Drama, Baby. Ein typisches Kleid von Marcel Ostertag für den nächsten Sommer. Foto: promo
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Marcel Ostertag zieht nach Berlin Grüß Gott

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Marcel Ostertag galt lange als die Verkörperung des Münchner Designers. Seine Mode war einfach zu schick für Berlin. Doch jetzt hat er nicht nur sein Atelier hierher verlegt, seit dieser Woche gibt es auch einen Laden in Charlottenburg.

Marcel Ostertag sieht aus wie ein Designer, der auf alles vorbereitet ist. Auf die Kundin zum Beispiel, die aufgelöst in seinen Laden kommt, weil sie nicht das richtige Kleid finden kann. Die würde er wahrscheinlich erst einmal mit einem Gläschen Prosecco beruhigen und ihr dann seine Kleider vorführen. Das hat er neulich zum ersten Mal im Shoppingkanal HSE24 getan. Dabei schaut er mit seinen Rehaugen so freundlich in die Kamera, dass man denken könnte, hier stehe vielleicht der nächste Frauenversteher nach Guido Maria Kretschmer bereit.

Die nächste Sendung im November wurde abgesagt: „Alles ausverkauft!“, sagt Marcel Ostertag. Jetzt muss er erst einmal eine neue Kollektion entwerfen. Er ist das Gesicht seiner Marke und damit verkauft er seine Kleider. Die hängen jetzt in Berlin in der Schlüterstraße 12 in einem Laden, der perfekt zu ihm passt. Nix shabby, nix skandinavischer Minimalismus, stattdessen Stilmöbel mit goldenen Verzierungen satt, dazu schwarze Wände und bunte Perserteppiche. Die passen zu all den Seidenblusen und -kleidern, den mit verspieltem Distelmuster bestickten Wollblousons, Mänteln mit den weichfallenden vorderen Kanten und Lederhosen mit Volants an den Seitennähten.

Ein Blick auf seine Kollektion macht klar: Weniger er hat seine Mode der neuen Umgebung angepasst, sondern Berlin hat sich verändert. Oder vielleicht hat sich auch nur das Spektrum an verschiedenen Stilen erweitert. Und das ist hier ja immer noch Charlottenburg, das Stadtviertel, das am ehesten an seine alte Heimat München erinnert.

Aber für Marcel Ostertag gab es vor allem einen Grund, nach Berlin zu ziehen. Das ist die deutsche Stadt, in der Mode gemacht wird und dagegen kommt auch ein eingefleischter München-Fan nicht an. Nicht nur der gebürtige Berchtesgadener ist mit Sack und Pack in eine riesige Altbauwohnung nach Charlottenburg gezogen, er hat auch sein komplettes Team mitgebracht.

Eigentlich war die Verortung von Marcel Ostertag immer ganz klar: Der Designer mit dem weichen Zungenschlag gehört nach München. Und dort sind auch seine Kunden, viele Jahre hatte er einen Laden am Gärtnerplatz. Den gibt es längst nicht mehr, der Umsatz ist trotzdem weitergestiegen. Der Designer hat zu speziellen Erziehungsmaßnahmen gegriffen: Er macht einfach für vier Stunden einen Popupstore auf. „Wenn die Leute wissen, dass sie die Sachen nur für ein paar Stunden bekommen, kaufen sie“, sagt Ostertag. Auch er muss Strategien entwickeln, um Kunden, verdorben von immerwährenden Sale-Aktionen, wieder daran zu erinnern, dass man Kleidung Wertschätzung entgegenbringen kann. Deshalb bietet er auch keine riesigen Stückzahlen mehr an, sondern oft nur ein Teil pro Größe.

Warten auf den Winter. Auch Mäntel und Jacken gibt es bei Marcel Ostertag. Foto: promo
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„Ich bin wirklich sehr fleißig und arbeite gern für meine Mode", sagt er. Und dafür bekommt er gerne Lob, das er sich am liebsten nach einer Modenschau abholt. Er hat noch keine Saison der Berliner Fashion Week ausgelassen. Von daher ist er eine Art Ehrenberliner. Seitdem er 2006 sein Label gründete, zeigt er hier zweimal im Jahr seine Kollektion. Aber damit ist jetzt Schluss: Im Januar gibt es in Berlin nur eine Party, die Schau ist im Februar in New York.

Aber so richtig ausschließen will er auch nicht, dass er noch eine klitzekleine Schau auf die Beine stellt. So unwahrscheinlich ist es nicht, dass noch jemand mit ihm kooperieren will. Auch da gibt es eine Parallele zu Guido Maria Kretschmer. Auf seinen Laufsteg fuhr Ostertag schon im Auto vor, das auch auf seinen Imagebildern im Hintergrund stand. 2013 gewann er die Talentschau „Fashion Hero“ auf Pro Sieben. Damals zeigte Marcel Ostertag, warum er glaubt, dass sich die Medien für Designer als Entertainer interessieren: „Weil die ihr Handwerk beherrschen und authentisch sind“, sagt er und hebt zum Beweis seine Hände in die Höhe.

Dabei gilt auch für Ostertag eine Geschäftsweisheit, die in der Mode immer noch Gültigkeit hat: Wer es im Ausland schafft, hat es zu Hause leichter. Seit er vor zwei Jahren von einem der Hauptsponsoren der New York Fashion Week eingeladen wurde, seine Kollektion dort zu zeigen, hat er seine Umsätze in Deutschland verdoppelt. „Die Amerikaner mögen mich“, strahlt er. Und sie neiden ihm den Erfolg nicht. Das tut ihm sichtbar gut.

Zumal in Berlin gerade ungewiss ist, wie es mit der Berliner Fashion Week weitergeht. Auch wenn Mercedes Benz gerade verkündete, weiterhin als Sponsor einer sehr viel kleineren Ausgabe als der bisherigen mitzumachen. Ostertag will das Ganze erst mal abwarten und sich in New York feiern lassen.

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