf diejenigen, die Marken zu schätzen wissen. Als eine Marke präsentiert sich die FDP, als ihr Botschafter setzt sich Lindner in Szene. Der Parteivorsitzende macht sich also nicht nur Gedanken über das richtige Unterhemd. Niemand trägt so körperbetonte Anzüge wie er, ohne Krawatte, den obersten Knopf des weißen Hemdes geöffnet. Er hat sich die Augen lasern lassen, um keine Brille zu brauchen, sich neues Haupthaar transplantieren lassen und tut viel für seine Figur. Das ist zu viel des Guten in den Augen vieler Deutscher. Lindner ist ihnen zu geschniegelt, zu berechnend.

Für Cem Özdemir wünscht sich Weidlich ein lässiges Outfit. Foto: Illustrationen für Andrews & Martin von Michele Ormas
p

Akzeptiert wird eine optische Verschönerung nur, wenn sie unauffälliger vonstatten geht, wie bei Justizminister Heiko Maas. Erst wechselte er die Brille, dann die Anzüge. Jetzt trägt er sie figurbetonter, leicht tailliert, aber immer noch von der Stange. Die feine Hornbrille gibt seinem Gesicht einen Rahmen. Ansonsten scheint er sich sein Motto bei Angela Merkel abgeguckt zu haben: Keine Experimente. Kein Einstecktuch, keine bunten Krawatten oder Socken unterstreichen seinen Stil, manchmal trägt er von Kopf bis Fuß nur einen Farbton.

Dass sich Merkel dafür entschieden hat, in einer Kanzlerinnenuniform aufzutreten, ist ihr nicht zu verdenken. Wagt sie doch mal eine Abweichung vom bunten Blazer, wird das sofort kommentiert. Meist kommt nichts Gutes dabei heraus, da kann sie ihre 7/8-Wanderhose im Urlaub noch so privat und altersgerecht tragen. Der Kanzlerin nimmt man ab, dass Mode einfach nicht ihr Thema ist. Und Glaubwürdigkeit stärkt immer Vertrauen

Auch wenn es genau andersherum ist, bleibt die Kritik nicht aus, wie die an der britischen Premierministerin Theresa May. Sie nimmt für sich in Anspruch, gleichzeitig klug zu sein und sich für Kleider zu interessieren, wie man unschwer an ihren ausgefallenen Outfits oder zumindest ihren Schuhen erkennen kann. Mühelose Eleganz wie die der IWF-Chefin Christine Lagarde, die keine hämischen Kommentare nach sich zieht, findet man unter Frauen in der Politik selten. Wenn sich eine deutsche Politikerin Exzentrik leistet wie die Grüne Claudia Roth, wird sie mit Spott übergossen. Weil die Spitzenkandidatin der Linken, Sahra Wagenknecht, gerne gut geschnittene Kostüme trägt, kommt kaum ein Artikel über sie ohne Formulierungen wie „die schöne Kommunistin“ aus. In einem Porträt in dieser Zeitung hieß es: „Im Kostüm und auf hochhackigen schwarzen Schuhen, elegant wie eine Diva“.

Noch mehr Modemut traut er Christian Lindner mit großen Karos auf Doppelreiher zu. Foto: Illustrationen für Andrews & Martin von Michele Ormas
p

Überhaupt, der Umgang mit eindeutig gezeigter Weiblichkeit ist schwierig. Als die FDP-Politikerin Katja Suding 2015 bei einem Podiumsgespräch ein Stück Bein zeigte, hielt eine ZDF-Kamera voll drauf. Es folgte eine Entschuldigung des Senders und eine öffentliche Diskussion. „Mit diesen Beinen will Katja Suding die FDP aus dem Umfragetief holen“ hieß es.

Die Deutschen tun sich schwer damit, auf sich stolz zu sein, das wirke sich auch auf ihr Verhältnis zur Mode aus – diese Erklärung hört man von Modetheoretikern immer wieder. Gleichzeitig schielen sie gerne ins Ausland, wo das scheinbar so mühelos möglich ist. Das führt zu einem interessanten Widerspruch. Einen unmodisch aussehenden Schulz wollen die Leute nicht, einen geschniegelten Lindner aber auch nicht. Es wird wohl noch etwas dauern, bis man sich in Deutschland daran gewöhnt hat, dass das richtige Maß an Stil den Inhalten durchaus Aufmerksamkeit verschaffen kann.

Dietmar Bartsch sollte schmale Schultern und rote Farbakzente wählen, findet Weidlich. Foto: Illustrationen für Andrews & Martin von Michele Ormas
p
Zur Startseite