Opa strickt. Handarbeit ist zu einem generationsübergreifenden Hobby geworden. Foto: Rob & Julia Campell
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Ausstellung "100 Prozent Wolle" Komme, Wolle was

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Das Museum für Europäische Kulturen zeigt, dass das Schaf Lieferant für einen Rohstoff ist, der für unser Zusammenleben wichtig ist – weil er von unseren Händen gestaltet wird.

Schafe haben ein gutes Gedächtnis. Je ruhiger und sanfter der Schäfer ist, desto einfacher ist die Schur. Das ist eine der ersten Informationen, die man in der Ausstellung „100 Prozent Wolle“ im Museum für Europäische Kulturen in Dahlem bekommt. Es macht Spaß, sich die Bilder von Schafen anzuschauen. In den sanften Augen liegt oft mehr als ein treudoofer Ausdruck. Das muss der Grund dafür sein, warum es ein eigenes Schaf-Krimigenre gibt, in dem die Tiere die Fälle lösen. Auch diese Bücher können die Museumsbesucher lesen. Am besten, sie machen es sich damit auf den bereitliegenden Schaffellen bequem.

Diese Ausstellung ist alles andere als abstrakt. Es gibt darin Stationen zum Fühlen, eine Sitzlandschaft mit eingebauten Schubladen, in denen die verschiedensten Utensilien verstaut sind. Dazu kommen Filme und Dokumentationen auf Tablets, mit denen über die dunklen Seiten der Wollproduktion berichtet wird.

Wolle feiert eine Renaissance

„100 Prozent Wolle“ ist ein Experiment für das Museum für Europäische Kulturen. Das ist auch notwendig nach dem Umzug des Ethnologischen Museums ins Humboldt-Forum. Denn wer weiß schon, dass in Dahlem auf der Rückseite des Neubaus aus den siebziger Jahren noch ein voll bespielter Museumsbau in der Arminallee auf Besucher wartet?

Der Direktorin Elisabeth Tietmeyer ist vollkommen klar, dass sie hier nicht auf Touristen hoffen kann: „Die kommen vielleicht bei ihrem fünften Besuch, wenn sie alle anderen Museen in der Stadt besichtigt haben.“ Sie will vor allem die Berliner mit einem neuen Konzept in ihr Museum locken, das jetzt ausprobiert wird.

Ein „Maker“-Museum schwebt ihr vor, in dem man eben nicht nur Exponate entdecken kann, von denen das Museum aus jedem Winkel Europas reichlich in seinem Archiv hortet, sondern auch immaterielle Kulturtechniken. Das soll, wenn es nach Tietmeyer geht, am besten generationsübergreifend funktionieren. Fester Bestandteil der aktuellen Ausstellung sind regelmäßige Workshops. Dort kann der Großvater mit dem Enkel, die Nichte mit der Tante weben, stricken, häkeln und spinnen und so Techniken am Leben erhalten.

Damit wird zwar die Lücke nicht geschlossen, die der vom Lehrplan gestrichene Handarbeitsunterricht hinterlassen hat, aber wenigstens wird angedeutet, was man mit den Händen alles machen könnte. Deshalb liegen bei der Eröffnung auf jedem Platz ein Wollknäuel und Nadeln bereit, auf denen die ersten Reihen schon gestrickt sind.

In der Ausstellung sind selbst gestrickte Pullover zu bewundern Foto: David von Becker
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Für die Ausstellung hat sich die Museumsleitung Hilfe von jungen Absolventen des Masterstudiengangs Bühnenbild und Szenischer Raum von der Technischen Universität Berlin geholt. Mitten im ersten Raum steht ein Schaf in der Größe eines Kleintransporters, umhüllt von Schaffellen. Von seinem Rücken baumelt eine Strickleiter, die für Kinder als Aufforderung zum Klettern gedacht ist.

An der Wolle kann man sich wunderbar abarbeiten. Dabei steht das Schaf als Rohstofflieferant unbestritten im Mittelpunkt. Fast jedes Land hat seine eigene Rasse, in Russland das Romanovschaf, in Tirol das Jakobschaf, in Schweden das Gute Schaf und in Australien und Neuseeland, wo es weltweit die meisten Schafe gibt, lebt fast ausschließlich das Merinoschaf. Diese Wolle hat sogar einen eigenen Lobbyverband. Die „Wollmark Company“ verteilt auch an Berliner Designer Wollstoffe, die daraus Kleidung entwerfen sollen, um zu zeigen, wie modern Wolle sein kann.

Tatsächlich feierte Wolle in den vergangenen Jahren eine Renaissance. Nicht nur, dass wieder gestrickt wird wie in den Plenarsälen der siebziger Jahre, auch in der Mode wird Wolle wieder geschätzt. Das gilt nicht nur für große, grob gestrickte Pullover, sondern auch für den Wollmantel, der noch vor Kurzem chancenlos gegen die Funktionsjacke schien. Wolle ist bei ökologischer Funktionskleidung die Alternative zu Technostoffen, die tausende Jahre brauchen, um zu verrotten.

Im letzten Raum können sich Besucher über moderne, oft miese Produktionsbedingungen informieren Foto: David von Becker
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Wie sich Wolle im Vergleich zu nachahmenden Produkten aus Kunstfasern anfühlt, kann man an vielen Exponaten ausprobieren. Aufgereiht wie bunte Fahnen hängen Kleidungsstücke dicht an dicht in einem großen Rechteck von der Decke. Darunter ist einiges Handgestrickte, dessen Geschichte man sich durch ein Hörrohr erzählen lassen kann. Da ist der ausgeleierte Pullover, der einem ehemaligen Museumsmitarbeiter gehörte. Seine Freundin strickte ihn vor mehr als 30 Jahren. Weil er Filme in Technicolor liebte, verarbeitete sie Knallfarben in Blockmuster.

Auch ein Strickhemd aus der eigenen Sammlung des Entertainers Jürgen von der Lippe baumelt von der Decke. Entworfen hat es der Berliner Strickkünstler Horst Schulz. Erst spät war er durch das Stricken zu Ruhm gelangt, obwohl es ihn sein Leben lang begleitet hatte. Nach der Flucht aus Ostpreußen war er als Kind in einem Lager gelandet. Dort lernte aus lauter Not das Stricken. Es dauerte fast 40 Jahre, da lebte er längst als Dekorateur in Berlin, bis er sich seiner Fertigkeiten erinnerte. Fortan schuf er ein Kunstwerk nach dem anderen. Eines davon kann man nun in Dahlem wiederentdecken.

Museum für Europäische Kulturen, Arnimallee 25, Dahlem, bis 23.6.19. Sonntags gibt es von 14–17 Uhr eine Werkstatt, in der man verschiedene Techniken ausprobieren kann. Diesen Sonntag findet von 11–17 Uhr der 13. Textiltag statt. Textilkünstlerinnen stellen ihre Werke aus und zeigen ihre Techniken.

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