Das brasilianische Model Alessandra Ambrosio bei der Schau von Victoria’s Secret in Schanghai Foto: Fred Dufour/AFP
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Diskussion um kulturelle Aneignung Massai oder Nicht-Massai

Ann-Kathrin Riedl
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Bunte Perlen und Federschmuck als Deko für profane Unterwäsche: Victoria’s Secret zitiert fremde Kulturen und bekommt dafür ordentlich Schelte. Immer wieder wird Designern vorgeworfen, sich ungeniert an fremden Kulturen zu bedienen.

Sofort, als in den sozialen Netzwerken die ersten Fotos der diesjährigen Schau der amerikanischen Wäschemarke Victoria's Secret in Shangai auftauchten, war klar: Das gibt Ärger! Auf den Bildern waren von oben bis unten mit bunten Perlen und Federn behängte Models zu sehen, einige trugen Arm- und Halsschmuck, wie ihn Frauen des afrikanischen Volks der Massai tragen, um Herkunft, soziale Stellung oder Glaube zu zeigen. Im Netz, insbesondere auf Twitter, löste das Empörung aus. Ein Nutzer schrieb: „Es gibt so viele Themen, aus denen man wählen könnte, warum setzt Victoria's Secret immer wieder auf kulturelle Aneignung?“

Der Begriff „kulturelle Aneignung“ taucht in der Mode im Moment geradezu inflationär auf. Eigentlich bedeutet er, dass Elemente einer bestimmten Kultur transformiert, in einen anderen Kontext gesetzt werden. Wenn er heute verwendet wird, ist aber vielmehr der Klau von Kultur gemeint, vollzogen durch westliche, weiße Gesellschaften, die – so der Vorwurf – ungeniert Symbole, Handlungen oder Kleidungsstücke anderer, im Regelfall benachteiligter Ethnien kopieren und sich zu eigen machen.

Ein solcher Klau wird inzwischen überall gewittert: bei Marc Jacobs, der 2016 seine Models mit bunten Dreadlocks über den Laufsteg schickte, beim Modehaus Chanel, das sein Logo auf Bumerangs druckte, die traditionelle Waffe der Aborigines, und diese anschließend für tausende Dollar verkaufte, oder kürzlich bei Designerin Stella McCartney, die in ihrer Kollektion ein afrikanisches Muster verwendete. Beinahe monatlich gibt es neue „Skandale“, die mal mehr, mal weniger nachvollziehbar sind. Ihr Ablauf ist immer gleich: Eine vermeintliche „Ausbeutung“ wird von der Netzgemeinde entdeckt, über die jeweiligen Designer ergießt sich eine Welle der Kritik, danach entschuldigen sie sich öffentlichkeitswirksam und beteuern, in Zukunft achtsamer zu sein.

Neu ist das Thema der kulturellen Aneignung in der Mode genauso wenig wie in der Kunst wie und in der Musik. In den 60er- und 70er-Jahren ließen sich Designer für ihre Hippie-Ästhetik gerne von der Kultur des Nahen Ostens, Afrikas oder Indiens inspirieren. Man denke nur an Yves Saint Laurent, der immer wieder Elemente der marokkanischen Tradition in seine Kollektionen einfließen ließ. 1994 löste Chanel einen Skandal aus, als Claudia Schiffer in einem Abendkleid auf den Laufsteg trat, das mit Koranversen bedruckt war, die Karl Lagerfeld fälschlicherweise für ein orientalisches Liebesgedicht gehalten hatte.

So wird eine Braut bei den Massai in Kenia geschmückt Foto: Dai Kurkokawa/dpa
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Im Unterschied zu heute brauchte es damals noch mehr als einen Bumerang, um die Gemüter zu erhitzen. Man könnte nun vermuten, dass die Menschen heute besser informiert und sensibler sind und dass Missstände deshalb schneller auffallen. Vielleicht ist aber auch einfach das Erregungslevel gestiegen. In der bildbesessenen Welt von heute reicht oft ein flüchtiger Blick auf eine Kollektion, um große Empörung auszulösen. Die Entscheidung, was als verwerflich anzuprangern ist und was nicht, wird in Sekundenschnelle gefällt.

Schaut man sich die Victoria's-Secret-Schau an, ist sie so grell, so laut, dass man kaum anders kann als mit totaler Begeisterung oder mit totaler Abwehr zu reagieren. Eine wirkliche Auseinandersetzung findet hingegen kaum noch statt. Sonst müsste man darüber sprechen, dass Marc Jacobs viel eher von der Raver-Kultur der 90er-Jahre inspiriert war, in der eben auch Dreadlocks getragen wurden. Oder dass Bumerangs seit Jahrzehnten weltweit ein gebräuchlicher Sportgegenstand sind. Warum wird kulturelle Aneignung erst dann kritisiert, wenn sie in einer Chanel-Kollektion auftauchen?

Auch geht es wohl einen Schritt zu weit, Victoria's Secret Rassismus vorzuwerfen. Immerhin ist der Laufsteg des Dessous-Labels einer der, zumindest was die Herkunft und Hautfarbe der Model betrifft, diversesten der Modewelt. Wenngleich sich die Frage stellt, warum es sein muss, jedes Jahr Models in Kostümierungen aus verschiedensten Kulturen zu stecken, wenn es doch nur um Unterwäsche geht.

Im Grunde basiert Mode aber genau darauf, dass sich Designer aus verschiedensten Richtungen, Kulturen wie Subkulturen, inspirieren lassen, Referenzen zusammenwerfen. Wie sähe eine Modewelt aus, in der das nicht mehr erlaubt wäre? Wenn ein französisches Modehaus wie Chanel nur noch Inspiration aus der französischen Kultur ziehen dürfte? Vermutlich sehr langweilig. Und es gibt ja auch Beispiele, wie befruchtend es für alle Seiten sein kann, wenn traditionelle Kulturgegenstände und -techniken von Designern neu entdeckt werden. So wie bei der Berliner Designerin Isabell de Hillerin, die mit Frauen aus dem moldawischen Dorf Palonka zusammenarbeitete und für ihr Label traditionelle Stickereien und Klöppelarbeiten anfertigen ließ.

Im Grunde steht hinter den Diskussionen um kulturelle Aneignung ja auch ein viel größeres Problem als die Frage, ob Chanel einen Bumerang verkaufen darf oder nicht. An den wichtigen Positionen der Modebranche, das gilt für Designer, Journalisten und Konzernchefs, stehen fast ausschließlich weiße Europäer oder Amerikaner. Solange das so ist, werden Zitate, zum Beispiel aus der schwarzen Kultur, einen unguten Beigeschmack haben. Denn unterschwellig schwingt mit: Als Inspirationsquelle für unser Geschäft sind alle anderen willkommen, für mehr aber auch nicht. Würde die Modebranche in ihrer Gesamtheit endlich vielfältiger werden, würde vielleicht auch das Thema der kulturellen Aneignung weniger hitzig diskutiert werden.

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