Den Entwurf von Hvala Illija fotografierte Elfie Semotan in einem Wiener Hinterhof Foto: Elfie Semotan
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Im Gespräch mit Fotografin Elfie Semotan Mit Grenzen brechen

Grit Thönnissen
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Die Modefotografin Elfie Semotan erzählt, warum Nebensächlichkeiten und eine klare Haltung wichtig sind

Frau Semotan, eigentlich haben Sie sich ja aus der Modefotografie zurückgezogen...

Ich habe mich nicht prinzipiell zurückgezogen. Ich mag nur die meisten Vorgaben nicht. Für die Berliner Ausstellung über österreichische Mode hat mich die Kuratorin Claudia Rosa Lukas gefragt, ob ich die Arbeiten junger Designer fotografieren würde. Das fand ich lustig, so habe ich neue Designer kennen gelernt.

Haben Sie die Designer ausgewählt?

Ich habe sie zusammen mit einer Stylistin ausgesucht, die ich seit sehr langer Zeit kenne. Das sind natürlich auch Leute, die ich sehr gern mag, wie Petar Petrov. Der wird jedes Jahr ein bisschen besser. Seit Helmut Lang weg ist, ist das einer, der langsam nachkommt.

Viele Designer sind ja auch gar nicht auf Wien konzentriert, sie leben im Ausland.

Ja, was ist österreichische Mode? Natürlich würde ich sagen, es gibt traditionelle österreichische Mode, Dirndl und Trachten. Aber dieses Trachtenzeug ist so behaftet, das will keiner mehr haben.

Wenn man sich die Ausstellung anschaut, scheint es darum zu gehen, die Grenzen zu erweitern.

Darum geht es auch in meiner Fotografie – die Grenzen zu erweitern und zu brechen. In Österreich besteht ein starker Hang, Kunst in die Mode reinzuziehen und umgekehrt. Aber letztlich ist Mode, Mode, man zieht sie an. Früher ging es vor allem darum, dass Kleidung schöner, schlanker macht, aber inzwischen ist Mode auch ein Bekenntnis zu einer Gesinnung geworden. Die Haltung dazu ist differenzierter.

Anfang der Neunziger hat Ihr guter Freund Helmut Lang dem Durcheinander der Mode ein klares Bild entgegengesetzt. Und Sie haben die Bilder dazu gemacht – mit der Schönheit von Nebensächlichkeiten.

Ja, diese Schönheit ist ein eigenes Thema. Die Fotografin Sarah Moon hat mal zu mir gesagt: ,Du fotografierst Dinge, die man nicht sieht.‘ Und Helmut hat einfach den ganzen Schörksel weggeschmissen. Er wusste genau über die Tradition Bescheid und hat sie modernisiert. Das finde ich toll, weil Mode etwas ist, das sich logisch aus unserem Leben weiterentwickelt.

Sie haben Ende der Siebziger mit Bildern für die Wäschemarke Palmers provoziert, auf denen halbnackte Models selbstbewusst in die Kamera blicken. Würde so etwas heute eine Diskussion auslösen?

Diese Art der Diskussion brauchen wir heute nicht mehr, weil Frauen ganz nackt dargestellt werden, wenn sie nicht aus Prüderie zensiert werden.

Trotzdem ist die Empörung bei bestimmten Bildern heute groß.

Palmers hat Fotos veröffentlicht, auf denen Frauen im Kreis am Boden liegen. Alle haben sich darüber empört, wie jung die Frauen sind und wie schäbig das Zimmer aussieht. Ich sollte auch meine Meinung dazu abgeben. Aber das ist kompliziert, weil ich es nicht schrecklich finde, wenn eine Frau nackt gezeigt wird, die Fotos waren nicht obszön. Aber ich finde es schrecklich, dass man zehn Frauen hinlegt und nur ihren Hintern fotografiert. Das ist eine richtige Missachtung.

Die Aufregung ist groß, aber man kommt nicht an den Kern ran.

Das sollte man aber. Ich teile schlichte Empörungen nicht. Natürlich ist es schwierig darüber zu diskutieren, auch über die Frauenquote und den Feminismus. Kein Mensch traut sich mehr, darüber zu reden. Aber natürlich brauchen wir die Frauenquote. Wir haben tausend Jahre hinter uns, in denen Männer in der ersten Reihe standen. Da kann ich nur sagen: Beruhigt euch, es wird schon nicht so arg sein.

Zu den Designern, die sie ausgewählt haben, gehört auch Andreas Kronthaler, der Mann von Vivienne Westwood.

Andreas baut gerade ein Label auf, das gegen Vivienne Westwood bestehen soll. Das wird nicht einfach sein, gegen eine so mächtige Frau anzukämpfen, auch wenn es seine eigene ist. Deshalb fand ich es gut, dass er sich eigenständig präsentiert.

Elfie Semotan, 76, lebt heute in Wien und New York Foto: Ivo Kocherscheidt
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Wo wir gerade von dominanten Partnern sprechen. In vielen Interviews mit Ihnen geht es um Ihre Ehemänner Kurt Kocherschmidt und Martin Kippenberger. Erzählen Sie gern von den Beiden?

Als ich Kurt kennenlernte, haben mich alle gekannt und ihn niemand, und als ich Martin kennenlernte, war er nicht berühmter als ich. Ich habe damit nie Probleme gehabt. Gerade habe ich geholfen, eine Ausstellung über Kurt zu organisieren. Da ist kein Konkurrenzdenken. Kurt und Martin sind tot und ich freue mich, wenn sie durch mich lebendig bleiben.

Sie hatten das Glück, gleich drei besondere Personen kennen gelernt zu haben, wenn man Helmut Lang dazu nimmt.

Ich habe mir darüber Gedanken gemacht, warum das so war. Ich bin eine total selbstständige Person. Das allerwichtigste für mich war, meine Arbeit zu machen. Freundinnen, deren Ehen schief gegangen sind, haben mich gefragt, ,was hast du gedacht, was sein wird, wenn du heiratest?‘ Meine Antwort: ,Nichts wird sein, außer das ich mit dem Menschen zusammenlebe, den ich liebe und das stelle ich mir wunderbar vor.’ Da haben sie gesagt: ,Wir haben uns gedacht, mit der Heirat wird alles ganz anders.‘ Das ist natürlich fatal, dieser Glauben, dass eine Person dein ganzes Leben verändert.

Aber heute sind die Rollenbilder oft wieder viel ausgeprägter.

Es gibt Einflüsse, die in der Gesellschaft vorhanden sind, aber jetzt sind sie kommerziell und das finde ich so schrecklich, dass man so etwas zulässt! Mich interessiert es nicht, hübsche Frauen in einer hübschen Umgebung zu fotografieren. Natürlich, wenn man Mode fotografiert, muss sie in irgendeiner Form zu sehen sein, aber meine Arbeit kann trotzdem all diese Rollenbilder in Frage stellen und muss sie nicht weiter verstärken.

New Positions in Austrian Fashion Design, bis 18. Dezember, Me Collectors Room, Auguststr. 68, Mitte.

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